Jammertal Deutschland Über den Satz: Die Kinder sollen es besser haben
Die Deutschen sind grantig. Missmut und Unzufriedenheit prägen das politische Klima. Doch die Zukunft gewinnen lässt sich auf diese Weise nicht.
Die Deutschen sind grantig. Missmut und Unzufriedenheit prägen das politische Klima. Doch die Zukunft gewinnen lässt sich auf diese Weise nicht.
Es ist nicht eben einfach, dem lauten Klagen und stillen Zagen etwas entgegenzusetzen. Schließlich jammert man selbst gern und ausgiebig. Grund, unzufrieden zu sein, gibt es allenthalben. Denn „leider sind auf diesem Sterne eben / Die Mittel kärglich und die Menschen roh. / Wer möchte nicht in Fried und Eintracht leben? Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.“ So meckert schon der Bettlerkönig Peachum in Brechts „Dreigroschenoper“, die zu Zeiten spielt und notiert wurde, in denen es weiß Gott genug zu lamentieren gab. Und im Buch der Bücher heult der Gottesknecht Hiob: „Das Seufzen ist mein Brot geworden, / wie Wasser strömen meine Klagen aus.“
Die Unzufriedenheit ist das Signum auch unserer Zeit. Wobei: Wer die regelmäßig auf den Markt der Öffentlichkeit geworfenen Umfragen wenigstens beiläufig zur Kenntnis nimmt, stellt fest: Privat sind die meisten Menschen in Deutschland ganz zufrieden – mit sich selbst und mit ihrem Leben. Aber alle anderen sind blöd. Vor allem die Politiker, diese Versager. Und die Welt an sich ist ungerecht, das sowieso. Der Missmut gilt als Triebfeder der politischen Radikalisierung. Je drängender Politschaffende wie der hiesige Ministerpräsident Winfried Kretschmann den Zusammenhalt der Gesellschaft beschwören, desto gefährdeter erscheint das Miteinander. Die Verhaltensforschung kennt Aggression als Reaktion auf Frustration. Die allgemeine Enttäuschung manifestiert sich nach Meinung der politischen Astrologen in dem Befund, dass es die eigenen Kinder dereinst nicht besser haben werden als ihre Eltern. Das war ja der kategorische Imperativ der Nachkriegszeit: Dass es stetig bergauf geht. Dem Nachwuchs eine gute Zukunft zu eröffnen, gehört zu den Grundinstinkten von Eltern. Aber was ist damit gemeint?
„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, spottet Mackie Messer in Brechts „Dreigroschenoper“. Die Vorstellung eines besseren Lebens zielt zunächst auf Materielles: Einkommen, Wohneigentum, Motorisierung, Urlaubsreisen. Auch die Bildung gehört dazu. Bildungsabschlüsse versprechen berufliches Avancement, Prestige. Bildung eröffnet aber auch ein breiteres, vielleicht tieferes Verständnis der Welt: den Blick über den Tellerrand hinaus. Im Idealfall hebt Bildung nicht nur den Geist, sondern auch die Seele. Unserem schwäbischen Landsmann Friedrich Schiller schwebte dergleichen vor in seinen Briefen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“. Lesen Studenten das noch? Immerhin: Die Erkenntnis, dass Geld allein nicht glücklich macht, begleitet den Übergang von der industriellen Moderne zur Postmoderne. Ironischerweise lässt sich über Geld umso nachlässiger reden, je mehr man davon hat. Andererseits zeigt die Erfahrung, dass Menschen, die viel Geld haben, gerne noch mehr davon hätten. Wie heißt es doch so schön? Von den Reichen kann man das Sparen lernen.“ Mit Friedrich Merz lässt sich feststellen: Der Sachverhalt ist komplex.
Festzuhalten aber bleibt: Die soziale Mobilität in Deutschland ist gering. Unten verharrt unten, oben bleibt oben. Bei der Ungleichheit der Vermögen liegt die Bundesrepublik international in der Spitzengruppe. Die Demografie bringt es mit sich, dass sich bei einem Teil der Bevölkerung große Erbschaften konzentrieren, während die untere Hälfte der Gesellschaft ohne nennenswertes Vermögen verbleibt. Ein dysfunktionales Bildungssystem verfestigt die Armutsstrukturen in Deutschland. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hat gerade am Beispiel von Schulen und Krankenhäusern eindrücklich dargelegt, wie sehr die öffentliche Infrastruktur nach den Bedürfnissen der Reichen ausgelegt ist. Die schon seit vielen Jahren deprimierend schlechte Wohnraumversorgung hat viel damit zu tun, dass die große Mehrzahl der politischen Entscheidungsträger davon nicht betroffen ist.
Auf der anderen Seite haben junge Menschen so viele Chance wie nie zuvor. Sie reisen durch die ganze Welt. Wer fleißig ist, dem stehen vielfältige Bildungsmöglichkeiten offen – kein Vergleich zu Ländern wie den USA, in denen Geld den Zugang zu Bildung regelt. Die Berufsaussichten sind aussichtsreich. Selbst ein Pflichtdienstjahr könnte Früchte tragen: wenn es dazu beiträgt, ein Gefühl der Teilhabe an der Gesellschaft wachsen zu lassen. Es ist kein Zufall, dass die Ablehnung der Wehrpflicht zum Traditionsbestand des Neoliberalismus gehört.
Die Krisen der Gegenwart zeigen: Jede Generation hat ihre eigenen Herausforderungen zu bewältigen. Aufgabe der Politik ist es, klar zu benennen, was zu tun ist. Weniger Jammern, mehr Handeln wäre gut. Oder, um es im Jargon der Zeit zu sagen: Handeln führt zur Erfahrung der Selbstwirksamkeit.