Jáchym Topol zu Gast im Stuttgarter Literaturhaus Lesung aus „Ein empfindsamer Mensch“

Von Jörg Plath 

Großes Kasperletheater paart sich mit Ritterroman, wenn Jáchym Topol am Beispiel einer Schauspielerfamilie beschreibt, wie Europa zerfällt und die tschechischen Provinz vor sich hinrottet.

Jáchym Topol war der jüngste Unterzeichner der Charta 77, landete als Wehrdienstverweigerer in der Psychiatrie und war nach der Samtenen Revolution die junge Stimme Tschechiens. Jáchym Topol erzählt von einer Welt, die sich verschließt. Foto: 3sat
Jáchym Topol war der jüngste Unterzeichner der Charta 77, landete als Wehrdienstverweigerer in der Psychiatrie und war nach der Samtenen Revolution die junge Stimme Tschechiens. Jáchym Topol erzählt von einer Welt, die sich verschließt. Foto: 3sat

Stuttgart - Nach der Samtenen Revolution 1989 schlug der tschechischen Schauspielerfamilie überall Sympathie entgegen. Doch nun werden Mohrle, Sonja und ihre zwei Kinder von Brexiteers als „Polish Vermins“ aus England vertrieben, ungeachtet ihres entschiedenen Protests, sie seien kein polnisches, sondern tschechisches Gesindel! In Spanien diffamiert man sie als Massenurlauber, in Frankreich als Zigeuner, in Deutschland als Chaoten. In Ungarn geraten sie unter Flüchtlinge, im ukrainischen Kriegsgebiet werden sie beschossen. Immerhin gilt das „Russian Vermin“ dort mal nicht ihnen, sondern einem gewissen Scherar Depardiö mit Knollennase, Schauspieler französischer Abstammung.

Jáchym Topols Roman „Ein empfindsamer Mensch“ beginnt mit einer sarkastischen Bestandsaufnahme des zerfallenden Europa, um dann die tschechische Provinzheimat zu mustern. Sie ist keine Idylle. Die Wohnungen starren vor Dreck. Beherrscht wird das Dorf von einem Familienclan, einer Autoschrauberbande, die sich im Wald versteckt. Es gibt ein gepflegtes Dorfbordell, einen verrotteten Campingplatz am Fluss und ziemlich viele Konflikte, von denen das nahe, reiche Prag keinen blassen Schimmer hat.

„Ein empfindsamer Mensch“ dreht die Richtung des wuchtigen Romans „Die Schwester“ um, der Topol 1994 bekannt machte. Damals öffnete sich die Welt auf chaotisch-hoffnungsvolle Weise, nun schließt sie sich. Die Alten tragen sich mit Selbstmordgedanken. Ein früher „ganz Schlimmer“ ist gläubig geworden und errichtet mit Anhängern eine gewaltige Kirche. Verarmt hausen Dorfbewohner in verfallenden Unterkünften. Mohrle wird von seinem ehemaligen Lehrer rüde „Dissidentenpimpf“ genannt: Wie habe er die drei Dekaden der Freiheit in Böhmen genutzt? Mit ein bisschen Theaterspielen?

Jáchym Topol, Sohn eines berühmten Dramatikers und Dissidenten, war der jüngste Unterzeichner der Charta 77, landete als Wehrdienstverweigerer in der Psychiatrie und durfte nicht studieren. Er veröffentlichte im Samisdat und wurde nach der Samtenen Revolution die bekannteste junge Stimme des Landes. Acht Jahre brauchte er für „Ein empfindsamer Mensch“, weil er als Programmleiter der Václav-Havel-Bibliothek Oppositionelle aus aller Welt zu Gesprächen nach Prag einlud. Der ehemalige Punk stärkt die Zivilgesellschaft der jungen Demokratie Tschechien.

Zwischen Kasperltheater und Ritterroman

Szenerie und Personal seines Romans wuchern ins Mythische. Sonja wird ermordet, aber nicht begraben – Mohrle fehlt im Existenzkampf die Zeit. Der namenlose Sohn spricht nicht, sein Zwillingsbruder wächst nicht, erfreut sich aber eines prächtigen „Juwels“ in der behaarten Körpermitte. Selten besitzt Mohrle Geld, noch seltener rechtmäßig, und eben geklautes geht sofort wieder verloren. Verhaftung, Prügel oder Schlimmerem entkommt Mohrle stets mit knapper Not. Eine pikareske Grundstruktur hält eine auf hohen Touren laufende, meist groteske Imagination in der Spur. Großes Kasperletheater paart sich mit dem Ritterroman, und jede Szene scheint dank der Übersetzungskünste von Eva Profousová unterlegt von Gekicher und Gelächter.

Wie immer in seinen Romanen wirbelt Topol die historischen Traumata des Landes durch die Lüfte. Das jüngste Trauma präsentiert er als Menetekel Europas: Eine krege Alte plaudert von einer Begegnung mit Präsident Miloš Zeman, der ihr verraten habe: Reiche Russen und Chinesen planten, das schöne Tschechenland zum Sanatorium für ihresgleichen auszubauen. Allen werde es dann gut gehen! Topol lässt daraufhin die Autoschrauberbande einen russischen Panzer, den die Jugend des Dorfes 1968 vom geraden Invasionsweg abbrachte, aus dem Fluss bergen, reparieren und stolz zu einer Hochzeit brettern. Die wilde Fahrt endet am Dorfbordell, vor dem sich die ansonsten durch vornehme Zurückhaltung glänzende Polizei versammelt hat. Schüsse lösen sich und legen das Bordell gründlich in Schutt und Asche. Unfreiwillig natürlich.




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