Italien: Widerstand gegen die Mafia Eine Frage der Ehre

Ständig in Gefahr: Der Autor und Journalist Paolo Borrometi wird seit fünf Jahren von fünf Sicherheitskräften rund um die Uhr begleitet. Foto: Stefano di Cecio

Der Konstanzer Mafiaprozess zeigt: die „ehrenwerte Gesellschaft“ ist längst in Deutschland angekommen. Was aber tut sich im Mafia-Mutterland Italien? Viel Überraschendes.

Rom/Palermo - Die Gasrechnung sei vor einiger Zeit gestiegen, er müsse das verstehen. „Aber das ist doch überall so, Amico“, sagt der kleine, untersetzte Mann und macht dabei die typische Geste, die in jedem Mafiafilm dem Zuschauer zeigt, wer in dieser Szene gerade das Sagen hat: Die Handfläche nach oben, die Spitzen von Daumen, Zeige- und Mittelfinger locker aufeinanderlegt, lässt er seine Hand auf Brusthöhe vor dem Körper ein paar Mal vor- und zurückschwingen. Die anderen Beschäftigten des Handyladens in der Innenstadt Palermos gehen derweil betont beiläufig weiter ihrer Arbeit nach. Auch der Kunde gibt sich lieber ahnungslos: „Einmal aufladen bitte, mit 20 Euro.“ Ob man hier auch nach einer Rechnung fragen sollte?

 

Der Kundenbetreuer wird nervös, tippt Zahlen in den Computer ein und murmelt etwas von ein wenig Geduld, das Schreiben werde nun ausgedruckt. „Nessun problema, kein Problem“, bietet sich doch so dem Kunden die Gelegenheit, dem realen Schauspiel in Hörweite unauffällig weiter beizuwohnen. Der Untersetzte hat seinem Gegenüber gerade betont freundschaftlich den Arm auf die Schulter gelegt, nimmt, während er ihm zum Abschied einen Kuss auf die Wange gibt, die Geldscheine an sich und verschwindet wieder. Nicht ohne ein „Bis zum nächsten Mal“ zu rufen, bevor er auf dem Motorroller davonbraust.

Auf Wiedersehen, Schutzgeld!

Es habe sich in den letzten Jahren zwar vieles verbessert, sagt Daniele Marannano, „aber das Phänomen der Schutzgeld-Erpressung ist leider noch immer weit verbreitet.“ Der 33-Jährige öffnet die Türe zu einem Palazzo in der Nähe des Bahnhofs. „Konfisziert von der Mafia durch die Stadt Palermo“ steht auf einem Schild neben der Eingangstür. Darüber prangt das Emblem des Vereins, der hier nun mietfrei und spendenfinanziert seiner Arbeit nachgeht. Der Name ist Programm: „Addiopizzo“ heißt so viel wie „Auf Wiedersehen, Schutzgeld“. Die Anti-Mafia-Bewegung setzt sich für Händler und Unternehmer ein, die sich nicht erpressen lassen wollen.

Mit der Gründung von Addiopizzo im Jahr 2004 wurde ein Tabu gebrochen. „Dass die Erpressung von Geschäften, Hotels oder Restaurants normal war, wusste jeder. Nur gesprochen hat darüber niemand“, sagt Marannano. Am Anfang stand eine Nacht-und-Nebel-Aktion: Aktivisten beklebten die Schaufenster der Palermer Geschäfte mit Aufklebern: „Ein Volk, das Schutzgeld bezahlt, ist ein Volk ohne Ehre“, war darauf zu lesen.

Niemand soll alleingelassen werden

Dabei ging es nicht darum, die Händler zu denunzieren, sondern jeden einzelnen Bürger an seine Verantwortung als Konsumenten zu erinnern. „Viele denken leider noch immer, der normale Bürger könne nichts gegen die Mafia ausrichten, der Kampf gegen das organisierte Verbrechen sei ausschließlich Sache von Behörden und Polizei“, sagt Marananno und schiebt sofort hinterher: „Aber das ist falsch. Kritischer Konsum ist schon mal ein guter Weg, sich einzumischen.“ Heute klebt ein orangefarbener „Addiopizzo“-Aufkleber an rund 1000 Geschäften in Palermo und Umgebung. An der Eingangstür zu dem Handyladen auf der Via Maqueda ist er nicht zu finden.

„Wir sind etwa 40 Mitarbeiter. Eine Gruppe aus Rechtsanwälten, Psychologen und auch Händlern, die in der gleichen Situation waren und nun anderen beistehen“, erklärt Marannano. „Den Betroffenen leisten wir nicht nur Beistand beim Gang zur Polizei und vor Gericht, wir schaffen auch ein Netz der Solidarität, damit derjenige, der diese immer noch schwierige Entscheidung trifft, nicht alleingelassen und isoliert wird.“

Alleine fühlt sich Paolo Borrometi nie. Isoliert schon. Auch er musste einmal eine Entscheidung treffen. Und jetzt? Zwei stämmige Männer stehen links und rechts von ihm, als der 35-Jährige auf einer kleinen Piazza im Herzen Roms vor einem Café auf seine Verabredung wartet. Borrometi stammt aus Sizilien, nach Rom ist er nicht freiwillig gezogen. Drei weitere Begleiter haben sich um die Tische und Stühle verteilt und behalten den Platz im Auge.

Ein streng bewachter Journalist

Der Autor und Journalist recherchiert im Umfeld der Mafia. Durch seine Arbeit konnten bereits unzählige Mafiosi hinter Gitter gebracht werden. Auch nach heftigen Drohungen und Prügelattacken stellte er seine Erkundungen nicht ein. Doch seinen Einsatz, seine „Pflicht“, wie er es nennt, bezahlt er mit seiner Freiheit. Seit fünf Jahren ist eine Eskorte von fünf Sicherheitskräften rund um die Uhr an seiner Seite. Borrometi ist neben dem Schriftsteller Roberto Saviano der am meisten bedrohte Journalist Italiens. Im April sollte eine Autobombe ihn mitsamt seinen Begleitern in Stücke reißen. Der Plan flog gerade noch rechtzeitig auf.

Das Problem liege tief, sagt Borrometi, „es ist die mafiöse Kultur, die unterschwellig im ganzen Land verbreitet ist“. Ein Beispiel? „Geh zur Post, da kannst du es genau beobachten: Die einen ziehen eine Nummer und warten, bis sie an der Reihe sind. Dann gibt es die anderen, die den Angestellten hinter dem Tresen kennen, sich mit einer Geste mit ihm verständigen und sich, eine Entschuldigung murmelnd, an der Schlange vorbeischieben. Sie erledigen ihre Geschäfte vor allen anderen, aber einen Aufstand der Wartenden wird es nicht geben.“ Die Italiener hätten sich über Jahrzehnte daran gewohnt, nichts zu sehen von dem, was vor ihren Augen passiert, sagt Borrometi. „Darum ist die Arbeit von Vereinen wie Addiopizzo so fundamental, denn sie schaffen vor allem eines: ein anderes Bewusstsein.“

Auch der Journalist ist der Meinung, es habe sich viel geändert in den letzten Jahren nach den brutalen Anschlägen auf Politiker und Mafiaermittler. Es gebe nun bessere Gesetze, und auch die andauernden Ermittlungserfolge und Festnahmen zeitigten Wirkung. „Aber auch heute sind leider diejenigen noch in der Mehrheit, die lieber wegschauen. Ob aus Fahrlässigkeit oder mit Vorsatz, aus Angst oder Bequemlichkeit: wegzuschauen heißt, die Mafia zu unterstützen.“

Ein Begräbnis wird zum Fanal

Vielleicht steht dahinter die Sehnsucht nach einem ruhigem Leben: ans Meer fahren, ins Theater oder ins Stadion gehen. Dinge, die Borrometi seit fünf Jahren nicht mehr gemacht hat. Er geht an die Bar, um noch einen Kaffee zu bestellen – die Leibwächter weichen ihm nicht von der Seite.

Ein erster Wendepunkt im Verhältnis zwischen Mafia und Gesellschaft liegt mehr als 40 Jahre zurück. In der Nacht zum 9. Mai 1978 wird Giuseppe Impastato, genannt Peppino, ermordet. Impastato, 1948 selbst in eine Mafiafamilie hineingeboren, hatte sich politisch und kulturell gegen die Clans engagiert, einen Radiosender gegründet, über den er die Machenschaften der örtlichen Mafia laut, frech und öffentlich anprangerte. Kurz vor seiner Ermordung ließ er sich als Kandidat für die Kommunalwahl aufstellen. Noch vor der Wahl zerriss ihn eine Bombe. Er musste den Kampf gegen die Mafia wie so viele mit seinem Leben bezahlen, doch sein Begräbnis wird zum Schlüsselereignis, zum Protestzug gegen das organisierte Verbrechen. „Als der Sarg durch die Straße getragen wurde, haben die Bewohner von Cinisi ihre Fensterläden zugezogen und wie immer weggeschaut. Doch aus ganz Sizilien waren Hunderte Unterstützer Impastatos angereist und verwandelten den Trauerzug in eine beeindruckende Demonstration“, erzählt Federico Varese, Professor für Kriminologie an der Universität Oxford. Den toten Mafiagegner wählten die Bürger Cinisis später in ihren Gemeinderat.

Dass solche Aktionen durchaus einen Effekt haben, weiß Varese. „Es ist eben nicht so wie im Fernsehen, wo alle Mafioso eiskalte Verbrecher sind. Nein, der Mafioso bekommt durchaus Angst, wenn er sieht, dass die Bevölkerung gegen die sogenannte ehrenwerte Gesellschaft aufsteht.“

Eine ähnliche Geschichte hat auch Leoluca Orlando zu erzählen. Der 71-jährige promovierte Jurist ist das Gesicht des heutigen Palermo. Des sauberen Palermo, zumindest wenn man die Zustände in der Stadt mit denen vor dreißig Jahren vergleicht. Von 1985 bis 2000 war er mit einer kurzen Unterbrechung Bürgermeister der Hauptstadt Siziliens und ist es seit 2012 wieder, auch er lebt seit Jahren unter Polizeischutz.

Kinder schützen die Anti-Mafiakämpfer

Nach der Ermordung des Richters Paolo Borsellino habe, so erzählt es Orlando, eine Zeitung geschrieben, er werde der Nächste sein. „Als die Frauen der Stadt das gelesen haben, haben sie der Polizei eine Liste mit Namen gebracht und gesagt: Unsere Kinder sind bereit, in dem Wagen von Orlando mitzufahren.“ Natürlich sei kein Kind in den Wagen gestiegen. Aber die Botschaft war: Orlando ist nicht allein. „Später fand ich heraus, dass zum ersten Mal in der Geschichte der Mafia die Mehrheit der Bosse Nein zu einem geplanten Mord gesagt hat. Es war ihnen zu heikel.“ Orlando schaut sein Gegenüber lange über den schweren Holztisch hinweg an. „Die Liebe von Frauen und Kinder war ein stärkerer Schutz als die Waffen von Polizisten.“

Keine Stadt habe sich so verändert wie Palermo, sagt Orlando. „Früher war die Mafia nicht einfach nur in Palermo, nein, sie hat Palermo regiert.“ Er hält beide Hände hoch und zählt demonstrativ seine zehn Finger ab. „Am Anfang waren wir in diesem Kampf sehr wenige. Meine Feinde, die Feinde von Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, die waren nicht draußen auf der Straße, die saßen bei mir im Nebenzimmer.“ Heute prangt an einer Hauswand am Hafen der Stadt das Bildnis der Ermittler Falcone und Borsellino, die 1992 blutigen Attentaten zum Opfer fielen. Falcone hatte auf die Frage, ob Italien die Mafia je besiegen werde, einmal gesagt: „Die Mafia ist ein menschliches Phänomen. Und wie alle menschlichen Phänomene hat auch sie einen Anfang, eine Blütezeit und ein Ende.“

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