Fünf Jahre nach der Flucht von Präsident Janukowitsch Die Ukraine bleibt zerrissen
Fünf Jahre nach den Schüssen auf dem Maidan und der Flucht des Präsidenten Janukowitsch aus Kiew sind viele Probleme ungelöst. Und neue kommen hinzu.
Fünf Jahre nach den Schüssen auf dem Maidan und der Flucht des Präsidenten Janukowitsch aus Kiew sind viele Probleme ungelöst. Und neue kommen hinzu.
Stuttgart - Es war dieser kurze Moment der Erleichterung, mitten im Chaos. Es war der kurze Moment der Freude, dass sich all die Opfer gelohnt haben könnten. Vor fünf Jahren, am 22. Februar 2014, verließ Viktor Janukowitsch die Ukraine. Der Präsident floh, bei Nacht und Nebel – und mit junger Geliebter. Wochenlang hatten die Menschen zuvor in Kiew demonstriert, in den letzten Tagen war die Lage eskaliert: Es gab mehr als 100 Tote, nachdem die Sicherheitskräfte das Feuer auf die Demonstranten eröffnet hatten. Nun war Viktor Janukowitsch Geschichte. Die Menschen strömten in seinen Palast am Rande der Stadt, sahen mit großen Augen den unvorstellbaren Luxus. Straußengehege, Marmorfußböden, Wasserfahrzeuge. Es hätte alles gut werden können, doch nichts wurde gut.
Der Februar 2014 hat die Ukraine verändert. Und viele, die auf der Straße tanzten, als sie die Nachricht vom unrühmlichen Abgang ihres verhassten Präsidenten vernahmen, konnten sich nicht vorstellen, dass die Lage noch viel schlimmer werden sollte. Fünf Jahre später, im Januar 2019, ist Viktor Janukowitsch in Abwesenheit von einem ukrainischen Gericht zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Aber wen interessiert in der Ukraine noch das Schicksal des Präsidenten in seinem russischen Exil. Das Land steht, wieder einmal, am Rande der Existenz. Es hat nach dem kurzen Freudentaumel im Februar vor fünf Jahren die Krim verloren und weite Teile seines Ostens. Es fürchtet um weitere Verluste und steht vor einer ungewissen Zukunft – wie vor fünf Jahren, zerrieben zwischen Ost und West.
Es hatte Mahner gegeben und Zeichen. Zur gleichen Stunde, als in Kiew die Revolution gefeiert wurde, als man zählte, wie viele Lenin-Denkmale im Land von den Sockeln gestürzt wurden, zur gleichen Stunde erklangen auf der Krim sowjetische Kriegslieder. Am 23. Februar wird in weiten Teilen des postsowjetischen Raums der Tag des Vaterlandverteidigers gefeiert. Auf der Halbinsel jubelten nicht nur die Unterstützer jener, die in Kiew die ukrainische Fahne schwenkten. Auf der Krim versammelten sich auch all diejenigen, die in den Straßen der Hauptstadt einen faschistischen Mob sahen, der den rechtmäßigen Präsidenten außer Landes getrieben hatte.
Noch schaut die Welt in diesen Februartagen auf Kiew. Entkräftet, mit Augenringen und einem Gesicht, das von Entbehrung und Krankheit erzählt, fährt Julia Timoschenko damals im Rollstuhl auf den Maidan. Jahrelang hatte die ehemalige Premierministerin im Gefängnis gesessen, unterbrochen nur von Krankenhausaufenthalten. „Willkommen in der Freiheit“, gratuliert Kanzlerin Angela Merkel am Telefon. Timoschenko warnt die Protestierenden, den Kampf jetzt aufzugeben.
Kurz darauf gibt es auch auf der Krim die ersten Toten. Vor dem Parlamentsgebäude in Simferopol kommt es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen prorussischen Demonstranten und Anhängern der ukrainischen Führung in Kiew. Dann kommen schwerbewaffnete Soldaten ohne Hoheitsabzeichen. Die Stunde der „grünen Männchen“. Sie besetzen wichtige Plätze und Straßen, den Flughafen und das Parlament. „Selbstverteidigungsmilizen“ seien das, hieß es aus Moskau.
Erst Wochen später gab der russische Präsident Wladimir Putin zu, dass in den grünen Uniformen ohne Hoheitsabzeichen auch russische Soldaten steckten. In Russland gelten sie als Helden, werden als Merchandisefigur in Gummi gegossen oder auf Kaffeetassen gemalt. Schließlich ist durch ihr Eingreifen die Krim russisch geworden, und das ohne ganz große Kämpfe. In der Ukraine werden sie gehasst – schließlich sind sie mitverantwortlich dafür, dass Kiew einen wichtigen Teil seines Staatsgebietes verloren hat. Die Nato wird zwei Jahre später üben, wie bei einer neuen Aktion von grünen Männchen vorzugehen sei.
Mit Hilfe eines Referendums, das am 16. März 2014 stattfindet und international praktisch von niemandem anerkannt wird, überführt Russland die Krim in sein Staatsgebiet. Rubel statt Griwna, die meisten Menschen freut das, sie verdienen mehr. Und während sich im Präsidentenwahlkampf in Kiew die Kontrahenten darüber streiten, wie der Krim-Frage richtig zu begegnen sei, wendet sich der Fokus erneut.
Im Osten der Ukraine bricht ein Krieg aus, der bis heute anhält. Prorussische Milizen rufen in Luhansk und Donezk Volksrepubliken aus. Die ukrainische Armee kämpft gegen die Separatisten, die von Moskau unterstützt werden. Das Stadion von Donezk, in dem vor gerade einmal zwei Jahren Spanien das Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft gewann, wird komplett zusammengeschossen. Das ist freilich nicht das Schlimmste. Mehr als 12 000 Menschen haben ihr Leben verloren, weit mehr als eine Million ihr Zuhause. Durch unzählige Familien geht ein Riss, Scheidung und Familienkrieg inklusive. Die in den Minsker Abkommen ausgehandelten Punkte mit dem Ziel einer friedlichen Lösung für die Ukraine funktionieren kaum, Besserung ist nicht in Sicht.
In Kiew läuft fünf Jahre nach dem Ende von Janukowitsch und der Wahl von Petro Poroschenko erneut ein Wahlkampf. Der Amtsinhaber, ein Komiker und Julia Timoschenko gehören zu den aussichtsreichsten Kandidaten. Alle versprechen eine bessere Zukunft. Das haben die Ukrainer seit Jahren gehört, zigfach wiederholt. 78 Prozent der Menschen zeigen sich in aktuellen Umfragen mit der Entwicklung des Landes unzufrieden. Sie haben das Gefühl, umsonst gekämpft zu haben.