Anzeige

Italien Dolomiten: Kreisverkehr

Von Wolfgang Albers aus St. Christina 

Sie gilt als Mutter aller Verbundskigebiete und lockt im Winter jeden Tag 10 000 Skifahrer auf einen Marathon: die Sella Ronda im Herzen der Dolomiten. Vor 30 Jahren wurde sie gegründet.

Die Sella-Ronda -Runde in den Dolomiten bietet Skivergnügen für ausdauernde Skifahrer.  Foto: Albers
Die Sella-Ronda -Runde in den Dolomiten bietet Skivergnügen für ausdauernde Skifahrer. Foto: Albers

St. Christina - Alan Perathoner kann es sich eigentlich leisten, morgens lange im Bett zu bleiben, wenn die Lifte rund um den massigen Felsstock der Sella anfangen zu surren und die Gondeln nach oben schweben. Anders als jeden Tag 10 000 Skifahrer, die sich die wohl berühmteste Skischaukel der Alpen vorgenommen haben: die 42 Kilometer lange Sella Ronda. Die meisten fangen früh an, immer die Warnung im Hinterkopf, dass man sich schon ranhalten muss, will man abends den Ausgangspunkt wieder erreichen.

Fünf Stunden werden als durchschnittlicher Richtwert angegeben. Alan Perathoner dagegen könnte entspannt am Nachmittag starten. Zwei Stunden braucht er, um durchzukommen. Aber gut, der Mann aus Wolkenstein im Grödnertal war ein Skirennläufer, Weltcup-Fahrer und sogar 2002 in Salt Lake City bei der Winterolympiade dabei. Er kann also heizen - liebt es aber mittlerweile wesentlich entspannter: Als Skilehrer nimmt er Interessierte mit auf die Sella Ronda. Ein Skirundkurs - eigentlich mehr schon ein Mythos und auf jeden Fall das Markenzeichen des Skiverbunds Dolomiti Superski. Aber der Begriff soll älter sein, aus den Zeiten, als es im Winter die einzige Möglichkeit war, per Ski über die verschneiten Pässe in die Nachbartäler zu kommen.

Der jetzige Liftverbund entstand ab 1974, und es war keine einfache Geburt, da jedes Tal anfangs wenig Neigung verspürte, mit der Konkurrenz gemeinsame Sache zu machen. Aber dann wurden Abfahrten und Lifte so aufeinander abgestimmt, dass man immer weiter kommt. So umgibt jetzt ein Ring von technischen Anlagen die Sella. Nimmt man all die übrigen Lifte dazu - mehr als 450 sind es im Superski-Verbund - und noch die ganze Schneekanonen-Infrastruktur, die 98 Prozent der Pisten abdeckt, dann ist das erst mal ein geballter Eingriff in die Natur, der auch ständig weitergeht. Die Gipfelstation der neuen Dantercepies-Bahn ist jetzt bis an den Fuß der Cir-Spitzen herangerückt: ein futuristischer Glasbau vor der gelben Felsmauer. „Eigentlich müsste man gegen so viel Erschließung sein“, sinniert Leander Moroder. Er ist Leiter des Ladinischen Kulturinstitutes und war Gemeinderat in St. Ulrich.

„Es ist immer anders. Die Berge, das Licht, es wechselt ständig"

Eher grün angehaucht, wie er sagt. Aber auch er geht gerne auf die Sella Ronda: „Sie bietet dem Besucher so viel - alle zehn Minuten ein völlig anderes Landschaftsbild.“ Deshalb fährt sie auch Alan Perathoner mindestens 20-mal pro Saison, obwohl es selten einen Morgen gibt, an dem er aufsteht, ohne das etwas wehtut. 15 Jahre Profi-Skisport sind nicht gesund. Aber die Sella Ronda lenkt da ab: „Es ist immer anders. Die Berge, das Licht, es wechselt ständig. Und es gibt immer etwas Neues. Heuer war in einem Tal der Schnee meterhoch auf den Steinen, das habe ich so noch nie gesehen.“ Wenn Alan Perathoner mit seinen Gästen in Wolkenstein startet, stehen die - so sehen es viele - schönsten Berge der Welt wie die Kulissen eines riesigen Landschaftstheaters ringsum: die kühne Säule des Langkofels, der gewaltige Block des Puez und immer zur Rechten die zerfurchten Wände der Sella.

Wolken heben sich wie ein Vorhang, geben Einblicke in immer neue Scharten, Wände, auf Türme und Zackengrate. Und das Licht modelliert wie mit Scheinwerfern einzelne Steinrippen heraus oder bringt die Felsen zum Leuchten. Die Felsenszenerie ragt so jäh und direkt aus den Almen heraus, dass sie alles andere dominiert, was auch dazu beiträgt, dass Lifte und Pisten weniger auffallen. Zumal man auf manchen Pisten viele Kilometer unterwegs ist. Alan Perathoner legt mit seinen Gruppen immer früh los und beobachtet sie am Anfang genau. Zwar sind die Pisten nicht so steil, aber sie summieren sich in der Länge auf 15 bis 20 Kilometer, je nach Variante oder Linie.

„Und was viele unterschätzen: Man überwindet durch die vielen Liftfahrten immer wieder abrupt große Höhenunterschiede, geht immer mal wieder bis auf 2500 Meter hoch. Das schlaucht das Herz und den Kreislauf.“ Und wer einmal mitten in der Sella Ronda ist, muss komplett durch. Oder es ergeht ihm wie den drei Russinnen, denen Alan Perathoner nach der ersten Abfahrt geraten hatte, auf die Tour besser zu verzichten. Nein, nein, wir sind trainiert, wir machen viel Ballett und Sport, sagten sie. Und dann brachen sie dermaßen ein, dass sie schließlich für eine Abfahrt eineinhalb Stunden brauchten. Da hatten die Lifte dann irgendwann Betriebsschluss. Und für die Rückfahrt über einen großen Straßenumweg mussten sie ein teures Taxi bestellen.

Alan Perathoner liftet gerne noch auf den Vallon

Früh los, das hat noch einen Vorteil. Da ist bei guten Skifahrern noch der eine oder andere Abstecher drin. Schließlich führt die Sella Ronda durch drei Provinzen und vier Täler, darunter so berühmte Skidestinationen wie das Alta Badia oder das Fassatal. Alan Perathoner liftet gerne noch auf den Vallon. Da hat man das gesamte Dolomitenpanorama pur, bis hin zum Pelmo und zur Civetta. Weiter über die Porta Vescovo, von der man am ewigen Eis der Marmolada vorbeifährt. Dann kommt der Langkofel wieder in Sicht, kommen die weiten Hänge und das Felsenfeld der Steinernen Stadt am Sellajoch. Und Wolkenstein kommt näher. Für die Experten gibt es noch einen Extra-Schlenker hinüber zum Ciampinoi.

Dort startet die Sasslong, eine der legendäreren Weltcup-Pisten, 1970 für die WM in den Wald gefräst. Oben flacher, dann ein eng und steil werdendes Monster, wenn sie zum Rennen ordentlich vereist wird. Alex Runggaldier, einst Skischul-Vize in St. Christina, hat wie alle Skilehrer dann Dienst geschoben und musste den eisigen Buckel abrutschen, damit ja kein Körnchen die Schussfahrt hemmt. Walter Pause, einst ein Haudegen unter den Alpin-Autoren, hat es nur noch geschaudert: „Ein gereinigtes Schneeparkett, hindernisfrei, keinerlei andere Fahreigenschaften verlangend als Mut, Schneid, also rücksichtsloses Drauflosfahren.“ Das mit dem Mut hat Alex Runggaldier als Jugendlicher miterlebt, an der Stelle, wo zwei gewaltige Geländekanten die Athleten abheben lassen: die Kamelhöcker.

So mancher Weltstar umfuhr sie lieber und verzichtete somit auf den Sieg. Selbst das Kraftpaket Franz Klammer kniff. Schließlich warten die Wiesen von Ciaslat noch weiter unten, mit ihren Bodenwellen auch nicht gerade ein Idyll. Dann der Zieleinlauf, linker Hand sind die Tribünen, rechts stehen die VIP-Zelte. Na ja, beim Weltcup halt. Aber so ein bisschen fühlen wie ein Top-Athlet darf man sich auch als Normalskifahrer schon - nach dem Sella-Marathon und der Sasslong als Zugabe.

So wird das Skiwetter