Jamie Oliver kocht jetzt vegetarisch Popstar am Herd

Darf’s ein bisschen weniger sein? Der britische Starkoch Jamie Oliver Foto: dpa/Axel Heimken

Brexit, Britpop und Baked Beans: Wie Jamie Oliver den Engländern das Kochen beibrachte – und in Teilen scheiterte.

Freizeit & Unterhaltung: Anja Wasserbäch (nja)

Stuttgart - Der englischen Küche ging es viele Jahre ähnlich wie der deutschen: Sie hatte nicht den besten Ruf. Während man zum Italiener, Griechen, Portugiesen, Spanier oder Koreaner geht, gibt es keinen „Engländer“, dem man einen Besuch abstatten könnte. Man kennt noch die Schauergeschichten der Älteren, wenn die beim Schüleraustausch von der Insel berichteten, wo sie pampige Bohnen und lommeliges Brot zum Frühstück bekamen.

 

Dann aber kam Jamie Oliver und brachte nicht nur den Briten das Kochen bei, sondern wurde unser aller Freund in der Küche weil er mit wenigen Zutaten einfache Gerichte kochte. In der gehobenen Küche gab es jenseits des Ärmelkanals natürlich Heston Blumenthal oder Gordon Ramsey, aber die breite Masse, die sprach Jamie Oliver an, geboren 1975 in einem kleinen Dorf in Essex, wo er im Pub seines Vaters arbeitete. Jamie Oliver ging nach London, arbeite im Neal Street Restaurant (übrigens gemeinsam mit Tim Mälzer) und im River Café. Dann kam das große Flimmern, Schnippeln und Anbraten im Fernsehen.

Schnell wurde er „Everybody’s Darling“

Er war zwar nicht der erste TV-Koch überhaupt, aber einer, der die Jungen fürs Kochen begeisterte, weil er eben jung war, etwas wild, einen smarten Essex-Akzent und simple Rezepte in petto hatte. Als Jamie Oliver 1999 mit seiner Sendung „The Naked Chef“ im britischen Fernsehen und kurze Zeit später weltweit lief, war er schnell Everbody’s Darling – der Bub mit Leserechtschreibschwäche, der gern mit nackten Händen im Essen matschte. Und in Deutschland folgte dann Tim Mälzer mit seiner TV-Sendung.

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Für Jamie Oliver ging die Erfolgsgeschichte weiter: mit vielen Restaurants, Kochbüchern, glücklicher Ehe mit Jugendliebe Jools Oliver und fünf Kindern, die übrigens Poppy Honey Rosie, Daisy Boo Pamela, Petal Blossom Rainbow, Buddy Bear Maurice und River Rocket Blue Dallas heißen. 2019 kam aber die Meldung, dass seine Restaurantkette Jamie’s Italian Insolvenz anmelden musste. Der erste große Flop in der Karriere des heute 44-Jährigen. Sein Restaurantimperium brach dieses Jahr zusammen, und Oliver meldete mit Jamie’s Italian sowie den Londoner Restaurants Fifteen, Barbecoa und Jamie’s Diner Insolvenz an. Gründe dafür finden Gäste und Presse viele: die Qualität im speziellen, die schnellen Wechsel der Essgewohnheiten und verschlafene Trends im Allgemeinen. Und überhaupt: das Internet und der Brexit.

Weltweit wurden seine Rezeptsammlungen mehr als 45 Millionen Mal verkauft, in 30 Sprachen übersetzt

An der Kochbuch-Bibliografie des Jamie Oliver lässt sich einiges ablesen: seine eigene und auch unsere Essensbiografie. Auf einmal fand Butternusskürbis Platz auf dem Speiseplan, und man interessierte sich für walisische Blauschimmelkäsesorten. Und sie zeigt lustige Britpop-Frisuren im Laufe der Zeit. Auf dem ersten Kochbuch „Kochen mit Jamie“ sieht man Jamie mit Flusenhaaren und Hawaiihemd. Zwanzig Bücher sollten allein in Deutschland folgen, fast im jährlichen Rhythmus. Weltweit wurden seine Rezeptsammlungen mehr als 45 Millionen Mal verkauft, in 30 Sprachen übersetzt.

Wenn man heute im zweiten Kochbuch „Genial Kochen mit Jamie Oliver“ blättert, findet man sehr britische Rezepte: Da gibt es einen Steak-und-Guinness-Pie, ein Rinderstew mit dunklem Bier und Klößen oder ein Curry, auch ein Klassiker in britischen Pubs. Oliver backt gern in Alufolie – und bereitete in der beengten Londoner Wohnung seiner Zukünftigen Jools Päckchen vor – mit der Aufschrift: „20 Minuten bei 200 Grad“.

In seinen Kochbüchern sind natürlich die Gerichte auf Hochglanz fotografiert, aber auch immer wieder Jamie: Jamie beim Kräuterschnuppern, Jamie beim Gemüsekistenschleppen, Jamie beim Spaghettiessen, Jamie beim Jools-Knutschen und auch immer wieder Jamie beim Kochen. Alles dreht sich um ihn: Kochmesser, Bücher, Restaurants. Oliver ist stets auf den Covern der Bücher, die „Jamies Superfood für jeden Tag“, „Jamies Wohlfühlküche“, „Zu Gast bei Jamie“ oder „Jamie kocht Italien“ heißen.

Die Rezepte von Jamie Oliver sind einfach nachzukochen

Dass sein neues, dieser Tage erschienenes Buch der vegetarischen Küche gewidmet ist (Titel: „Jamie Oliver Veggies“), wundert nicht. Mit einem vegetarischen Kochbuch geht Oliver mit der Zeit, wenn er ihr nicht gar hinterherhinkt. Einige kochen ohne Fleisch, viele vegan, ohne es daraufzuschreiben. Allein in England gibt es so große Namen wie Yotam Ottolenghi, Nigel Slater, Donna Hay, die Hemsley-Schwestern und Sabrina Ghayour.

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Was die Rezepte von Jamie Oliver auszeichnet: Sie sind einfach nachzukochen, man braucht keine seltenen Zutaten, das Ergebnis ist meist geschmacklich überraschend kombiniert: So haben seine schweren, öligen Speisen stets eine zitrische Komponente, bei öligen Gerichten gibt es was Knackiges, Süßes ist nie zu süß. Und sie sind alltagstauglich! Das kommt an: Sein privates Vermögen wird auf rund 180 Millionen Euro geschätzt.

Jamie Oliver geht es aber um mehr als leckeres Essen: In seiner ersten Restaurantkette Fifteen wurden sozial benachteiligte Jugendliche ausgebildet. Er kämpfte für gesünderes Schulessen, servierte in Schulkantinen Brokkoli statt Fish ’n’ Chips, was bei Kindern wie Eltern nicht immer für Begeisterung sorgte. Mit einer Petition sprach er in der Downing Street Nummer 10 vor, Tony Blair war angetan, und die Regierung butterte 280 Millionen Pfund (heute rund 309 Millionen Euro) in die Schulspeisung. Oliver kämpft weiter: gegen Fast-Food-Riesen, gegen die Nahrungsmittelindustrie, gegen die Übergewichtigkeit von Kindern. Er will Werbung für Süßigkeiten einschränken, versteckten Zucker aus Nahrungsmitteln streichen, am besten Kochen als Schulfach einführen. Man kann nur hoffen, dass er weiterkämpft.

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