IT-Outsourcing Die Krisenregion als Geheimtipp

Von  

IT-Dienstleistungen aus Palästina? Ein kleines Unternehmen aus Stuttgart hat den Schritt dorthin gewagt – und ist des Lobes voll über einen Standort, den bisher nur die wenigsten in der Branche auf dem Radarschirm haben.

Ein Stuttgarter IT-Unternehmen will in Palästina Brücken bauen. Foto:  
Ein Stuttgarter IT-Unternehmen will in Palästina Brücken bauen. Foto:  

Stuttgart - Wenn Frank Müller die Standorte aufzählt, von denen aus er seine 180 Kunden betreut, sorgt er gelegentlich für Erstaunen: Stuttgart, Solingen – und Ramallah. IT-Dienstleistungen für deutsche Mittelständler direkt aus Palästina? Das Stuttgarter Unternehmen Axsos ist ein Pionier in einer Region, die in den kommenden Jahren noch stärker auf der Landkarte für globale IT-Dienstleistungen auftauchen könnte.

Frank Müller kennt die Klischees über den Nahen Osten: Unruhe, Gewalt und Chaos. Doch trotz aller negativen Schlagzeilen, die zurzeit aus der Region kommen, könnte für seine Firma die Realität zumindest im Westjordanland kaum weiter davon entfernt sein. 2011 hat Axsos mit fünf Mitarbeitern in Ramallah begonnen – heute beschäftigt die Firma dort 22 fest angestellte IT-Spezialisten, die Dienstleistungen erledigen, für die Deutschland zu teuer ist oder für die keine Fachkräfte zu finden sind. Diese 22 stellen heute fast die Hälfte der rund 50 Mitarbeiter der Stuttgarter Firma.

Für kleinere Unternehmen der IT-Branche wie Axsos sei Palästina ein Geheimtipp, sagt Müller: „Man braucht nur den Mut, gegen den Strom zu schwimmen. Meine Mission ist, dass das noch bekannter wird.“ Im Sommer 2012 hat auch das Walldorfer Softwareunternehmen SAP ein Kooperationsabkommen mit der Universität Bir Zeit in Ramallah geschlossen.

Zur Eröffnung der Firmensitzes kommt der Ministerpräsident

Gegen die Infrastruktur- und Bürokratieprobleme, mit denen sich IT-Firmen etwa in Indien herumschlagen müssen, seien die Voraussetzungen in Ramallah geradezu perfekt, sagt Müller; „Da haben sie einen besseren Breitbandanschluss als in vielen Gegenden Deutschlands.“ Auch als kleine Firma sei man in Palästina eine Größe: „In Indien erleben sie eine gewisse Arroganz im Umgang mit den Kunden – und wenn sie dort etwas durchsprechen, haben sie nicht immer eine Garantie, dass das auch so gemacht wird.“ Zur Eröffnung des Firmensitzes in Ramallah kam hingegen der damalige palästinensische Ministerpräsident. Als Müller ein steuerliches Problem monierte, drang er bei den Behörden sofort durch. Sicherheitsprobleme gebe es keine. Wenn etwa Kundendaten gespeichert würden, dann geschehe das im Rechenzentrum in Stuttgart. Für den unwahrscheinlichen Krisenfall haben wichtige Mitarbeiter ein Visum für Deutschland.

Für die Wirtschaft Palästinas ist die IT-Branche ein Hoffnungsträger. Hier sind israelische Zäune kein Hindernis. „Palästina ist ein abgeschotteter Arbeitsmarkt. Junge Leute können fast nirgends hin“, sagt Müller. Besonders schwierig ist die Lage in dem von der radikal-islamischen Hamas beherrschten Gazastreifen – um den auch Müller einen Bogen macht.

Jedes Jahr mehr als 1000 hochmotivierte IT-Absolventen

Doch Israel ist eine High-Tech-Hochburg. Das färbt auf das Westjordanland ab. Palästina bringt jedes Jahr mehr als 1000 Absolventen in IT-Berufen hervor. Sie sind hoch motiviert, sprechen manchmal drei bis vier Fremdsprachen, darunter Englisch praktisch als Zweitsprache. Müller lobt die hohe soziale Kompetenz.: „Es gibt ein riesiges Reservoir an Menschen, die nach Hoffnung streben.“ Für die Kooperation mit Europa sei die Region dank der kürzeren Entfernung und des geringeren Zeitunterschieds zu den Kunden besser geeignet als etwa Indien oder die Philippinen. Müller will expandieren. Erste Kunden in Palästina hat Axsos bereits. 2014 oder 2015 soll der israelische Markt folgen – allen Hürden zum Trotz. Mittelfristig könnte Palästina zum Sprungbrett für die Golfregion werden.

Doch Müller wäre wohl kaum auf die Idee gekommen, die Fühler nach Palästina auszustrecken, wenn er mit der Region nicht persönlich verbunden wäre. Ende der neunziger Jahre ging er für ein Sabbatjahr nach Palästina. Dort engagierte er sich im Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM) von Jerusalem in der Jugendarbeit. Damals schienen für ihn die Konfliktlinien klar, dafür sorgte schon seine Prägung im christlichen Milieu. „In diesen Kreisen herrscht oft eine pauschal pro-israelische Haltung vor, die nicht reflektiert wird“, sagt er. Die Begegnung mit dem palästinensischen Alltag stimmte ihn nachdenklich. Seither sieht er den israelisch-palästinensischen Konflikt nicht mehr schwarz-weiß. „Das Bild ist grau in grau“, sagt der Stuttgarter Unternehmer.

2001 heiratete Frank Müller eine Frau aus einer alteingesessenen Jerusalemer Familie mit sowohl jüdischen als auch palästinensischen Ahnen. Die Muslimin mit israelischem Pass verkörpert die ganze Komplexität des Konflikts. Doch es dauerte einige Jahre, bevor Müller selbst glaubte, einen Beitrag leisten zu können, um in der Region Brücken zu bauen. Er hatte in seiner 2009 gegründeten IT-Firma erste, durchwachsene Erfahrungen mit dem Outsourcing nach Indien gesammelt– und wollte Neuland betreten. Palästina sei nicht der billigste Standort: „Ein Mitarbeiter dort ist etwa halb so teuer wie in Deutschland, aber doppelt so teuer wie in Indien.“ Aber das Preis-Leistungs-Verhältnis stimme, sagt Müller: „Wir zahlen gute Löhne, aber dafür muss man auch hart arbeiten.“ Er holte seine künftigen Mitarbeiter zu einem dreimonatigen Praktikum nach Deutschland, um „deutsches Qualitätsdenken mit orientalischer Flexibilität zusammenzubringen“.

Ein Job bei einem ausländischen Unternehmen verändere das Denken von Menschen, die es gewohnt seien, sich als Opfer zu sehen. Und so las Müller einem Mitarbeiter die Leviten, als der beim Blick auf den Gehaltsstreifen bereits darüber klagte, dass ihm eine für deutsche Maßstäbe sehr niedrige Lohnsteuer abgezogen wurde. „Wenn ihr ein starkes Land wollt, dann müsst ihr auch ohne Murren eure Steuern bezahlen,“ sagte Müller. Dass es um mehr geht, als um nackte Zahlen, hat ein Mitarbeiter aus Ramallah im Juni bei einer Umfrage unter den Beschäftigten so formuliert: „Axsos gibt mir die Chance etwas in dieser großen Welt zu verändern – auch wenn es erst einmal klein ist.”