Jahresausstellung in der Stuttgarter Kunstakademie Malen wie mit der Dampfwalze

Von Thomas Morawitzky 

Es wird mit Hochdruck gearbeitet in der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste: Bilder müssen gehängt, Projektoren eingerichtet, ganze Räume gestaltet werden. Die Studenten bereiten sich vor auf den „Rundgang 2016“, bei dem die Akademie dem Publikum all ihre Facetten präsentieren will.

Sind wir noch in Stuttgart? Ein Besucher der Akademie-Jahresausstellung Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Sind wir noch in Stuttgart? Ein Besucher der Akademie-Jahresausstellung Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - „Wir wollen raus aus dem White Cube“, sagen Einan Kaku , Nikola Kaloyanon, Matthis Kuch, Kai Fischer, Shana Levy aus der Klasse von Ricarda Roggan. Sie zeigen Ausstellungen, die anderswo zu sehen sind – in Leipzig, in der großen Galerie Eigen + Art, in der kleinen Projektwohnung krudebude. Möglich wird das mittels Smartphon und App, hineingebaut in eine Pappbrille. Die Studierenden filmten mit einer 360-Grad-Kamera und schufen ein verwirrendes Erlebnis. „Minute Infinity“ heißt die entgrenzte Kunsterfahrung; eine Bar gibt es in der Aula des Altbaus der Akademie auch.

Die Fachklasse für Malerei, geleitet von Peter Chevalier, ist derweil noch damit beschäftigt, ihre anwesenden und sehr individuellen Arbeiten in Petersburger Hängung an die Wände ihrer Räume im Erdgeschoss des Altbaus zu bringen. Und im zweiten Obergeschoss des Altbaus trägt eine Studentin konzentriert die Schichten eines Gemäldes ab: Restaurierung wird an der Stuttgarter Akademie in fünf Studiengängen gelehrt, die starken Bezug zur späteren Berufspraxis haben.

Zum ersten Mal tritt das traditionsreiche Fachgebiet beim Akademierundgang mit einer Gesamtkonzeption auf, die all diese Studiengänge vereint, und lädt seine Besucher zum Mitmachen ein: Da gibt es Stationen, an denen sie sich ans Mikroskop setzen können, Objekte im UV-Licht sehen oder selbst kleine Postkarten mit Buntstiften oder Aquarellfarben retuschieren können. Zersprungene Glühbirnen warten darauf, wieder zusammengesetzt zu werden; Papierrisse wollen geschlossen sein.

Im Foyer des Altbaus verdichten sich Videoprojektionen zu „Algorithmen der Seele“: Ein Browser ergänzt Spracheingaben nach bewährten Mustern, daneben stehen atmosphärische Bilder der Natur und nächtliche Bilder aus Stuttgart. Eva Weingart und Michael Fetzer aus Holger Bunks Klassen haben die Installation entwickelt. Yongchul Kim ist der Träger des diesjährigen Preises des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und gehört seit 2014 zur Klasse von Cordula Güdemann. Er stammt aus Südkorea und thematisiert in eindringlichen, dunklen Ölgemälden die Situation seines Landes: Eine Meeresstimmung, ein Zelt, das brennt, in einem verschneiten Wald - „Die fremde Decke“ heißt dieses Bild.

Eine Studentin ist schon auf dem Sprung nach Seoul

Nina Joanna Bergold zeigt ihre Wandmalereien und Folienschnitte; großformatige Gebilde, die Räume ganz unterschiedlich zergliedern, sich dabei ergänzen, ausgezeichnet mit dem 1. Preis beim Kunstwettbewerb für die Marsilius-Arkaden, das Universitätskilinikum in Heidelberg. Und Tiin Kurtz beschäftigt sich mit dem Zusammenspiel von Bild und Text, liest ihre existenziell-experimentellen Gedichte, wird ihre Arbeiten im Oktober auch in Seoul präsentieren: „Ich möchte eine größtmögliche Öffnung des Wortes erreichen“, sagt sie.

Weit fassen den Begriff der Malerei die Studierenden der Klasse von Reto Boller. „Wir kratzen an den Grenzen des Genres, nicht aus Vorsatz, sondern im Ergebnis“, erklärt das der Professor. Lisa Albrecht malt dort mit den feinen, vergänglichen Farben von Schmetterlingsflügeln; Nathalie Kacemit hat die Ausdünstungen einer langen Partynacht eingefangen und in eine Flasche gesperrt - ein Bild, das Sehnsuchtsvorstellungen heraufbeschwört und den Schrecken des nächsten Morgens.

Daniel Frey gehört zur Klasse von Birgit Brenner und zeigt eine Installation im Kleinformat, in der der Staub der Kehrwoche im Acht-Minuten-Takt von einer Tür zur anderen geweht wird, stellt sich diese ironische Arbeit sehr gerne vor im Großformat, als „Kunst am Bau“. Angelina Seibert hat Bilder von Besuchern einer Kunstausstellung als großformatige Linoldrucke realisiert: „Die Farbe haben wir mit einer Dampfwalze aufgetragen.“