„Istanbul“ im Alten Schauspielhaus Klaus aus Untertürkheim wandert aus

Ein Königreich für ein Wörterbuch: Der Arbeitsmigrant Klaus (Reinhold Weiser) in Istanbul. Foto: MARTIN SIGMUND martinsigmund.com /MARTIN SIGMUND

Was, wenn das Wirtschaftswunder nicht in Deutschland, sondern in der Türkei stattgefunden hätte? Im Alten Schauspielhaus wird die Migrationsgeschichte einmal anders herum erzählt.

Ein Theaterabend, der mit zwei Zugaben endet, das ist schon ziemlich außergewöhnlich. Da hält die meisten Zuschauer am Alten Schauspielhaus schon lange nichts mehr auf den Sitzen, Begeisterung in allen Reihen. Eine Stimmung wie bei einem Popkonzert. Und tatsächlich hat dieser Abend auch viel gemein mit einem solchen – die Zugaben sind dementsprechend keine Szenen, sondern Songs.

 

Istanbul“ heißt das Stück, in dem sich die Szenen einer Migrationsgeschichte um die Lieder von Sezen Aksu reihen. Sie ist die türkische Königin des Pop, seit mehr als 40 Jahren macht sie Musik und in der Türkei kennt sie jeder. Und weil im Publikum der Anteil der Stuttgarter mit türkischen Wurzeln immens groß ist, treffen Sezen Aksus sehnsüchtige und manchmal feierbiestige Klänge auf eine allgegenwärtige Resonanz.

Begeistertes Publikum

Die überbordende Stimmung wäre ohne die Musik nicht denkbar. Aber „Istanbul“ ist eben kein Konzert, sondern ein musikalisch angereichertes Bühnenstück, das auf vielen Ebenen begeistert. Die Grundidee ist so simpel wie genial: Die Migrationsgeschichte der sogenannten Gastarbeiter haben die Autoren Selen Kara, Thorsten Kindermann und Akın Emanuel Şipal einfach umgedreht. Das Wirtschaftswunder hat nicht in Deutschland, sondern in der Türkei stattgefunden. Und so macht sich jetzt Klaus aus Untertürkheim auf, um sein Glück in Istanbul zu machen. Was bleibt ihm übrig. Die Sehnsucht nach Stuttgart, die Zerrissenheit aber bleibt bis in die nächste Generation.

Reinhold Weiser spielt diesen Klaus mit Temperament, aber nie als Karikatur eines schwäbischen Provinzlers. Klar, es gibt den einen oder anderen Gag, wenn eben unbedingt der VfB-Schal noch mit muss. Doch in diesem Theatertext ist die Poesie nicht nur in den Liedern Sezen Aksus allgegenwärtig, deren Texte als Obertitel projiziert werden. Klaus schreibt seiner Luise Briefe, in denen er seine Sehnsucht und die Not, die aus der Sprachlosigkeit erwächst, sprachmächtig schildert. Ein Königreich für ein Wörterbuch.

Lektion in Sachen Empathie

Wunderbar auch eine Szene, in der Klaus eine Standpauke von seinem Istanbuler Kumpel Ismet (Aykut Kayacik) bekommt, dem tanzfreudigen Liebhaber der Stadt Istanbul: Warum sich die Kartoffeln eigentlich immer nur gemeinsam in den Hinterzimmern zusammenhocken würden, um Skat zu spielen und Herrengedeck zu trinken? Und warum sich nicht endlich mal die schöne türkische Sprache lernen würden? Wann denn, gibt Klaus wütend zurück. Schließlich müssten sie doch hier all die Drecksarbeit machen, für die sich die Türken zu schade wären. Und überhaupt, was wüsste er denn schon, wie es schwer es wäre überhaupt nur eine Wohnung zu finden, wenn man Maier, Schulze oder Gruber heißt…

So ist „Istanbul“ auch eine erhellende Lektion in Sachen Empathie, die aber nie moralinsauer daherkommt. Dafür ist das Stück zu unterhaltsam, ist das Mitwipp-Potential zu groß, wenn die vierköpfige deutsch-türkische Band aufspielt. Die Inszenierung von Murat Yeginer wird immer wieder zum Volksfest, da wird dem Publikum Chai ausgeschenkt und es zieht eine Polonaise durch den Saal.

Termine Noch bis 15. Juli; am 16. Juni ist Landtagspräsidentin Muhterem Aras beim Nachgespräch zu Gast, am 22. Juni der ehemalige Stuttgarter OB Wolfgang Schuster.

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