Lotte Laserstein: „Russisches Mädchen mit Puderdose“ (1928) Foto: VG Bild-Kunst//Städel Museum
Dem Chaos der 1920er Jahre wollte die Kunst eine Neue Sachlichkeit entgegensetzen. Mannheim widmete diesem Phänomen 1925 eine große Ausstellung – und schrieb damit Geschichte. Jetzt erinnert die Kunsthalle an das „Jahrhundertjubiläum“ und hat dabei einiges zurechtzurücken.
Nett schaut er aus, der junge Mann, der in seiner Dachmansarde am Tisch sitzt und sinniert. Im Bett liegt seine Geliebte, nackt und, nein, nicht schlafend. Tot ist sie, das blutige Rasiermesser auf dem Tisch erzählt, dass er ihr kaltblütig die Kehle durchgeschnitten hat.
„Der Träumer“ nannte Heinrich Maria Davringhausen sein Gemälde – und man staunt, wie selbstverständlich vor hundert Jahren solch mörderische Fantasien durch die Kunst geisterten.
Nun hängt „Der Träumer“ in der Kunsthalle Mannheim zwischen zahllosen Gemälden, die deutlich machen, wie vielfältig die Kunst und auch das Leben in den legendären 1920er Jahren war. Die Frauen drängten in die Arbeitswelt, die Inflation galoppierte, die Sitten verlotterten – und die Menschen fanden sich nur schwer in dieser turbulenten Gemengelage zurecht.
Deshalb versuchten die Maler, die Zeit quasi anzuhalten und die Gegenwart möglichst nüchtern und sachlich ins Visier zu nehmen. Deshalb spricht man von Neuer Sachlichkeit.
Die erste Ausstellung der Neuen Sachlichkeit 1925 fand keineswegs im pulsierenden Berlin statt, sondern in Mannheim. Deshalb erinnert die Kunsthalle Mannheim nun mit einer gigantischen Ausstellung an dieses „Jahrhundertjubiläum“. Mehr als 230 Arbeiten wurden zusammengetragen, sogar aus dem MoMA in New York hat man Edward Hoppers melancholisches „Fenster bei Nacht“ von 1928 ausgeliehen.
Die Ausstellung schlägt einen großen Bogen
Die Kuratorin Inge Herold will nicht die Neue Sachlichkeit an sich vermitteln, sondern das Ergebnis ihrer langjährigen Forschungen vorstellen. So spannt sie einen enormen Bogen, blickt zurück auf den vorausgegangenen Expressionismus, wirft Seitenblicke ins Ausland und schaut auch, wie es im Nationalsozialismus weiterging: zum Beispiel mit blonden Burschen in weißen Höschen. Es sind „Turner“, die ein gewisser Gerhard Keil 1939 beim Dauerlauf malte.
Die Roaring Twenties sind populär, wie TV-Serien wie „Babylon Berlin“ beweisen. Die Klischees der lebenshungrigen Menschen, die die Nächte in Bars verbringen, stimmen aber nur bedingt. In der Kunst taucht zwar vielfach die neue Frau auf, die Bubikopf oder auch Krawatte trägt, ihr eigenes Geld verdient und es am Abend in der Bar ausgibt. Wie trist das Leben auch ausschaute, verrät das Bild „Die Säufer“ von Ernest Neuschul, der 1927 Männer wie Frauen mit glasigen Augen in der Kneipe malte.
Zwischen Ekstase und Abgrund
Die Künstler der Neuen Sachlichkeit wollten die Dinge so zeigen, „wie sie wirklich sind“, wie es Otto Dix nannte. Wie schon vor hundert Jahren hängt in der Kunsthalle nun auch wieder sein „Bildnis der Tänzerin Anita Berber“ (1925), die mit ihrer bleichen Haut und der schrillen Schminke das Lebensgefühl zwischen Ekstase und Abgrund verkörperte. Auch George Grosz war damals mehrfach in der Schau vertreten. Er wollte seinen Zeitgenossen einen Spiegel vorhalten und „diese Welt davon überzeugen, dass sie hässlich, krank und verlogen ist“.
Georg Scholz: „Selbstbildnis vor der Litfaßsäule“, 1926 Foto: Kunsthalle Karlsruhe
In einem Saal der Kunsthalle kann man nun in einer digitalen Präsentation eine Vorstellung bekommen, was damals in Mannheim gezeigt wurde. Einige Werke hat man hierzu sogar wie in einer immersiven Show animiert mit fliegenden Vögeln und tuckernder Eisenbahn. Hier kann man etwas verschnaufen, während die Hauptausstellung eher überfordert. Denn es ist schon schwierig genug, die Neue Sachlichkeit an sich zu fassen, die in einen linken, kritischen und einen rechten, traditionellen Flügel zerfiel.
Die Blicke zurück und nach vorn sind mitunter erhellend. So erfährt man auch, dass einige dieser rechten Künstler wie Alexander Kanoldt oder Franz Radziwill bei den Nazis reüssierten, während die Linken wie George Grosz oder Max Beckmann ins Exil gingen. Flankiert von den diversen Strömungen im Ausland kann man in der ambitionierten Ausstellung aber doch leicht den Überblick verlieren.
Es gab sie sehr wohl: Künstlerinnen!
Auch die kunsthistorischen Texte gehen am breiten Publikum vorbei, das wenig wird anfangen können mit Hinweisen auf die „Bildformel von Otto Dix“ oder „Elemente des Expressionismus und Kubismus“. Hier verrät sich, dass man bei diesem „Jahrhundertjubiläum“ eher die Fachwelt im Blick hat.
Die aber kann Interessantes entdecken – etwa Ilona Singer, eine Jüdin, die 1928 den Bankensohn und Dandy Robert von Mendelssohn porträtierte. Sie war 1925 nicht in der Mannheimer Ausstellung vertreten, in die es nicht eine Künstlerin der Zeit schaffte. Das ist vielleicht die wichtigste Korrektur in der Geschichtsschreibung, die man in Mannheim nun vornimmt und mit einer großen Auswahl an Werken neusachlicher Künstlerinnen beweist: Auch wenn sie unterschlagen wurden, gab es sie sehr wohl.
Mannheim und das Jubiläum
Projekte Neben der Kunsthalle erinnern viele Mannheimer Institutionen an das Jubiläum. Das Marchivum zeigt in der Ausstellung „Wie Tag und Nacht“ das „Leben in den Goldenen Zwanzigern“, außerdem gibt es Konzerte, Filme, Theaterstücke zur Zeit, und ein Symposium beschäftigt sich von 16. bis 18. Januar mit 100 Jahren Neuer Sachlichkeit.
Ausstellung „100 Jahre Neue Sachlichkeit“. Kunsthalle Mannheim. Bis 9. März. Geöffnet Di bis So 10 bis 18 Uhr, Mi 10 bis 20 Uhr, am ersten Montag im Monat 10 bis 22 Uhr. Der Katalog kostet 40 Euro.