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Italien Bologna: Schön klug

Von Stefanie Bisping aus Bologna 

Rot, fett und gelehrt - so beschreibt sich Europas älteste Universitätsstadt selbst kokett. Dabei ist Bologna vor allem schick und schön.

Bologna - Die Luft ist erfüllt von Stimmengewirr, die Gäste drängen sich im Restaurant, an den Tischen davor, auf der Straße. Im „Zerocinquantuno“ in der Via de Pignattari trifft sich halb Bologna. Ohnehin ist der „Aperitivo“ eine Institution in der Stadt, in der immerhin fast 85 000 Studenten leben. Denn für zehn bis zwölf Euro erhält der Gast dabei neben einem Glas Wein freien Zugang zum Büfett - eine wegen ihrer Wirtschaftlichkeit von der jungen Generation besonders geschätzte Form der Frühabendgestaltung. Natürlich bildet sie nur den Auftakt. In Bologna sind die Nächte lang. Die Straßen der Altstadt sind nach Mitternacht mindestens genauso voll wie am späten Vormittag.

Dann brechen die Einwohner generationenübergreifend zum Mittagessen auf, um ein Glas Pignoletto zu trinken, den örtlichen Weißwein, und dazu einen Teller Tortellini in der Brühe oder etwas in der Art zu sich zu nehmen. „Wir lieben unsere Stadt, deshalb sind wir immer in ihr unterwegs“, erklärt Simone, ein Student aus Bologna. Sogar sonntags, wenn die Geschäfte geschlossen sind, strebt alles ins Zentrum. Die Leute trinken Kaffee, kaufen Zeitungen, treffen Freunde. Rot, fett und gelehrt - mit diesen unterschiedlich schmeichelhaften Adjektiven beschreiben die Bewohner Bolognas kokett ihre Heimatstadt. Rot weniger wegen ihrer politischen Ausrichtung seit dem Zweiten Weltkrieg als aufgrund des roten Ziegelsteins, aus dem Bolognas Altstadt erbaut wurde. Als gelehrt gilt die Perle der Emilia Romagna dank ihrer im Jahr 1088 gegründeten Universität. Fett ist sie schließlich ganz unzweifelhaft wegen der exzellenten Kochkunst, die hier gepflegt wird. So könnte man zwar in Bologna Wochen mit dem Studium von Kunst und Architektur verbringen, doch sollte genug Zeit fürs Essen bleiben.

Architektur und Kunst, Musik, Mode und Motoren

In 42 Kilometer Arkaden kann man einen Teil der Kalorien, deren Zufuhr hier unumgänglich ist, wieder verbrennen. Die schönen Laubengänge entstanden als aufgestockter Wohnraum für Studenten. So ließen sich die Häuser ab der ersten Etage zur Straße hin erweitern. Wurde in Bologna einstmals praktisch gedacht, regiert heute die Ästhetik. Architektur und Kunst, Musik, Mode und Motoren - diese Stadt hat alles zur Blüte gebracht, immer das Schöne bewahrt und mit Leben zu füllen gewusst.

Auf Piazza Maggiore und Piazza Nettuno schlägt Bolognas Herz. An einer Seite wacht die Basilika di San Petronio. Vor dem roten Rathaus steht der Neptunbrunnen mit seinem splitterfasernackten, 3,20 Meter großen Neptun aus Bronze - das Wahrzeichen der Stadt. Hier trifft sich Bologna: Studenten, Einkaufende, Flaneure. Bolognas bekanntester Exportschlager ist unzweifelhaft die Bolognaise, die hier als „Ragú“ bekannt ist - und niemals, unter gar keinen Umständen, zu Spaghetti gegessen wird. Denn an einer solchen Nudel kann die Soße nicht haften, die vier bis sechs Stunden köcheln muss, um ihr ganzes Aroma zu entfalten. Dafür gibt es die breitere, etwas rauere Tagliatelle oder Papardelle. Und: Basis des Ragú ist Rindfleisch - eine Alternative gibt es nicht. Punkt.

Wer diese Lebensregeln ver­innerlicht hat, kann sich ohne Fauxpas in den besten Restaurants der Stadt bewegen. Es gibt nun einmal Dinge, bei denen Italiener keinen Spaß verstehen. Ansonsten aber sind die Bewohner der Stadt ganz entspannt. Am Morgen sitzen sie im Zanarini, dem ältesten Café der Stadt, das seine lässige Eleganz bis heute bewahrt, bei Kaffee und Zeitungslektüre, bevor man sich die Auslagen der schicken Boutiquen in den Arkaden links und rechts anschaut und ein wenig umherspaziert. Bologna wäre nicht eine norditalienische Stadt, könnte man sich hier nicht in kurzer Zeit auf sehr angenehme Art ruinieren. Armani, Prada, La Perla, Louis Vuitton, Bulgari, Fendi, Yves Saint Laurent - alles, was gut und teuer ist, ist in der Galleria Cavour versammelt. Noch schöner: Es befindet sich im Herzen der Altstadt in historischer Bausubstanz. Dass eine derartig lebhafte Stadt umtrie­bige Menschen hervorbringt, ist kaum überraschend.

Die Brüder Maserati stammten aus Bologna

Und so schön wie Bologna selbst sind viele ihrer Erzeugnisse, von Lederwaren bis Luxuskarossen. Die Brüder Maserati stammten aus Bologna und gründeten hier 1914 ihr Unternehmen. Auch die Marke Lamborghini hat hier ihre Wurzeln, ebenso die Edel-Täschner Furla und Mandarina Duck. Bis 1803 war der Palazzo dell’Archiginnasio der prachtvolle Palast-Sitz der Universität, die heute über die ganze Stadt verteilt ist. Im ersten Stock ist mit dem holzverkleideten Teatro Anatomico der zweitälteste Anatomie-Hörsaal (nach Padua) zu bewundern. Ab 1637 saßen Studenten auf den schmalen Holzbänken, die das Einschlafen zumindest sehr erschweren.

Damit auch sonst alles im Rahmen der guten Sitten blieb, war stets ein Geistlicher zugegen. Die erste weibliche Lehrende musste gar hinter einem Vorhang vortragen, damit ihr Körper die ausschließlich männlichen Studenten nicht ablenken würde.