InterviewJahrestag des Germanwings-Absturzes „Das Vertrauen zu den Piloten ist wiederhergestellt“

Markus Wahl (36), Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit, nutzt etwa ein Drittel seiner Arbeitszeit zum Fliegen. So kommt er bisher auf insgesamt 8000 Flugstunden. Foto: dpa
Markus Wahl (36), Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit, nutzt etwa ein Drittel seiner Arbeitszeit zum Fliegen. So kommt er bisher auf insgesamt 8000 Flugstunden. Foto: dpa

Kann das sein, Normalität nach dem Absturz des Germanwingsfluges vor einem Jahr? Markus Wahl, Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit, sagt Ja.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Die Pilotenvereinigung wendet sich gegen diverse Regulierungen, die seit der Germanwings-Katastrophe eingeführt wurden oder von der Regierung beabsichtigt sind. Sie brächten nicht mehr Sicherheit, sagt ihr Sprecher.

Herr Wahl, bis zum Germanwings-Absturz hatten die Piloten ein sehr hohes Renommee. Sehen Sie das Vertrauen noch immer erschüttert?
Direkt nach dem Unglück gab es sicherlich einen Vertrauensverlust in den Berufsstand, weil einer von uns entscheidend in den Unfallablauf verwickelt war. Nun werden jeden Tag Tausende von Flügen sicher durchgeführt, wozu eine hervorragende Leistung der Cockpit-Besatzungen beiträgt. Daher ist das Vertrauen mittlerweile wiederhergestellt.
Reagieren die Passagiere heute anders?
Auch da gilt: Direkt danach herrschte große Unsicherheit. Jeder Pilot hat dann für sich einen Weg gefunden, um ihr zu begegnen – etwa indem beim Einsteigen besonders viel Präsenz gezeigt wurde oder durch intensive Ansagen. Heute spüre ich im Alltag kein Misstrauen mehr. Es ist Normalität eingekehrt.
Hat der gezielt herbeigeführte Absturz das Misstrauen von Piloten und Copiloten untereinander geschürt?
So ein Unglück brennt sich ein Leben lang ins Gedächtnis ein. Das wird immer so sein für alle, die das in irgendeiner Weise miterlebt haben. Am Anfang hatten sich ja viele Kollegen krank gemeldet – zum Einen, weil es sie emotional so sehr berührt hat, zum Anderen, um für sich selbst einen Umgang damit zu finden. Ich glaube aber nicht, dass man das noch sehr im Hinterkopf haben darf – denn wenn ich anfange zu zweifeln, ob ich das Cockpit verlassen darf, muss ich grundsätzlich darüber nachdenken, ob ich den Job noch ausführen kann. Ein Flugzeug zu führen, funktioniert nur im Team. Wenn ich da dem anderen misstrauen müsste, wäre grundsätzlich etwas falsch.
Haben Sie es zuvor für denkbar gehalten, dass ein Kollege mit dieser Krankheitshistorie Flugzeuge führt?
Nein. Obwohl es in der Vergangenheit bei ausländischen Airlines immer mal wieder Piloten-Suizid gegeben hat, bin ich davon ausgegangen, dass jemand mit solch starken Problemen durch das Sicherheitsnetz aufgefangen wird. Dies ist offensichtlich nicht so gewesen. Da passen die Empfehlungen der französischen Flugunfalluntersuchungsbehörde BEA hinein, dieses Netz noch enger zu knüpfen. Die Maßnahmen sind tauglich, um die Wahrscheinlichkeit einer Wiederholung zu verringern.
Somit ist das Netz an psychologischen Hilfen noch verbesserungsbedürftig?
Ganz offensichtlich. Gerade da muss nachgebessert werden. Zu den besten Ideen gehören die sogenannten „Peer-Support-Programme“, die es zwar schon so ähnlich gegeben hat – unter den Piloten und ihren Angehörigen waren sie aber nicht bekannt genug. Das muss dringend ausgebaut werden, weil es aus meiner Ansicht die einzig sinnvolle Methode ist, solche Szenarien halbwegs sicher zu vermeiden.



Unsere Empfehlung für Sie