Kurze Aufregung hatte es deshalb auch 2024 gegeben, als Anfang April eine Wildtierkamera einen vorbeiziehenden Wolf bei Rutesheim knipste. Nahe der Kraxelalm lief das Tier in die Fotofalle, die Experten der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) mit Sitz in Freiburg werteten die Aufnahme bald als sicheren Wolfsnachweis in der höchsten dafür vorgesehenen Kategorie „C1“. Das Landratsamt in Böblingen vermutete ein vorbeiziehendes Einzeltier.
Wolfnachweis: 2024 in Rutesheim, 2023 in Weil der Stadt
Seitdem ward im Altkreis Leonberg auch kein Wolf mehr gesichtet. Zum Fall im April passen könnte aber, dass bereits kurz vor der Fotoaufnahme bei Rutesheim ein Reh bei Flacht gerissen wurde. Darüber informierte die örtliche Jägerschaft auch alsbald. Eine DNA-Analyse gab es hier aber nicht – ein anderes Wildtier, etwa ein Fuchs, hätte also ebenso der Übeltäter sein können. Rund ein Jahr zuvor war bei Schafhausen, einem Teilort von Weil der Stadt, ein Reh gerissen und dies eindeutig auf einen Wolf zurückgeführt worden, was damals besonders unter Landwirten mit Viehhaltung für Unruhe gesorgt hatte – und Unmut, weil man sich in der Diskussion übergangen fühlte.
Seit im Jahr 2015 die Rückkehr eines Wolfes nach Baden-Württemberg bestätigt werden konnte, sind immer mehr Tiere zurückgekehrt und streifen hin und wieder durch das Ländle. Sesshafte Wölfe gibt es in Baden-Württemberg aktuell drei, alle davon haben ihr Territorium im Schwarzwald. Kurze Zeit hatte sich hier sogar ein Rudel gebildet – Ende des vergangenen Jahres wurden dann aber erst der einzige Welpe, kurz darauf die trächtige Wölfin überfahren. Anderswo in Baden-Württemberg werden zwar hin und wieder Wölfe auf der Durchreise nachgewiesen. Sesshaft gemacht hat sich davon aber noch keiner, auch nicht auf der Schwäbischen Alb – und im Altkreis schon gar nicht.
Forderung: Ausweitung der Förderung von Schutzmaßnahmen
Die Rückkehr des Wolfes ist in der Politik immer wieder heiß debattiert worden. Der Schwarzwald ist seit einigen Jahren als Fördergebiet ausgerufen, Schutzmaßnahmen wie Elektrozäune und Herdenschutzhunde werden hier teils zu 100 Prozent gefördert. Weil der Stadt, wo 2023 ein Reh von einem Wolf gerissen wurde, liegt knapp außerhalb dieses Gebietes. Auch deshalb hatte etwa der Weiler Gemeinderat und Landtagsabgeordnete Hans Dieter Scheerer (FDP) nach dem Vorfall in Rutesheim gefordert, dass Fördergebiet zu erweitern. Er hatte der Landesregierung in der Sache Wolf eine „gefährliche Wildtierromantik“ und „die Verharmlosung der möglichen Bedrohung durch die Raubtiere“ vorgeworfen.
Nicht nur die weitere Ausbreitung der Wölfe in Baden-Württemberg, auch die zunehmende Sensibilität der Bevölkerung in Regionen, in denen der Wolf lange kein Thema war, macht die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt mit Sitz in Freiburg dafür verantwortlich, dass jedes Jahr mehr Hinweise auf mögliche Wolfsbesuche eingehen.
Die FVA ist in Baden-Württemberg für das sogenannte Wolfsmonitoring zuständig. Im Jahr 2024 gingen dort 1377 Meldungen mit Verdacht auf Wolf ein (Stand 13. Dezember), dazu zählen etwa Wildkameraaufnahmen wie die in Rutesheim. 188 davon wurden als C1-Nachweis, also als eindeutig, gewertet. Einen Verdacht auf einen Wolfsriss gab es 2024 180 mal, für nur acht davon war laut FVA eindeutig ein Wolf verantwortlich.
Dass sich diese Fallzahlen zum Großteil auf den Schwarzwald beschränkten, wird auch klar, wenn man hier die einzelnen Landkreise betrachtet. 19 Meldungen mit Verdacht auf Wolf stammten aus dem Landkreis Böblingen, zehn aus dem Landkreis Ludwigsburg und ebenfalls zehn aus dem Enzkreis. Nur einen dieser Hinweise führte die Freiburger Forschungsanstalt schließlich eindeutig auf einen Wolf zurück – nämlich die Aufnahme aus Rutesheim.
Kein Interesse am Menschen
Dass rund um Leonberg oder im Speckgürtel von Stuttgart bald ein Wolf niederlässt, bleibt also höchst unwahrscheinlich. Sollte einer einmal auf Durchreise sein, so wie in Rutesheim in diesem Jahr, wird er in der Regel zumindest für den Menschen kaum gefährlich. „Wölfe haben grundsätzlich kein Interesse am Menschen“, heißt es vom Umweltministerium des Landes. In Deutschland sei in den vergangenen 20 Jahren kein aggressives Verhalten von einem Wolf gegenüber eines Menschen registriert worden.
Dauer-Streitthema zwischen Landwirten und Tierschützern wird das Thema Wolf derweil noch bleiben, auch wenn sich in dieser Diskussion jüngst einige Parameter verändert haben. Erst Anfang Dezember hatte ein Ausschuss im Europarat einem Antrag der EU-Staaten zugestimmt, den Schutzstatus von Wölfen von „streng geschützt“ auf „geschützt“ herabzusenken.