Jagd auf unerwünschte Mitbewohner In Stuttgart leben mehr Ratten als Menschen

Die Ratte ist ein intelligentes, soziales und flinkes Tier – doch dem Menschen bereitet sie Probleme. Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka

Auf jeden Menschen in Stuttgart kommen schätzungsweise vier Ratten. Die Stadt lässt sie mit Giftködern bekämpfen. Muss das sein?

Eren Tanrikut hat die Lizenz zum Töten. Er steht an der Goethestraße, gleich um die Ecke vom Stuttgarter Hauptbahnhof, und hebt den mit einem roten „V“ markierten Gullydeckel aus dem Asphalt. V wie verdammte Viecher. In den Bürogebäuden spiegeln sich graue Wolken. „Mal schauen, wie viele es dieses Mal sind“, sagt Tanrikut, angezogen wie ein oranger Leuchtstift. Er klappt seine Teleskopstange auf, um die Köderbox aus dem Untergrund zu fischen. Da unten, etwa drei Meter unter der Straße, liegt das blaue Gift. Geschmacksrichtung: Schoko-Nuss, wie Nutella. Das mögen die Ratten am liebsten.

 

Eren Tanrikut Foto: Lea Ernst

Der Geruch nach frischen Crêpes wabert durch die Stuttgarter Innenstadt. Beim Brezelkörble riecht es nach Butter, vor der Bäckerei hat ein Junge sein Salamibrötchen auf den Boden geschmissen. Zur Mittagszeit strömen die Menschen aus den Bürogebäuden in Restaurants und Imbisse. Pizza, Schnitzel, Nudelbox.

Die Ratten sind überall

Auf jeden Menschen kommen in Stuttgart vier Ratten, schätzt der Schädlingsbekämpfer-Verband. Etwa 350 Millionen sind es in ganz Deutschland, aber genau weiß das niemand. Sie leben in Kolonien, in der Stadt wie auf dem Land, meist unter der Erde, aber auch in Kellern, Dachböden und Mülldeponien. Überall, wo der Mensch ihnen etwas zum Knabbern hinterlässt.

Sie vermehren sich rasend. Bis zu 60 Junge zieht eine Wanderratte im Jahr auf. Die häufigste Rattenart isst praktisch alles, sie klettert, schwimmt und taucht meisterhaft. Sie ist so anpassungsfähig, dass sie als eines der wenigen Lebewesen einen Atomkrieg überleben könnte, vermuten Forscherinnen und Forscher. Und nicht nur das: Der Klimawandel spielt ihr in die Karten. Je milder die Winter, desto weniger Kältestress haben alte und kranke Tiere. Desto länger wird auch die Saison, in der sich Ratten fortpflanzen.

Weil sie Bakterien wie Salmonellen, nierenschädigende Hantaviren und andere Erreger übertragen können, stuft sie das Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg als meldepflichtige Schädlinge ein. Wer eine sieht, muss das den zuständigen Behörden melden.

Die Tiere verbluten innerlich

Klack! In der Tiefe rastet die Teleskopstange ein. Meter für Meter zieht Tanrikut die Köderbox ans Tageslicht. Vor vier Wochen war er zum letzten Mal hier an der Goethestraße, um das blaue Gift in die Box einzusetzen. Ein blaues Klötzchen, mit einer dünnen Wachsschicht vor Feuchtigkeit geschützt. Heute kontrolliert Tanrikut, wie viele Ratten seit seinem letzten Besuch in die Box geklettert sind. Vor vier Wochen waren es noch 13, im November sogar 147 Tiere gewesen. Knabbert die Ratte am Köder, dauert es nicht lange, und das Gift beginnt zu wirken. Erst gelangt es in den Magen-Darm-Trakt, von wo aus es sich im Blut verteilt. Dort hemmt es ein Enzym, das für die Blutgerinnung zuständig ist. Selbst kleinste Verletzungen und Risse in den Blutgefäßen können nicht mehr heilen. Das Blut sammelt sich in den Organen, drückt auf das umliegende Gewebe. Die Ratte wird langsamer und schwächer, kann schon bald nicht mehr richtig atmen. Nach etwa zwei Tagen ist das Tier innerlich verblutet.

Tanrikut schraubt den Verschluss der Box auf. Seit vier Jahren arbeitet er für Rockstroh. Die Firma reinigt eigentlich Straßen, Brücken und Entwässerungsanlagen in ganz Süddeutschland. Aber auch die unzähligen Kilometer Rohre, Schächte und Kanäle im Untergrund. Rund 1700 verästelte Kilometer, eine Strecke von hier bis nach Istanbul. Das Zuhause der Ratten.

„Der Untergrund ist für die Ratten wie eine Autobahn“, sagt Patrick Feyl. Als er vor 18 Jahren bei Rockstroh anfing, öffnete auch er manchmal Gullys und legte Giftköder aus. Heute steht der Außendienstmitarbeiter auf dem Parkplatz der Stadtentwässerung Stuttgart. Orange Leuchtweste über weinrotem Rollkragen. Hin und wieder klingelt sein Telefon, dann koordiniert er die Einsätze seines Teams. Feyl liebt Katzen, könnte nie ein Tier töten, sagt er. „Aber bei Ratten habe ich kein Mitleid.“

Die Schäden sind gewaltig

Drei Meter unter der Erde erreichen sie jeden Winkel der Stadt. Auf ihrem Weg nagen sie sich mit ihren messerscharfen Zähnen durch fast alles, was ihr in den Weg kommt. Holz, Metallblech, Isoliermaterial und Kabel. Oft fällt deswegen der Strom aus oder Lichtsignale streiken. Bei Feyls Kunden sorgt das schnell einmal für Schäden im sechsstelligen Bereich. Dann verteilt Rockstroh ihre Köderboxen. Mit einem Sensor messen diese anhand Bewegung und Wärme, wie viele Ratten der Box einen Besuch abstatten. Die Daten werden auf einer Plattform gesammelt, die mit einem Klick die Ratten-Hotspots der Stadt verrät.

Patrick Feyl Foto: Lea Ernst

Zuerst misst Feyls Team mit Attrappen, sogenannten Monitoring-Ködern ohne Gift, wo wie viele Ratten auftauchen. Erst danach platzieren sie die echten Köder. Feyl sagt: „Früher wurden die Köder nach dem Gießkannenprinzip überall in den Städten platziert.“ Seit etwa drei Jahren nur noch gezielt an ausgewählten Orten und in den Boxen. So soll verhindert werden, dass das Gift andere Tiere erwischt oder in das Abwasser gelangt.

Klar, was er und sein Team mache, sei keine Ursachenbekämpfung. Doch sei es die offiziell vom Umweltbundesamt vorgegebene Methode, um gegen Ratten vorzugehen. Unsere Wegwerfgesellschaft sei es, was wir unbedingt hinterfragen sollten. „Bei den vielen Abfallsäcken auf den Straßen stehen mir jeweils die Haare zu Berge.“

Die Sichtweise einer Biologin

Eine, die auf der Seite der Ratten steht, ist Martina Klausmann. Sie ist Biologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Landestierschutzverband Baden-Württemberg. An einem anderen Nachmittag sitzt sie vor einer Bücherwand und sagt in den Zoom-Bildschirm, Ratten hätten zu Unrecht einen schlechten Ruf. Und das seit dem Mittelalter, als die Pest rund einen Drittel Europas auslöschte. „Dabei waren gar nicht die Ratten selbst das Problem, sondern die katastrophal unhygienischen Lebensbedingungen damals. Die Ratte war auch gar nicht selbst Überträgerin des Pestbakteriums – das war der Rattenfloh.“

Klausmann kennt die Ratten gut, hat sie auch schon als Haustiere gehalten. Ihr gefällt, wie freundlich, intelligent und sozial die Tiere sind. Das zeigt auch eine neue Studie: Wanderratten handeln oft selbstlos und helfen einander regelmäßig, Futter zu beschaffen. Sogar dann, wenn die Ratten nicht aus derselben Kolonie stammen oder verwandt sind.

„Genau das ist auch das Fiese an den derzeit üblichen Rattengiftködern“, sagt Klausmann. Ratten kommunizieren untereinander durch Geräusche, Gerüche oder Körpersprache. Um ihre sozialen Bindungen zu stärken, aber auch, um Informationen über Nahrungsquellen auszutauschen. Eigentlich sei das Tier schlau genug, giftige Nahrungsmittel zu erkennen, sagt Klausmann. Die Tiere lernen sehr schnell, wenn etwas giftig sei, und meiden verdächtige Futterquellen, nachdem Artgenossen nach dem Verzehr gestorben sind. „Doch weil das Gift mehrere Tage braucht, um zu töten, erkennen die Nager den Zusammenhang nicht mehr und fressen weiterhin aus der tödlichen Köderbox.“

Menschliche Widersprüche

Dass sich Menschen vor Ratten ekeln, gleichzeitig aber Hamster, Meerschweinchen oder Eichhörnchen niedlich fänden, versteht Klausmann nicht. „Ratten sind ebenfalls Säugetiere, die Schmerz empfinden – sie verdienen es nicht, qualvoll vergiftet zu werden.“

„Null“, sagt Tanrikut – da sind keine Knabberspuren am Giftköder, bloß etwas Schimmel. Tanrikut holt einen neuen blauen Klotz aus dem Lieferwagen und wechselt ihn aus. Dann zückt er das IPad, sucht Bestätigung in den Zahlen. Und tatsächlich: keine einzige Ratte ist in den letzten vier Wochen in diese Köderbox geklettert.

Was ist mit den 13 Ratten von vor vier Wochen passiert? Mit den 147 vom November? Alle tot? „Vielleicht“, sagt Tanrikut. „Vielleicht haben sie sich aber auch bloß einen anderen Weg gesucht, das ist jeweils schwierig zu kontrollieren.“

Gibt es tierfreundliche Alternativen?

Mit Vergiften, da ist sich Biologin Klausmann sicher, komme man nicht weit. „Damit reduzieren wir die Population immer nur um ein kleines Bisschen, eine langfristige Lösung ist das somit nicht.“ Denn weil sich die Ratte so schnell fortpflanzt, würden die Verluste schnell wieder ausgeglichen.

Statt den Giftködern wünscht sich Martina Klausmann tierfreundlichere Alternativen. Wie in München, wo derzeit so viele Ratten gesichtet werden wie noch nie. Die ökologisch demokratische Partei ÖDP hat deshalb einen Antrag eingereicht: Die Tiere sollen nicht länger vergiftet, sondern sterilisiert werden. Mit Flüssigködern, die Ratten unfruchtbar machen. In den USA wird die Methode bereits erfolgreich angewendet, zum Beispiel in Los Angeles. Nach einem dreimonatigen Einsatz der Flüssigköder war die Rattenpopulation dort um 40 Prozent geschrumpft.

„Wenn die Methode sich bewährt und die Ratten durch dieses neue Mittel nicht mehr qualvoll sterben müssen, sondern sich einfach nicht mehr weiter fortpflanzen und vermehren, wäre das viel humaner“, ist sich Klausmann sicher. Außerdem würde es nicht zu sogenannten Sekundärvergiftungen kommen – wenn zum Beispiel ein Hund den Giftköder schluckt oder eine Katze oder ein Greifvogel eine vergiftete Ratte jagt. Doch: Weil sich früher bei ähnlichen Tests gezeigt habe, dass auch die Hormone den Tieren schaden, sie also ebenfalls nicht tierschutzkonform waren, bleibt Klausmann vorsichtig mit einer allzu positiven Bewertung der Methode.

Jeder kann etwas gegen die Rattenplage tun

Stattdessen könne jede und jeder seinen eigenen Beitrag leisten: Indem man zum Beispiel keine Essensreste achtlos wegwerfe oder über die Toilette entsorge und offene Futterquellen wie Abfalleimer oder Kompost rattensicher verschließe.

Der Gullydeckel mit dem roten „V“ ist wieder da, wo er hingehört. Eren Tanrikut sammelt die Pylone ein und stellt sie in den weißen Lieferwagen. Eine Ratte hat er heute nicht gesehen. Das passiert nur ganz selten, die Tiere scheuen die Menschen. Kein Wunder: Rund 130 000 Stuttgarter Ratten sind in den vergangenen drei Jahren in die Köderboxen geklettert. Tanrikut steigt ein, fährt durch die Goethestraße, bis die Bürogebäude aus dem Rückspiegel verschwinden. In fünf Wochen wird er wiederkommen.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart Reportage Ratten