Es war eines der größten Fischsterben im Südwesten: Vor zehn Jahren floss Dünger in die Jagst und schädigte sie auf 50 Kilometern massiv. Heute ist alles wieder gut. Und nichts ist gut.
Bis heute ist ungeklärt, wie genau der Brand in der Lobenhausener Mühle (Landkreis Schwäbisch Hall) in der Nacht zum 23. August 2015 eigentlich ausgebrochen war. Klar aber ist: Mit dem Löschwasser gelangten in der Mühle gelagerte Düngemittel in die Jagst. Das Ammoniumnitrat entzog dem Wasser den Sauerstoff, auf 25 Kilometern Länge starben alle Fische, auf weiteren 25 Kilometern wurden sie schwer geschädigt. Die Jagst war über Nacht ein toter Fluss geworden.
Markus Hannemann ist ein Angler aus Passion. Schon als Kind sei er in der Jagst gestanden und habe versucht, kleine Döbel mit den Händen zu fangen, erzählt er, während er am Wehr in Kirchberg an der Jagst steht, über das gerade kaum Wasser läuft. Heute sieht sich Hannemann vor allem als Umweltschützer. Es mache ihn traurig, wie der Jagst schon vor dem Unglück langsam das Leben abhanden gekommen sei. Deshalb kämpft er als Vorsitzender der Fischhegegemeinschaft Jagst seit vielen Jahren um Kiesinseln, Totholz im Wasser, Nebengerinne und Fischtreppen. Oft vergebens: „Es ist sehr frustrierend, es geht einfach häufig nicht voran.“
Rund 40 Projekte sind an der Jagst verwirklicht worden
Dabei war er vor zehn Jahren, so paradox es sich anhört, sehr optimistisch. Nach dem Unglück haben nämlich alle Hand in Hand gearbeitet, um die Jagst zu retten. Daniel Kreißl war damals als Feuerwehrmann dabei und stand an den Pumpen, mit deren Hilfe die Jagst mit Wasser besprengt wurde, um ihr Sauerstoff zuzuführen. Heute ist er im Vorstand des Fischereivereins Kirchberg: „Es ging wirklich vieles voran“, sagt er. Die Fischereiforschungsstelle in Langenargen brachte ihre ganze Expertise ein, das Land gab rund vier Millionen Euro (rund eine Million Euro stammte von der Mühle und dessen Versicherung), viele Vereine und alle Behörden zogen mit.
Rund 40 Projekte sind damals verwirklicht worden, um den Fluss artenreicher und natürlicher zu machen. Vor allem ging es darum, die Fische zurückzubringen. Bei mehreren Umsetz- und Zuchtaktionen war Markus Hannemann vorne dabei. Das Ergebnis: Alle rund 15 Fischarten sind heute wieder in der Jagst vorhanden. Allerdings nicht in der Anzahl wie früher, und empfindliche Arten wie Nase und Barbe sind noch immer sehr selten, was auch daran liegt, dass sie zu wenig Laichplätze und zu wenig Rückzugsräume haben.
Markus Hannemann (links) und Daniel Kreißl kämpfen seit Jahren darum, die Jagst lebendiger zu mache Foto: Faltin
Aber man kann es nicht genug betonen: Unterm Strich war die Sanierung der Jagst ein riesiger Erfolg des Naturschutzes. Steffen Becker, der Sprecher des Umweltministeriums, betont: Teilweise sei der Fischbestand in dem betroffenen Jagstabschnitt heute besser als oberhalb Lobenhausens. „Das Programm hat eine entsprechende Wirkung entfaltet“, so Becker. Soweit ist also alles wieder gut.
Aber zugleich ist nichts gut. Denn nicht nur die Jagst, sondern fast alle Flüsse in Baden-Württemberg leiden. Ihre Gebrechen sind vielerlei Ursprungs, und mit dem Klimawandel kommen weitere dazu. Das europaweite Ziel, alle Flüsse in einen guten ökologischen Zustand zu bringen, ist jedenfalls bisher im Südwesten nur bei rund elf Prozent erreicht. Die Jagst bei Kirchberg hat sogar derzeit den Stempel „unbefriedigend“, der zweitschlechtesten von fünf Kategorien.
Wird zu viel Wasser abgeleitet?
Insofern ist der Kampf für Markus Hannemann und Daniel Kreißl längst nicht ausgefochten, trotz der großen Zuwendungen in den Jahren nach dem Unglück. Wo also anfangen mit der Aufzählung der Gebrechen und der Heilmittel?
Eines der größten Probleme sei, dass es zu viele Kraftwerke entlang der Jagst gebe, die Wasser ableiten dürfen, sagen die Angler. In den Zwischenstücken, bis der Kanal wieder in den Fluss münde, falle die Jagst manchmal ganz trocken. Die immer höheren Temperaturen und der ausbleibende Regen machten alles noch schlimmer.
„Schwall und Sunk“ ist seit Jahren ein großes Thema
Die beiden vermuten auch, dass teils zu viel Wasser abgeführt werde. Daniel Kreißl opfert oft seine Freizeit, um herumzufahren und an den Wehren Fotos zu machen. Sie haben auch schon Anzeigen erstattet, aber nie konnte jemand etwas nachgewiesen werden. Kreißl und Hannemann fordern viel höhere Strafen.
Zudem stauten einige wenige Kraftwerksbetreiber bei niedrigen Pegeln das Wasser auf, um es dann mit Kraft in die Generatoren zu lassen. Dieses „Schwall und Sunk“ genannte Phänomen lasse sich auch in diesen Tagen gut beobachten. Es führe zu großen Schwankungen beim Wasserstand im Fluss, mit vielen negativen Auswirkungen auf die Fauna. Die Angler fordern deshalb, dass alle Kraftwerke ab einem bestimmten unterschrittenen Pegelstand abgeschaltet werden müssen.
Die Wehre sind zudem ein Problem, weil die Fische sie nicht überwinden können. Eine Fischtreppe ist deshalb das Mindeste, was jedes Wehr besitzen müsse. Am Wehr in Kirchberg oder in Lobenhausen sucht man sie vergebens. „Seit vier Jahren setzen wir uns für eine Fischtreppe am Wehr in Kirchberg ein, aber es passiert nichts“, so Hannemann.
Weiter muss ein Fluss möglichst reich strukturiert sein, was sich durch viele kleine Maßnahmen erreichen lässt. Große Steine wirbeln das Wasser auf, natürliche Sperren schaffen unterschiedliche Strömungsbereiche, in kleinen Nebenarmen können Jungfische heranwachsen – dort kommen auch schnell die Libellen zurück, der Eisvogel und die Grasfrösche. Da zumindest ist einiges passiert in den letzten Jahren.
In den Flüssen schwimmen viele Schadstoffe
Aber es gibt weitere Gebrechen. Aus der Landwirtschaft werden Düngemittel in die Flüsse gespült, was zu verstärktem Algenwachstum führt. Die Kiesböden verschlammen dadurch, die Kinderstuben der Fische gehen verloren. Und aus den Kläranlagen gelangen mit dem gereinigten Abwasser etwa Rückstände von Arzneimitteln in die Gewässer – auch an der Jagst bräuchte es dringend eine Kläranlage mit vierter Reinigungsstufe, die solche Stoffe herausfiltern kann.
Bruno Fischer, der Vorsitzende des Nabu-Kreisverbandes Schwäbisch Hall, zählt alle diese Probleme ebenfalls auf: „Ich wohne seit 40 Jahren hier und es ist Wahnsinn, was sich alles verändert hat.“ Die Jagst treffe es besonders, weil sie 2015 nach dem Unglück quasi bei Null anfangen musste. Der Klimawandel wirke sich dramatisch aus, kälteliebende Arten wie Forellen hätten schon lange keine Chance mehr in der Jagst. Er plädiert deshalb etwa dafür, Bäume an den Ufern anzupflanzen, um den Fluss zu beschatten. Bei Mistlau etwa, ganz in der Nähe von Kirchberg, muss man tatsächlich lange an der Jagst entlanggehen, ohne einmal in den Schatten treten zu können.
Unterschiedlicher Meinung sind die Naturschützer und Angler eigentlich nur beim Kormoran. Markus Hannemann rechnet vor, dass die rund 200 Vögel an der Jagst mindestens 20vTonnen Fisch pro Jahr verspeisen würden: „Das ist die gleiche Menge an toten Fischen, die beim Jagstunglück aus dem Fluss gezogen worden sind.“ Bruno Fischer dagegen spricht von einem minimalen Einfluss des Kormorans auf die Bestände.
Wie auch immer: Die Mühen der Ebenen sind groß. Es reiche nicht, sagt Daniel Kreißl, etwa eine Kiesinsel anzulegen – man müsse regelmäßig kontrollieren, ob sie noch richtig befestigt sei. Bei einem neuen Nebenarm am Sportplatz in Kirchberg stellt Kreißl fest, dass das Bächlein an vier Stellen trockenliegt – da will er mal mit den Junganglern anrücken. Und auch persönliche Reibereien vor Ort verhindern manchmal einen Schritt nach vorne. Es menschelt halt überall.
Der Idealismus Markus Hannemanns wird jedenfalls permanent auf eine harte Probe gestellt. Er werde trotzdem weitermachen, sagt er: „Denn ich liebe diesen Fluss.“