Italienisches Gezerre um Da Vinci Unrühmliche Vorgeschichte
Die italienische Regierung mit Innenminister Matteo Salvini wollte verhindern, dass Leonardo da Vinci in Frankreich gefeiert wird.
Die italienische Regierung mit Innenminister Matteo Salvini wollte verhindern, dass Leonardo da Vinci in Frankreich gefeiert wird.
Paris - Die Zeichnung hängt etwas beiläufig in einer Ecke des Saales. Nichts deutet darauf hin, dass es sich um eines der großen Meisterwerke der Kunst handelt, um das es in diesem Fall bis zur letzten Minute ein juristisches Tauziehen gegeben hat. Doch nun weilt „Der Vitruvianische Mensch“ im Louvre und ist Teil der großen Ausstellung zu Ehren Leonardo da Vincis. Vor 500 Jahren ist das Genie gestorben, und noch immer wühlt sein Schaffen die Menschen auf. Bis zuletzt wollte die sehr national gesinnte Organisation Italia Nostra (Unser Italien) die Zeichnung auf keinen Fall an das französische Museum ausgeliehen sehen. Ihr Argument: das Werk sei zu fragil, um nach Paris transportiert zu werden. Die Richter sahen das nicht so und begründeten ihr Urteil mit „der außergewöhnlichen globalen Relevanz der Ausstellung im Louvre und dem Wunsch Italiens, deren kulturelles Potenzial zu erweitern“. Im Gegenzug wird das Pariser Museum im kommenden Jahr mehrere Raffael-Werke an Rom verleihen.
Der Richterspruch ist das Schlusswort zu einem monatelangen, bisweilen bizarren Gezerre darum, ob Kunstwerke Leonardo da Vincis aus Italien nach Frankreich ausgeliehen werden dürfen. Kunst und Kultur spielten dabei aber eine eher untergeordnete Rolle, denn blinder Nationalismus und selbstherrlicher Egoismus hatten die Führung übernommen. Begonnen hatte der Streit damit, dass Mitte 2018 in Rom eine extrem rechtsnationale Regierung an die Macht kam. Die Populisten sahen das Todesjahr des Genies als ideale Bühne, ihre Botschaften in die Welt zu tragen.
Für die Verantwortlichen im römischen Kultusministerium verkörperte Leonardo da Vinci die Synthese der italienischen Identität, weshalb es für Rechtspopulisten ein ziemlich abwegiger Gedanke schien, den großen Italiener ausgerechnet in Frankreich zu feiern. Kurzerhand wurde ein Abkommen der Vorgängerregierung über Leihgaben aus Italien nach Frankreich im Rahmen der Leonardo-da-Vinci-Ausstellung nicht unterstützt. Ausschlaggebend waren dabei gekränkte Eitelkeiten, denn die italienische Regierung fürchtete, dass Frankreich ihr im Wettkampf um die beste Schau den Rang ablaufen könnte. Innenminister Matteo Salvini ging so weit, dass er die „Mona Lisa“ zurückforderte. Dass das Bild in Frankreich hängt, ist vielen Italienern ein Dorn im Fleische.
In Frankreich war man mehr als verwirrt. Der Louvre-Direktor Jean-Luc Martinez schwieg, und Kulturminister Franck Riester beschwichtigte. Für ihn ist Leonardo ein europäischer und universeller Künstler, wie er dem französischen Radiosender France Info kurz vor einem Treffen mit seinem damaligen italienischen Amtskollegen Ende Februar sagte. Wenn es eine Ausstellung über ihn gebe wie die im Louvre, dann erstrahle auch Italien. Riester unterstrich, dass Kunst ein vereinendes Element sei: „Sie ist ein Verbindungsglied zwischen unseren beiden Völkern, die Nachbarn sind und seit jeher Kulturaustausch betreiben.“
Die nationalistischen Rabauken in Rom wollten davon nichts wissen. Doch der Spuk hatte ein jähes Ende. Im August zerbrach die Koalition der Populisten in Rom wegen interner Streitigkeiten. Es kehrte wieder Ruhe ein, und die proeuropäischen Nachfolger machten sich in Windeseile daran, die Scherben zu kitten. Bei der Eröffnung der Ausstellung in Paris redeten die Verantwortlichen nur ungern über dieses unrühmliche Kapitel. Zu tief sitzt der Schock. Aber nun wissen alle, was passiert, wenn ein zerstörerischer Nationalismus nicht nur das Wort, sondern auch die Macht ergreift.