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Italien Die Entdeckung der Langsamkeit

Von Raimund Abel aus Bologna 

"Land der Motoren" wird die Emilia Romagna genannt. Ferrari, Lamborghini oder Maserati - es geht schnell.

Gemütlich geht es durch die Emilia Romagna in historischen Fiats.  Foto: Abel
Gemütlich geht es durch die Emilia Romagna in historischen Fiats. Foto: Abel

Chrrrrr. Chrrrrr. Mist. Schon wieder das Zwischengas beim Runterschalten vergessen. Das Getriebe des Fiat 500, Baujahr 1960, macht mit hässlichen Geräuschen unmissverständlich klar, was es von solch laienhaften Fahrversuchen hält. Wir sind unterwegs in der Emilia Romagna, im Land der Motoren. In historischen Wägelchen, die zu Italien gehören wie Pizza und Pasta.

Die Region entlang der Via Emilia von Piacenza bis Rimini ist die Geburtsstätte der Auto- und Motorradkultur der Italiener. Ferrari, Maserati, Lamborghini, De Tomaso, Bugatti oder Ducati – all diese klangvollen Namen sind hier zuhause. Wer nur ein wenig Gespür für die Faszination des Fahrens hat, kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. Alle paar Minuten donnert ein Sportwagen mit herrlichem Getöse vorbei.

Die betagten, aber munteren Cinquecentos knattern durch die Landschaft. Immer wieder sieht man grinsende Gesichter am Straßenrand. Satte 18 PS schickt der Motor an die Hinterräder. Tempo 80 als Richtgeschwindigkeit. Mehr geht nicht. Jeder kleine Hügel macht dem Wagen schwer zu schaffen. Kaum zu glauben, dass damals ganze Familien inklusive Gepäck damit in Urlaub fuhren – und wieder heil zurückkamen. Die Entdeckung der Langsamkeit – und das in einem Land, in dem sich die Menschen gern dem Rausch der Geschwindigkeit hingeben.

Erstes Etappenziel ist Ducati in Bologna, Hauptstadt der Emilia Romagna. Von etwa 80 Zweiradherstellern, die einst hier angesiedelt waren, sind nur noch Malaguti und Bimota (beide in Rimini) und eben Ducati übrig. Livio Lodi, Direktor des Museums, das auf dem Firmengelände zuhause ist, zeigt den Gästen das Werk. Für Motorradfahrer, und vor allem für Ducatisti, ein Besuch im Allerheiligsten.

"Wir produzieren hier keine Motorräder, wir produzieren Träume", sagt Lodi. 850 Arbeiter und Techniker lassen 40000 davon jedes Jahr wahr werden. Den günstigsten kann man für 7990 Euro erwerben, ein Monster mit 696 Kubikzentimeter Hubraum und 80 PS. Ducati lässt sich gern über die Schulter schauen, die Führung muss allerdings vorab gebucht werden (www.ducati.com). Lodi lässt keinen Zweifel aufkommen, wer die besten Motorräder der Welt baut. Seine Firma, "die Firma der Sieger", wie er sagt. Zum Beweis führt er die Gruppe durch das Museum, wo sich eine Rennmaschine an die andere reiht. Mike Hailwood, Carl Fogarty, Casey Stoner oder Valentino Rossi steuerten die Bikes über die Rundkurse dieser Welt – fast immer erfolgreich.

Von Bologna geht es nach Sant' Agata Bolognese, Heimat der Edelautoschmiede Lamborghini. Die Fenster sind runtergekurbelt, der linke Arm lehnt lässig auf dem Türrahmen, die Sonne strahlt, der Fahrer auch. Wer hätte gedacht, dass Geschichtsunterricht so viel Spaß machen kann? Kurz nach 12 Uhr ist es, als der Corso auf den Parkplatz von Lamborghini einbiegt. Die Arbeiter haben Mittagspause – und staunen. Tag für Tag schrauben sie ein gutes Dutzend Supersportwagen für 150000 Euro und mehr zusammen, aber sowas haben sie noch nie gesehen. "Mein Papa hat auch so einen gefahren", ruft einer durchs offene Fenster. "Das waren noch echte Fiats", sagt ein anderer.

Der Museumsbesuch startet angesichts der automobilen Attraktion mit Verspätung. Hier stehen Fahrzeuge, mit denen unsereins in der Jugend beim Auto-Quartett unschlagbar war. Miura, Countach, Diablo: Alle mit Zwölfzylindermotor, alle mit ausreichend PS und einer Höchstgeschwindigkeit deutlich jenseits der 250 Kilometer pro Stunde.

Ferruccio Lamborghini sei ursprünglich Traktorenbauer gewesen, sagt Museumsleiter Rodrigo Filipani Ronconi. Nach dem Zweiten Weltkrieg fertigte er Landmaschinen, die gebraucht wurden, um die brachliegenden Felder zu bestellen. "Die Traktoren machten den Signore reich, aber er liebte schnelle Autos", erklärt Ronconi. Mit den Ferraris, für die er sich interessierte, war er jedoch unzufrieden. So schlug er Enzo Ferrari einige Konstruktionsänderungen vor, die der brüsk zurückwies. "Bau du weiter deine Traktoren, Sportwagen sind meine Sache", soll Ferrari gesagt haben. Lamborghini war empört – und wollte es dem Widersacher zeigen. Das war die Geburtsstunde der Sportwagenschmiede mit dem Stier im Logo. Angriffslustig wie das Tier selbst sehen die Boliden bis heute aus. Flach ducken sie sich auf den Asphalt, selbst im Stand sehen sie einfach schnell aus. Jeder Lamborghini wird in Handarbeit gefertigt. Das kann bei einer Werksbesichtigung beobachtet werden. Schritt für Schritt vom Zusammenbau des Motors über die Innenausstattung bis zum fertigen Wagen. (Ticket inklusive Museum für 39 Euro, Buchung unter www.lamborghini.com).

Nächster Halt Modena: Maserati, die Marke mit dem Dreizack im Firmenlogo, hat hier seit 1914 ihren Sitz. Genau wie die Stanguellinis. Nur Kenner wissen, was es damit auf sich hat. Francesco Stanguellini gilt als "Vater der

Automobilindustrie" im Land der Motoren. Um 1900 gründete er ein Kfz-Werkstatt, die sein Sohn Vittorio übernahm. Beide waren vom Motorsport begeistert und machten sich mit selbst gebauten Rennwagen einen Namen. "Die Stanguellinis übertrugen ihre Begeisterung für das Automobil auf die Stadt Modena und die gesamte Region", sagt Arturo Vicario, der als Museumswärter Oldtimer-Fans die Sammlung zeigt. Versteckt in den hinteren Räumen einer Fiat-Vertretung stehen Sportautos und Rennwagen aus 100 Jahren (www.stanguellini.it).

Ferrari, heute in Maranello ansässig, produzierte ebenfalls zunächst in der Universitätsstadt seine schnellen Flitzer, an der Via Trento Trieste. Das Geburtshaus des Firmengründers wird in ein Museum umgebaut, Ende 2011 soll es seine Pforten öffnen. Wer nicht so lange warten will, wird in der Galleria Ferrari in Maranello bedient (Eintritt: 12 Euro, www.ferrari.com) – einer Kultstätte für Freunde des Motorsports. Den Besuch dort hat die Gruppe nicht mehr geschafft, die kleinen Fiats müssen ab und zu auch ausruhen.

Übrigens: Mein Wägelchen mit den schicken Rallye-Streifen war trotz der 50 Jahre, die es auf dem Buckel hat, robust genug und hielt den ganzen Tag durch. Von sechs gestarteten Cinquecentos blieben freilich am Ende nur drei übrig. Die anderen mussten unterwegs aufgelesen werden.