Herr Oliver, wir müssen über Rühreier sprechen. Ihr Video auf Youtube mit dreierlei Zubereitungsarten wurde mehr als 14 Millionen Mal angeschaut.
Das ist verrückt, ja. Aber die Menschen lieben diese Grundlagen-Dinge: Wie brät man das perfekte Steak? Wie macht man ein gutes Rührei? Ich mag vor allem den englischen, amerikanischen Stil, wenn das Ei noch feucht und nicht in kleine Portionen unterteilt ist.
Ihr Vater hatte einen Pub, in dem Sie Ihre ersten Schritte am Herd machten. Was wurde im Cricketers gekocht?
Mit acht Jahren habe ich angefangen zu kochen – und wurde dafür bezahlt. So habe ich mein Taschengeld verdient. Die Küche war eine altmodische britische Küche, aber damit auch sehr vorausschauend. Die britische Küche ist der traditionellen deutschen Küche übrigens sehr ähnlich. Etwas französische Küche kam dazu. Es gab gegrilltes Fleisch, wundervolle Eintöpfe, hausgemachte Pasteten und einfache Fischgerichte, andererseits Hummer und Krebse. Ich war ein echter Glückspilz.
Wo sind die Ähnlichkeiten zur deutschen Küche?
Es gibt viele. Es geht um zufriedenstellendes Essen für die Seele, wie etwa bei all den Schmorgerichten mit Knödeln, wunderbaren Kartoffelspeisen und natürlich den Würsten. Unsere Metzgereien sind von deutschen Einwanderern beeinflusst. Die berühmte Cumberland Wurst ist eine deutsche Wurst. Wir mögen auch Schinken – und natürlich Bier.
Als Sie vor mehr als 20 Jahren im Fernsehen als „The Naked Chef“ aufgetaucht sind, haben Sie die britische Küche revolutioniert. Was war neu?
Da kam einiges zusammen. Es ging um bodenständiges Essen, das etwas Farbe und einen neuen Twist bekam. Es war eine leichtere Küche, inspiriert von Kalifornien und Nordeuropa. Und: Ich war nicht nur sehr jung, sondern: ein Mann. Männer waren zu der Zeit noch sehr chauvinistisch und altmodisch. Frauen arbeiteten ebenfalls zehn Stunden im Büro, von ihnen wurde abends erwartet, noch zu kochen. Als ich dann auf dem Bildschirm aufgetaucht bin, waren Mädchen und Frauen begeistert: Endlich, Männer kochen! Ich wurde vom Erfolg überrollt.
Sie haben vergangenes Jahr mit Ihrem Team recherchiert, was bei den Engländern immer wieder im Einkaufswagen landet. Was sind die beliebtesten Produkte?
Die unterscheiden sich kaum von denen der Deutschen oder der Australier. Das ist das Lachsfilet, die Hühnerbrust, das Hackfleisch, Brokkoli, Blumenkohl und recht neu in den Top 20 ist die Avocado. Deshalb habe ich mir überlegt, was man aus all den Produkten machen kann. So ein Buch habe ich noch nie geschrieben. Es geht darum, was man sowieso jede Woche kauft. Aber das ist nicht so einfach, da etwas Neues zu entwickeln. Außerdem sollten die Zutaten nicht zu teuer sein, das Kochen nicht zu viel dreckiges Geschirr produzieren. Und natürlich sollten die Ernährungswerte gut sein. Das Konzept klingt simpel, aber es ist verdammt kompliziert.
„Keep Cooking and Carry On“ war der Titel Ihrer Kochshow während des ersten Lockdowns 2020. Ist das eine britische Eigenart, dieses Weitermachen?
Wahrscheinlich. Aber wir haben ja keine Wahl. Es ist interessant, wie international mein Publikum jetzt ist. Und es war das erste Mal, dass ich gemerkt habe, dass die Menschen nervös werden. Auf einmal wurde Essen durch Covid-19 zu einem viel größeren Thema. Auf meine Website kamen jeden Monat rund acht Millionen Menschen, seit Ausbruch der Corona-Pandemie gehen die Zahlen immens in die Höhe. Das hat viele Gründe. Es gab diese Panikkäufe. In England gab es zeitweise kein Mehl, keine Eier und manches Gemüse nicht. Deshalb habe ich Gerichte gekocht, in denen diese Zutaten nicht vorkommen. Die Zuschauer mochten das, wie ehrlich ich mein Leben mit meiner Familie gezeigt habe. Es ging nicht mehr um Rezepte, sondern um Prinzipien. Es ist egal, ob man Brokkoli oder Blumenkohl verwendet. Meine Frau hat alles mit dem Handy gefilmt, dann sind da noch die fünf Kinder – von vier Jahren bis zum Teenager. Ich will nicht behaupten, dass es eine einfache Zeit war. Beim Essen hat mal jemand geweint, mal rannte jemand nackt herum. Wir sind eine Familie und haben das im Fernsehen gezeigt. Und ich hatte ein gutes Gefühl, meinen Job zu machen.
Gibt es ein Gericht, das alle bei den Olivers mögen?
Die Realität ist, dass wir nicht so oft an einem Tisch essen. Aber am Wochenende schaffen wir das. Ich liebe das, aber es ist immer laut und lustig. Wir alle mögen natürlich die Klassiker: eine gute, hausgemachte Lasagne – alle lieben Pasta –, aber auch milde Currys mit Reis und Fladenbrot. Nun ja, ich koche auch wirklich tolle Fischgerichte, aber die Kinder sind so undankbar.
Lieben Sie Ihr Gefrierfach jetzt eigentlich noch mehr?
Ich habe das Glück, nun eine große Tiefkühltruhe zu besitzen. Ein Traum! Das ist mein Sicherheitsnetz. Wer Geld und Zeit sparen will, weniger wegschmeißen und sich gesund ernähren will, braucht eine. Jedes Wochenende koche ich unglaublich viel, für die Familie, aber auch zum Einfrieren. Meine Tiefkühltruhe ist wie eine Bibliothek. Ich liebe sie.
Hilft kochen in Krisenzeiten?
Ganz sicher. Das großartige an Essen ist, dass es immer das richtige Gericht zur richtigen Zeit gibt. Es braucht dafür kein Sterne-Menü. Wer eine Umarmung braucht, dem würde ich etwas sehr Tröstendes machen. Vielleicht sogar einen einfachen Käsetoast. Der kann schon helfen.
Oder ein Rührei.
Das auch, ja!
Für alle Köche war es ein sehr forderndes Jahr. Sie mussten schon 2019 Restaurants der Kette Jamie’s Italian schließen. Wie geht es Ihrer Firma 2020?
Wir haben Restaurants in 17 verschiedenen Ländern. Und alle gehen anders mit Covid-19 um. Manche haben einen Lockdown, manche nicht. Jede Regierung reagiert anders. Aber die gesamte Gastronomie steht unter einem furchtbaren Druck. Die Realität ist, dass wir einen Teil unserer Lieblingsrestaurants verlieren werden. Auch die, die wirtschaftlich vor Corona gut dastanden. Vor allem wer keine Entlastung bei der Miete erhält, kann das nicht stemmen. Es ist schlichtweg brutal. Da gibt es nichts schönzureden. Wir werden zurückkommen, aber mit mehr als bloß einem blauen Auge. Es wird einige Jahre dauern.