Jamaika Tolle Bohne

Kaffee vom Blue Mountain Peak.  Foto: SoAk
Kaffee vom Blue Mountain Peak. Foto: SoAk

Einer der besten Kaffees der Welt wächst an den Hängen des Blue Mountain Peak. Er ist mit über 2200 Metern der höchste Berg der Karibikinsel Jamaika.

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Mavis Bank . Die Nacht ist schwarz. So schwarz wie ein doppelter Espresso. Es ist Sonntag, ein Uhr morgens in Mavis Bank, einem Dorf in den Blue Mountains auf Jamaika, den Blauen Bergen. „Zeit aufzustehen!“, erklingt eine Frauenstimme - zaghaft, wie aus dem Jenseits. Kein Wunder, denn der neue Tag ist gerade mal eine lächerliche Stunde alt. In der Disco in einem fast zehn Kilometer entfernten Dorf dagegen scheint der alte Tag gerade seinen Höhepunkt zu erreichen. Die Musik der samstäglichen Dorfparty wummert über die Flanken der Blue Mountains bis nach Mavis Bank. Die Jamaikaner lieben ihren Reggae eben. Und sie sind stolz auf ihren Kaffee.

Die Verwalterin von Forres Park, einer Lodge im Grünen und Ausgangslager für Bergwanderungen, bereitet ein paar Tässchen für die Wanderer zu. Aber nicht irgendeinen, sondern Blue Mountain Coffee. Einer der teuersten Kaffees der Welt. Ignoriert man mal jene getunten Sorten, die vorm Rösten durch das Verdauungssystem von Zibetkatzen (auf Sumatra) oder Elefanten (in Thailand) gewandert sind und aus deren Kot herausgeklaubt werden, ist Blue Mountain Coffee der teuerste. Und für manch berufenen Kaffeeschlürfer ist er auch der beste. Ein Kilo handverlesener Qualitätsbohnen kostet rund 100 Euro. Die Forres Park Lodge liegt mitten im Anbaugebiet. Zum Anwesen gehören unzählige Kaffeesträucher.

Man besteht darauf, dass der Kaffee auf der Stelle getrunken wird. Es käme einem Frevel gleich, Blue Mountain Coffee in eine Thermoskanne abzufüllen. Einverstanden, denn die Morgentemperaturen in Jamaikas Bergen sind ohnehin erstaunlich frisch. Das feine Aroma tröstet über die kurze Nacht hinweg. Kein Vergleich mit Supermarkt-Kaffee! Johnny, der Bergführer, holt unterdessen schon mal den Geländewagen. Gute Stoßdämpfer sind auf den holprigen Bergstraßen unverzichtbar. Die Fahrt zum Ausgangspunkt für den Gipfelsturm auf den Blue Mountain Peak dauert rund eine Stunde. Im Fahrzeuginneren: natürlich Reggae. Es ist kurz vor zwei Uhr morgens.

Bei Tageslicht steigen die Temperaturen schnell an

Die Lautsprecherboxen haben die Größe von Scheunentoren. Schnell wird klar, was es bedeutet, die Karibik zu fühlen. Und zwar in der Magengegend. Johnny, ein Mann in den Fünfzigern, ist im Hauptberuf Wachmann. Frühmorgens, vor Arbeitsbeginn, steigt er mit Touristen auf den Blue Mountain Peak - quasi als morgendliches Trimm-dich-Programm. Ein sehr ausgedehntes, denn allein der Aufstieg dauert dreieinhalb bis vier Stunden. Deshalb das frühe Aufstehen. Denn bei Tageslicht steigen die Temperaturen schnell an, die Sonne brennt unerbittlich. Erst recht in den Höhenlagen. Der Blue Mountain Peak ist der höchste Gipfel von Jamaika, immerhin 2256 Meter hoch.

Kreislaufversagen in der Hitze ist das größte Gefahrenpotenzial. Deshalb heißt es, nach dem Gipfelsturm schnell wieder herunterzukommen. Doch erst einmal geht es hinauf. Johnny scheint das öfter zu machen, denn er geht schon auf den ersten Metern ab wie Usain Bolt, Jamaikas Supersprinter. Kaum aus dem Startblock stürmt Johnny die sogenannte Jacob’s Ladder (deutsch: Jakobsleiter) hoch. Ein extrem steiler Anstieg, der in rund 30 Minuten alles abverlangt. Vor allem, weil sich der Körper eigentlich noch im Schlummermodus befindet. Es ist kühl. Besser: kalt. Um die fünf, sechs Grad. Und das in der Karibik. Außerdem ist es stockfinster. Ohne Taschenlampen geht hier nichts. Johnny trägt einen Parka.

Viele Touristen, die sich spontan für eine Gipfeltour entschieden, seien nicht richtig auf die Wetterverhältnisse eingestellt. „Ich habe meine Jacke schon oft ausgeliehen“, sagt Johnny. An frierende Wanderer, die vorab nicht glauben wollten, dass es auch in der Karibik in höheren Lagen kälter ist als am Strand. Johnny hat auf dem Gipfel sogar schon mal Raureif gesehen. In den Siebzigern oder Achtzigern war das, so genau kann er sich nicht mehr erinnern. Zeit ist relativ, das weiß jeder, der in der Karibik schon mal eine Verabredung hatte. Immerhin weiß Johnny noch, dass es an einem Februarmorgen war. Ein strammer Wind weht über die Blauen Berge. Meterhoher Bambus raschelt.

„Get up! Stand up!“

Ohne ortskundigen Guide sollte sich in der Dunkelheit kein Tourist hoch wagen. Einer der Teilnehmer, in den Neunzigern immerhin jamaikanischer Fußballprofi, hat Mühe, Schritt zu halten, und ist froh, als der erste Halt erreicht ist: ein Aussichtspunkt auf das Meer und Kingston, die Inselhauptstadt. Irgendwo dort unten im Lichtermeer liegt das Bob-Marley-Museum, gewidmet dem König des Reggae. Berühmte Songs wie „Kingston Town“ schießen einem in den Kopf, oder „Get up! Stand up!“. Ob Bob Marley wohl auch um ein Uhr nachts aufgestanden ist? Die Musik aus der Dorf-Disco ist inzwischen verhallt. Irgendeiner muss den Stecker gezogen haben. Jetzt ist nur noch der Wind zu hören.

Eine Stunde später begleiten die ersten Vogelstimmen die Wanderer. Jamaika ist voll von exotischen Piepmätzen: bunte Kolibris und Papageien, seltene Eulen und Geier. Viele Lodges bieten Vogelführungen an. Eigentlich muss man nur einmal ums Haus gehen und die Augen aufsperren, derart groß ist die Artenvielfalt. Es dämmert. Im Morgennebel ist eine Schutzhütte zu erkennen. Sonst kaum etwas. Die Szenerie erinnert an die schottischen Highlands. Panorama? Fehlanzeige. „Wenn du Pech hast, läufst du vier Stunden und der Gipfel ist in Wolken“, sagt Johnny. Doch wir haben Glück. Keine zehn Minuten weiter ist der Gipfel erreicht, und wie auf Bestellung lockern die Wolken auf. Der Blick ist frei, auf den Ozean, auf einsame Buchten und Dörfer, und auf endlose Berghänge, die tatsächlich blau schimmern. Irgendwo in der Ferne ist ein Fetzen Kuba zu erkennen.

Ein Herzklopf-Panorama, auch ohne Koffeingenuss. Kaffee gibt’s erst wieder in Mavis Bank, in der Forres Park Lodge. Es ist Wochenende, und die Besitzerfamilie hat sich mit Kind und Kegel eingefunden. Flucht aus dem stickigen Kingston in die Frische der Berge. Patriarch Charles Lyn zeigt Gästen die wertvollen Kaffeepflanzen. „Die, die im Schatten wachsen, bringen die beste Qualität“, sagt er. Sie machen aber auch am meisten Arbeit, weil sie sich beim Gedeihen Zeit lassen. Sein Unternehmen hat 600 Angestellte. Die Qualität seiner Produkte prüft er aber nur noch selten auf Herz und Nieren. Denn im Hauptberuf ist er Chirurg. Die Arbeit erledigen Geschmackstester für ihn. Zum Wohle von Kaffeetrinkern, die Jamaikabohnen als Genussmittel und Wachmacher schätzen. Das schafft sonst nur Reggae.

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