Jameda, Docinsider, Sanego und Co. „Bewertungsportale für Ärzte bedienen Populismus“

Von Bernhard Walker 

Paula Hezler-Rusch ist Präsidentin der Bezirksärztekammer Südbaden. Sie kritisiert Ärzteportale scharf. Die Portale schaffen eine Folge-Industrie und die Bewertungen sagen nichts aus, meint Hezler-Rusch.

Stuttgart - Ärzteportale gibt es im Netz mittlerweile in großer Anzahl. Besonders bekannt ist der Platzhirsch Jameda. Viele Menschen nutzen die Seiten, um Informationen über Ärzte in ihrer Umgebung zu finden. Doch wie sinnvoll sind die Plattformen? Sollte man sich auf die Bewertungen verlassen? Im Interview sagt die Präsidentin der Bezirksärztekammer Südbaden Paula Hezler-Rusch, was sie von den Portalen hält.

Frau Hezler-Rusch, kennen Sie Ihre Bewertung bei Jameda?

Ja. Aber das hat wenig Relevanz für mich.

Sie haben aber im Moment unseres Gesprächs die Note 1,0.

Wie Sie treffend sagen: Im Moment. Das kann sich ja schnell ändern. Natürlich ist mir eine Eins lieber als eine 2,5. Aber ich finde dieses Spiel mit den Schulnoten schon im Ansatz etwas albern und verfehlt.

Warum?

Weil es werbetechnische Pseudobewertungen sind, die letztlich unserem Miteinander schaden und im Kern einen populistischen Ansatz bedienen.

Wie das?

Mich kann jemand bewerten, der nie in meiner Praxis war und mit dem ich noch nie ein Wort gesprochen habe. Sein Eintrag wäre also frei erfunden. Und selbst wenn jemand bei mir war und mich bewertet, heißt das überhaupt nichts – und zwar ganz gleich, ob er mich gut oder schlecht bewertet.

Warum heißt das nichts?

Nehmen wir an, jemand beschimpft mich auf Jameda oder sonstwo, weil ich ihn nicht krankschreibe. Wenn ich das nicht tue, habe ich dafür einen Grund. Ich könnte es mir leicht machen und ihm seinen Wunsch erfüllen, womit ich dann wohl eine gute Kritik im Internet bekäme. In Wahrheit wäre es aber so, dass ich ihn nur bedient, mich aber nicht um ihm gekümmert hätte.

Kümmern bedeutet, dass Sie versuchen zu erfahren, warum er die Krankschreibung unbedingt wollte?

Genau so ist. Da liegt dann offenbar eine schwierige Situation in seinem Leben vor, über die wir sprechen sollten. Darin liegt meine ärztliche Aufgabe – und nicht etwa darin, um des lieben Bewertungs-Friedens willen oberflächlich zu handeln. So ist es übrigens auch, wenn jemand ein Medikament verlangt – auch wenn es für ihn gar keine sichere Diagnose gibt, die dieses Mittel aus ärztlicher Sicht empfiehlt.

Würden Sie Jameda und Co. am liebsten abschaffen?

Ich möchte, dass die Portale niemanden listen dürfen, der dem nicht ausdrücklich zustimmt. Und ich finde, dass jeder, der dort Bewertungen schreibt, mit seinem Namen zu erkennen sein muss.

Haben Sie dafür Rückhalt bei den Ärzten? Immerhin kooperieren viele Mediziner mit Jameda und anderen Portalen.

Stimmt, das ist so. Und ich halte das für falsch. Die Portale verzerren das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient und öffnen einer Folge-Industrie die Tür.

Wie läuft das ab?

Seit es die Portale gibt, gibt es auch Firmen, die Ärzten anbieten zu überwachen, was dort über sie steht. Das ist doch grotesk: Erst soll man Geld zahlen, dass man bei Jameda auffällig präsentiert wird. Und dann zahlt man Geld, um gegen das vorzugehen, was dabei schiefgehen kann.

Viele Ärzte haben wenig Zeit für Patienten oder sprechen eine Fachsprache, die Laien nicht verstehen. Kann es nicht sein, dass daher schlechte Bewertungen rühren?

Der Zeitdruck ist für beide unbefriedigend, die Patienten und für uns Ärzte. Es gibt ganz sicher vieles, was wir im Gesundheitswesen besser machen müssen. Nur sind die Bewertungsportale quasi als Ventil für Unmut der falsche Weg. Sie sagen nichts darüber aus, wie gut ein Arzt ist. Man kann ein Lob für schlechte Medizin bekommen und einen Tadel für gute: Das ist verkehrte Welt par excellence und sehr unfair gegenüber dem Arzt.

Auch wenn man Bewertungen löschen lassen kann?

Man kann es versuchen. Ob es immer klappt, ist offen. Es ist ein hoher zeitlicher Aufwand, was letztlich der therapeutischen Arbeit abgeht.