Jürgen Fitschen und Anshu Jain treten als Chefs der Deutschen Bank ab. John Cryan wechselt aus dem Aufsichtsrat an die Spitze der Bank.

Stuttgart - Einen Rücktritt hatten Anshu Jain und Jürgen Fitschen noch vor der Hauptversammlung vor rund drei Wochen kategorisch ausgeschlossen. Die wesentlichen Ziele ihrer Strategie hätten sie erreicht, hatte das Führungsduo der Deutschen Bank den Anteilseignern noch erklärt und betont, dass es besser sei, die Fehler der Vergangenheit zu beseitigen, wenn sie beide im Amt blieben. Am Abend der Aktionärsversammlung jedoch muss ihnen klar geworden sein, dass sie mit dieser Haltung nicht auf Dauer bestehen können. Die Aktionäre hatten dem Vorstand – allen voran Jain – auf der Hauptversammlung einen Denkzettel verpasst: 39 Prozent des anwesenden Kapitals – darunter große Investoren aus Deutschland und den USA – stimmten gegen die Entlastung des Vorstands, Jain bekam in der Einzelabstimmung das schlechteste Ergebnis. Normal sind Zustimmungsquoten von 95 Prozent und mehr. Auch der Aufsichtsratsvorsitzende Paul Achleitner hatte während der Versammlung schon erste Zeichen einer gewissen Distanzierung von der Doppelspitze erkennen lassen.

 

Kommt mit dem Neuen der Kurswechsel?

Es muss hoch hergegangen sein in diesen drei Wochen in den Doppeltürmen der Deutschen Bank. Achleitner, so war am Sonntag aus Aufsichtsratskreisen zu erfahren, habe sich immer wieder mit Anshu Jain und Jürgen Fitschen zu langen Diskussionsrunden getroffen. Gleichzeitig hat der Oberkontrolleur intensiv nach einer neuen Lösung gesucht und sie in Kreisen des Aufsichtsgremiums gefunden. John Cryan heißt der Mann, der nun die neue Strategie der Deutschen Bank bestimmen soll. Der 54-jährige Brite sitzt seit 2013 im Aufsichtsrat der Deutschen Bank. Vom 1. Juli an soll er Jain ersetzen, zunächst als Teil der Doppelspitze, „um einen geordneten Übergang sicherzustellen“. Nach der Hauptversammlung 2016 dann als alleiniger Chef. Die Verträge von Jain und Fitschen liefen eigentlich noch bis 2017.

Die ersten Äußerungen des neuen Chefs deuten nicht auf einen erneuten Kurswechsel hin: „Unsere Zukunft hängt davon ab, wie gut wir unsere Strategie umsetzen, unsere Kunden überzeugen und die Komplexität reduzieren“, erklärte Cryan. Er gehörte nach seinem Abschied von der UBS bis zum Sommer 2014 als Europa-Chef zum Führungsteam des singapurischen Staatsfonds Temasek. Aufsichtsratschef Achleitner würdigte den neuen Chef: „Er verfügt nicht nur über große Erfahrung im Bank- und Finanzgeschäft, sondern steht persönlich und beruflich für die Werte, die nötig sind, die Deutsche Bank voranzubringen und die Strategie 2020 erfolgreich umzusetzen.“ Cryan sei „die richtige Persönlichkeit zum richtigen Zeitpunkt“. Der Absolvent der Elite-Universität Cambridge war immer als Lösung genannt worden, wenn Achleitner schnell einen Nachfolger für Jain oder Fitschen brauchte. Cryan hatte schon in seinen drei Jahren bei der UBS die Bilanz zusammengestrichen und sie damit aus der Krise geführt. Die Deutsche Bank plant nun Ähnliches.

Jain und Fitschen hatten „Kulturwandel“ versprochen

Die Doppelspitze steht schon länger unter Druck. Wesentliche Ziele – etwa für die Rendite und die Kosten – wurden nicht erreicht. Das Führungsduo hatte nach seinem Amtsantritt Mitte 2012 einen „Kulturwandel“ versprochen. Doch macht die Bank immer noch vor allem mit Rechtsstreitigkeiten, in die sie verwickelt ist, Schlagzeilen. Für die Manipulation des Referenzzinssatzes Libor hatte sie kürzlich 2,3 Milliarden Euro zahlen müssen. Am Freitag wurde in Finanzkreisen bekannt, dass ein Fall von Geldwäsche, mit dem die Bank in Russland konfrontiert ist, auf ein Volumen von mehr als sechs Milliarden Dollar wachsen könnte.

Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment – einem der 20 größten Investoren der Deutschen Bank – begrüßte den Wechsel an der Spitze: „Der Aufsichtsrat zieht die Konsequenzen aus dem Abstimmungsdesaster auf der Hauptversammlung. Die Entscheidung für John Cryan kommt nicht überraschend.“

Gerhard Schick, Sprecher der Grünen für Finanzpolitik, sprach von einer Chance für einen echten Neuanfang bei der Deutschen Bank: „Die bisherigen Chefs waren zu stark mit den alten Problemen verbunden, als dass sie glaubwürdig für eine neue Kultur hätten stehen können.“ Die Bank zitierte Jain am Sonntag mit dem Worten: „Mit der ,Strategie 2020‘, die die Bank auf einen erfolgreichen Weg bringt, ist es zu diesem Zeitpunkt die richtige Entscheidung für die Bank und für mich, eine neue Führung zu etablieren. Ich bin (. . .) überzeugt, dass die Bank in sehr guten Händen ist und vor einer glänzenden Zukunft steht.“ Die meisten Rechtsstreitigkeiten und Altlasten des Geldhauses haben ihren Ursprung in der Investmentbank, die Jain jahrelang geführt hatte. „Dem muss ich mich stellen“, sagte Jain im April.

Mitte April hatte der Vorstand verkündet, dass die vor sieben Jahren übernommene Postbank abgespalten und an die Börse gebracht werden soll. Das restliche Privatkundengeschäft mit den „blauen“ Filialen wird zusammengestrichen, während die Investmentbanker wieder an Macht gewinnen. Im Investmentbanking macht die Bank vergleichsweise geringe Abstriche, obwohl es viel teures Kapital bindet.