Italien Sklaven im Weinberg

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Viele Agrarprodukte werden in dem Land unter unmenschlichen Bedingungen geerntet – von Immigranten, aber auch zunehmend von Italienern.

Schuften für einen Hungerlohn: die Arbeitsverhältnisse in der italienischen Landwirtschaft sind oft katastrophal. Foto: laif
Schuften für einen Hungerlohn: die Arbeitsverhältnisse in der italienischen Landwirtschaft sind oft katastrophal. Foto: laif

Rom - Üppig, prall und makellos sollen italienische Trauben aussehen, wenn sie deutsche Supermärkten kommen, und kosten sollen sie auch so wenig wie möglich. Doch der Preis dafür ist hoch, ihn zahlen andere – und zwar in teils unmenschlicher Weise. Wie jedes Jahr zur Haupterntezeit gehen Berichte durch italienische Zeitungen und erschüttern das ganze Land: Die Artikel beschreiben die Arbeitsbedingungen der Erntehelfer.

Afrikaner sind es zumeist oder Osteuropäer, mit der Krise aber zunehmend auch Italiener, die kein anderes Auskommen finden. Mehr als ein Drittel dieser Saisonarbeiter, 500 000 Personen oder mehr laut offiziösen Schätzungen, sind illegal beschäftigt, zu Löhnen, die weit unter den Tarifen liegen und von denen die halb- oder scheinlegalen Arbeitsvermittler große Teile für sich abzweigen. Und immer wieder sterben Menschen, „Sklaven”, wie sie in Italien heißen, in den Plantagen.

Paola Clemente zum Beispiel. Die Aufgabe der 49-jährigen Mutter von zwei Kindern war es, in einem apulischen Weinberg aus den reifenden Tafeltrauben verschrumpelte oder schimmelige Beeren herauszuschneiden. 49 Euro am Tag hätte der Tariflohn betragen, 27 Euro hat sie bekommen. Bis der Herzinfarkt sie traf auf offenem Feld. „Und ihre Leiche hat man nur deswegen nicht verschwinden lassen, weil sie Italienerin war“, schreibt die Wirtschaftszeitung „Il Sole 24 Ore“ – und spielt damit auf das Schicksal verschwundener Schwarzer oder Polen an.

Nach einer Woche Arbeit einfach vom Hof gejagt

Die meisten Arbeiter werden tageweise angeheuert, morgens bei Sonnenaufgang an einschlägig bekannten Straßenkreuzungen. Berufsmäßige Arbeitsvermittler, die mit den Großbauern zusammenarbeiten und der Scheinlegalität halber amtlich als „Reiseunternehmer” registriert sind, karren die Menschen in chronisch überladenen Kleinbussen oder Pritschenwagen auf die Felder, kassieren von jedem fünf Euro für die Fahrkarte morgens hin und fünf Euro für abends zurück; wer protestiert, bleibt ohne Arbeit am Straßenrand stehen.

Auf den Feldern müssen die Arbeiter sogar ihr Trinkwasser kaufen. Ein Euro für die Halbliterflasche. Manche bekommen von sieben Tage Arbeit nur zwei bezahlt. Einer Gruppe von Afrikanern ist es sogar passiert, dass sie nach einer Woche Arbeit vom Hof gejagt werden – ohne jeden Lohn.

Hinzu kommen die Wohnverhältnisse. Im Mezzogiorno leben Afrikaner zusammengepfercht entweder in verfallenen Bauernhöfen oder in „Zeltstädten”, die nur aus aufgespannten Planen bestehen. Im Piemont, wo der Barolo und andere teure Weine wachsen, haben sich dieses Jahr mit zunehmenden Flüchtlingszahlen auch die Lebensbedingungen der osteuropäischen Erntehelfer massiv verschlechtert. Das Magazin „Espresso” berichtete, die häufig rechts regierten Gemeinden schotteten sich dermaßen gegen alle Ausländer ab, dass die Bulgaren, Rumänen, Makedonier zwar den ganzen Tag über in den Weinbergen ernten sollen, aber keinen Wohnraum und keine Duschen zugewiesen bekämen.

Weinbauer auf Sizilien agieren besonders perfide

„Das lockt nur Schwarzarbeiter an”, wird ein Bürgermeister zitiert, der genau weiß, dass seine Großweinbauern vor Ort ohne ausländische Erntehelfer nicht weit kämen. So müssen sich, schreibt „Espresso”, die Arbeiter jeden Abend „unsichtbar machen”: in Bretterverschlägen oder unter Plastikplanen abseits aller öffentlichen Straßen oder an Flussufern, wo die Polizei trotz ihrer politisch verordneten „Null-Toleranz“-Strategie dann doch nicht hinschaut.

Eine besonders perfide Preisdrücker-Strategie haben offenbar sizilianische Weinbauern ausgekocht. Auf der Insel, wo die meisten Bootsflüchtlinge ankommen und wo sie über Wochen in Aufnahmelagern beherbergt werden, engagiert man sie jetzt – illegal natürlich – auch als Erntehelfer. Die Flüchtlinge akzeptieren noch niedrigere Löhne als die regulär im Land befindlichen schwarzen Saisonarbeiter, weil sie ja im Aufnahmelager verpflegt werden und auch nichts für die Wohnung bezahlen müssen. So berichtet es eine Gruppe von Flüchtlingshelfern und spricht vom „Krieg der Ärmsten gegen andere Ärmste“. Und wenn der Wein geerntet ist, dann kommen die Orangen dran, dann die Erdbeeren, dann Gemüse, Salat, dann wieder einmal Tomaten und Wein – alles bekanntlich exzellente italienische Produkte.