Jagd auf helle Haut Pigmentstörung lässt Tausende Afrikaner leiden

Sithembiso Mutukura in ihrer Heimatstadt Harare mit Schärpe und Krönchen. Foto: Hedemann

Sie werden verfolgt, verachtet und im besten Fall nur mit dem Tod bedroht: Albino-Menschen in Afrika. Jetzt gibt es die erste Schönheitskönigin mit dem Gendefekt. Aber hilft das wirklich im Kampf gegen eingebrannte Vorurteile?

Harare - „Du bist wunderschön. So wie Du bist“, sagte die Mutter von Sithembiso immer wieder. Aber warum starrten die Menschen ihre Tochter dann mit teils unverhohlener Abneigung an? Warum zeigten sie mit dem Finger auf sie? Warum ließen sie sie immer wieder spüren, was offensichtlich war: dass Sithembiso ganz weiß und ganz anders ist als alle anderen.

 

Hatte die Mutterliebe Sithembisos Mama lügen lassen? Sithembiso wollte es wissen. Sie nahm an der ersten MissAlbinismus Wahl in Simbabwe teil. Ihre Mutter hatte nicht gelogen. Sithembiso gewann. Das Bild der strahlenden Siegerin ging um die Welt. Jetzt will die Studentin ihren neu gewonnenen Ruhm nutzen, um gegen Vorurteile, Hass und Gewalt zu kämpfen. In Simbabwe, in Afrika und in der ganzen Welt.

Manche Mütter ertränken ihre weißen Babys

„Als ich klein war, habe ich Gott in meinen Gebeten oft gefragt, warum ich so anders bin. Eine Antwort habe ich nie erhalten. Trotzdem habe ich mich so akzeptiert, wie ich bin. Ich wollte nie schwarz sein. Ich wollte immer ich selbst sein. Mit meiner Haut. Meine Familie hat mich dabei immer unterstützt“, erzählt Sithembiso Mutukura in Harare, der Hauptstadt Simbabwes.

Die Unterstützung durch die eigene Familie ist in Afrika keine Selbstverständlichkeit. Vor allem auf dem Land gilt ein Kind mit Albinismus noch als Fluch. Manche Mütter ertränken oder ersticken ihre weißen Babys unmittelbar nach der Geburt oder setzen sie aus. Oft werden die Mütter von hellhäutigen afrikanischen Jungs und Mädchen von ihren Männern verlassen. Auch einige Mitglieder der Familie von Sithembisos Vater unterstellten der Mutter zunächst, ihren Mann betrogen und das Kind mit einem „weißen Geist“ gezeugt zu haben. „Meine Eltern hatten deshalb große Probleme. Aber weil sie sich, mich und meine Brüder und Schwestern lieben, haben sie sich nicht auseinandertreiben lassen“, sagt die 22-Jährige, die zwei hellhäutige und zwei dunkelhäutige Geschwister hat.

Sithembiso sagt, was sie denkt. Sie versteckt und fürchtet sich nicht. Für Hunderttausende andere Afrikaner, bei denen auf Grund eines Gendefekts die Bildung des Pigments Melanin gestört ist, ist die Angst jedoch auch im Jahr 2018 ständiger Begleiter. Es ist nicht nur die Furcht vor der Sonne. Ihre gleißenden Strahlen schädigen die Augen der Menschen mit der Pigmentstörung, brennen ihnen dunkle Hautkrebsflecken in die helle Haut. Es ist vor allem die Angst vor intoleranten Menschen, die viele hellhäutige Afrikaner immer noch ein Leben in Dunkelheit und im Verborgenen führen lässt.

Fünfjährige in Mali geköpft

Nach Angaben des Büros des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte kam es in Afrika seit 2006 in 28 Ländern südlich der Sahara zu mehr als 600 Angriffen auf Menschen mit Albinismus. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein. Erst vergangene Woche wurde bekannt, dass in Mali ein fünfjähriges Albino-Mädchen geköpft wurde. Bewaffneten Männer entführten es zuvor aus dem Dorf Fana 125 Kilometer nördlich der Hauptstadt Bamako. Die Ermittler gehen von einem Ritualmord aus. Schlimm ist die Lage auch im kleinen Malawi im Südosten des afrikanischen Kontinents. Dort wurden zwischen 2014 und 2016 nach Angaben von Amnesty International 18 Menschen mit Albinismus getötet, erklärte die UN-Albinimus-Beauftragte Ikponwosa Ero, die selbst unter dem Gendefekt leidet, dass ohne Gegenmaßnahmen den rund 10 000 Albinos in Malawi mittelfristig die „Auslöschung“ drohe.

Zuvor war schon Tansania, das Paradies aus dem Reisebüro-Katalog, für hellhäutige Tansanier zur Hölle geworden. Die Vereinten Nationen schätzen, dass dort zwischen den Jahren 2000 und 2015 mindestens 75 Menschen mit Albinismus getötet wurden. Skrupellose Wunderheiler hatten verbreitet, dass die Körperteile der hellhäutigen Afrikaner reich machen könnten. In brutalen Ritualmorden hackten Menschenjäger ihnen Hände, Arme, Zungen, Köpfe, Beine und Geschlechtsteile ab und zogen ihnen die Haut ab. Oft bei lebendigem Leib.

Fischer in Tansania glaubten, sie würden mit Gold gestopfte Fische fangen, wenn sie Fleisch oder Haare von Menschen mit Albinismus als Köder verwenden würden. Und auch wo Bergbau betrieben wird, trauten sich die Menschen mit der Pigmentstörung kaum noch aus dem Haus. Die Wunderheiler hatten den Schürfern eingeredet, dass das Gold an die Oberfläche steigen würde, wenn die Bergleute den Schädel eines Menschen mit Albinismus auf die Mine legten. Bis zu 75 000 Euro wurde nach Schätzungen der UN für eine vollständige Leiche gezahlt.

Albinos werden als Schmarotzer beschimpft

Nach dem die tansanische Regierung unter internationalem Druck schließlich entschlossen gegen die Mörder vorging und mehrere Todesstrafen verhängte, hat die Situation sich im ostafrikanischen Land mittlerweile entspannt. Doch noch immer spielen Menschen mit Albinismus in vielen afrikanischen Filmen die Bösewichte, oft wird vor ihnen ausgespuckt, sie werden als „Gehäutete“, „Niemand“ oder „Geist“ verhöhnt oder müssen gar um ihr Leben fürchten.

In Simbabwe leiden die Hellhäutigen vor allem in den ländlichen Gegenden. Weil sie sich keine teure Sonnencreme leisten können, können sie nicht auf den Feldern schuften. Oft werden sie deshalb als faule Schmarotzer beschimpft. Schönheitskönigin Sithembiso Mutukura, die Soziale Arbeit in Harare studiert, hat immer in Städten gelebt. Doch Vorurteile gegenüber den weißen Schwarzen gibt es auch hier: „Manche Männer glauben, dass Frauen mit Albinismus besonders gut im Bett seien. Das kann uns gefährlich werden. Andere glauben sogar, dass der ungeschützte Geschlechtsverkehr mit uns Aids heilen kann“, berichtet sie.

An ihrer Uni fällt Sithembiso Mutukura besonders auf. Denn viele Menschen mit Albinismus haben Probleme mit den Augen, können schon als Kinder die kleinen Buchstaben in den Schulbüchern und die Schrift an der Tafel kaum entziffern, kommen deshalb in der Schule oft schlecht mit. Aus Unwissenheit wird ihnen das von Lehrern und Mitschülern oft als Dummheit ausgelegt.

Miss-Wahlen sind in Simbabwe beliebt

Mutukura hat sich vorgenommen, diese Ignoranz zu überwinden. Dafür ist sie aus dem Schatten ins Rampenlicht der Misswahl getreten. „Auch wenn es nicht einfach ist: Wir wollen unsere Schönheit der Welt zeigen. Wir müssen uns selbstbewusst zu unser Andersartigkeit bekennen. Wir sind keine Opfer. Wir sind genauso schön, genauso talentiert und genauso intelligent wie alle anderen Menschen auch! Deshalb wollte ich diese wunderschönen Mädchen und Frauen zum Glänzen bringen“, sagt Brenda Mudzimu Chibvongodze, die die Miss Albinismus Wahl in einem Nachtclub organisiert hat.

Brendas Idee war so einfach wie gut. In Simbabwe sind Miss-Wahlen äußerst beliebt. Eine weiße Schönheitskönigin wird dazu führen, dass Bürger mit heller Haut nicht mehr verachtet werden. Soweit die Theorie. Die Praxis sah anders aus: Zunächst fiel es der ebenfalls hellhäutigen Brenda schwer, Sponsoren und einen Veranstaltungsort zu finden. Umgerechnet noch nicht einmal 80 Euro Preisgeld konnte sie Mutukura, die sich vor rund 150 Zuschauern gegen zwölf andere Frauen durchsetzte, schließlich auszahlen. Entmutigt hat Brenda das nicht. Im Gegenteil: Sie plant bereits eine Miss-Albinismus-Afrika- und eine Miss-Albinismus-World-Wahl.

Sithembiso Mutukura wäre für beide Wettbewerbe automatisch qualifiziert. Im Gegensatz zu erfolgreichen Models mit dem Gendefekt wie Thando Hopa aus Südafrika oder Diandra Forrest aus den USA, sieht die Studentin ihre Zukunft jedoch nicht auf Laufstegen. „Die Wahl hat mir große Chancen eröffnet, für Randgruppen zu kämpfen. Die will ich nutzen! Aber nicht nur als Beauty-Queen. Ich will UN-Sonderbotschafterin gegen die Diskriminierung von Menschen mit Albinismus werden“, sagt die Schönheitskönigin. Bislang hat Mutukura fast alles erreicht, was sie sich vorgenommen hat.

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