Italien In der Via Pietro residiert Mailands Matriarchat

Die 78-jährige Giordana Masotto ist eine der „Urmütter der Liberia. Foto: Almut Siefert

Vor 50 Jahren wurde die erste Frauenbuchhandlung Italiens gegründet. Bis heute hält die Libreria Delle Donne die feministischen Ideen ihrer Gründerinnen lebendig.

Giordana Masotto greift ihren Gast am Arm und zieht ihn von einer Ecke des Ladens in die andere. Fragen sind überflüssig, es sprudelt nur so aus der 78-Jährigen. „Hier unten“, sagt sie und deutet auf eine Wendeltreppe in den Keller, „ist unser Schatz“. Was dort lagert sei sehr gefragt „für Universitätsarbeiten, Dissertationen und sonstige Forschung“. Es ist ein umfangreiches Archiv feministischer Literatur.

 

Wieder aufgetaucht aus dem mit Büchern und Ordnern vollgestopften Untergeschoss setzen sich Giordana Masotto und ein paar weitere Frauen zu einem gemütlichen Sofakreis zusammen und erzählen die Geschichte dieses Ortes. Vor 50 Jahren, im Herbst 1975, gründeten 15 Frauen hier in Mailand die Libreria delle Donne gegründet, die erste Frauenbuchhandlung Italiens.

Bei einem von einer französischen Frauengruppe organisierten Urlaub in der Normandie hatte Masotto von der Librairie des femmes in Paris erfahren. Die Idee begeisterte sie. Das wollten sie auch in Mailand: Einen Ort schaffen, einen Laden, zentral an der Straße, der für jeden offen ist, der hereinkommen möchte. Raus aus den privaten Wohnungen und sichtbar werden.

In der Libreria delle Donne ging und geht es nicht nur darum, Bücher zu verkaufen. Im Fokus stehen der Austausch, das echte Denken. Auch die Erzählung der Frauen über den Laden wird schnell zu einer Debatte über Werte, Theorien, Demokratie – schlicht über das menschliche Miteinander.

Inzwischen gibt es auch ein Fach „Freunde der Frauen“

„Wir haben die politische Entscheidung getroffen, nur Bücher von Frauen zu führen – ob Belletristik, Lyrik oder Sachliteratur“, erklärt Giordana Masotto. Inzwischen gibt es allerdings auch ein kleines Fach von etwa einem Meter Länge: Hier stehen die „Amici delle donne“ – die Freunde der Frauen. Also männliche Autoren, die auch für die Gleichberechtigung kämpfen.

Von Anfang an wurde alles streng gemeinschaftlich entschieden: Welche Bücher wählen wir aus? Wie sortieren wir sie in die Regale? In den 1970er Jahren habe eine Stimmung geherrscht, in der jedes kleinste Detail ausdiskutiert wurde. „Monatelang haben wir über nahezu alles debattiert“, erzählt Giordana Masotto. Irgendwann sagten sie: „Basta! Wir müssen auch mal eröffnen.“

In der zweiten Welle der Frauenbewegung wurde die Libreria, damals zentral am Mailänder Dom gelegen, schnell zum Fixpunkt für den Differenzfeminismus, der den Unterschied zwischen Männern und Frauen in den Fokus stellt und die Integration in ein männliches System nicht als Lösung der Ungleichbehandlung ansieht.

Traudel Sattler kam 1982 aus Heidelberg nach Mailand – und ist hier geblieben. Die neue Denkweise, die sie in der Libreria delle Donne kennenlernte, ließ die heute 71-Jährige nicht mehr los. „Ich habe damals einen großen Unterschied zwischen dem deutschen Feminismus und dem italienischen gesehen. In Deutschland glaubten wir so sehr an die Schwesternschaft, dass es so etwas wie Ungleichheit für uns nicht gab.“ Alle taten das Gleiche. Aber es gab jene, die sich mehr engagierten und jene, die weniger taten. „So entstanden Konflikte.“ Das erste, was ihr an der Mailänder Gruppe auffiel, war die große Altersspanne. Sie traf hier Frauen zwischen 20 und 70.

Als Zehnjährige nahm Fosca Giovanelli hier an einem Workshop teil

Das Besondere an der Buchhandlung sei, sagt Traudel Sattler, dass hier auch Texte aus der gemeinsamen Arbeit entstanden sind. Zum Beispiel das Buch „Non credere di avere dei diritti”. Der deutsche Titel: „Wie weibliche Freiheit entsteht“.

Fosca Giovanelli, 21, kennt die Libreria schon aus ihrer Kindheit. Als Zehnjährige nahm sie hier an einem Workshop mit der Philosophin Luisa Muraro teil. „Da lernte ich eine ganz andere Denkweise kennen“, sagt sie. Sie blieb den Ideen treu. Seit gut einem Jahr ist sie Teil der Website-Redaktion. Fosca Giovanelli studiert Philosophie in Verona. „In den politischen Bewegungen an der Uni ist alles sehr polarisiert. Wer nicht dieselben Gedanken hat oder mal etwas Abwegiges in den Raum stellt, wird ausgeschlossen.“ In der Libreria hingegen würden ihre Gedanken, Zweifel, Wünsche respektiert. Hier gehe es nicht darum, dass alle einer Meinung sind. Im Gegenteil.

Die Libreria ist auch an der „neuen“ Adresse in der Via Pietro Calvi, wo sie sich nun auch schon seit 25 Jahren befindet, mehr als nur ein Buchladen. Es ist ein Zusammenschluss von Frauen, die über Generationen hinweg wirklich etwas bewegen wollen.

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