Die Jan Garbarek Group ist eingeladen worden, um die zehntägigen Jazztage zu eröffnen. Der Holzbläser aus Norwegen war schon im alten Theaterhaus in Stuttgart-Wangen aufgetreten und seither immer wieder Gast mit wechselnden Besetzungen. Im Publikum sitzen viele, die mit Jan Garbarek dreißig Jahre älter geworden sind. Nicht alle haben sich so gut gehalten wie er, bei dessen Namen übrigens die vorletzte Silbe betont werden sollte.
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Garbarek intoniert eine kleine Melodie, die man einem Kind beim Einschlafen wie ein Wiegenlied vorsingen könnte. „Mein Ideal“, sagt der Saxofonist aus Skandinavien, „ist die menschliche Stimme.“ Kaum einer kommt dem näher als er. Das Schlichte lädt er mit hypnotisch wirkender Intensität und der Strahlkraft einer Lichtquelle auf. Darin besteht seine Kunst: Das Schwierige leicht erscheinen zu lassen, das Komplexe einfach. Komponieren, betont der Autodidakt Garbarek, sei für ihn ein langsames Improvisieren. Dabei verzichtet er auf schmückendes Beiwerk. Es geht ihm um das Wesentliche.
Musik, zelebriert wie eine Religion
Der nach Django Reinhardtwohl wichtigste Jazzmusiker Europas will aber gar keiner sein. „Jazz“ lehnt er als Kategorie für seine Musik ab, weil der für ihn „perspektivlos“ sei. Garbarek, dessen Vater ein polnischer Kriegsgefangener und seine Mutter eine norwegische Bauerntochter war, geht es um mehr. Für ihn ist eine die Menschen verbindende Spiritualität entscheidend, seine Improvisationsmusik zelebriert er wie eine Religion, gerne im Kirchenschiff großer Gotteshäuser.
Heute im Theaterhaus sehnen sich die rund tausend Menschen nach Harmonie. Der Schock des Putin-Kriegs in der Ukraine und die an den Nerven zehrende Pandemie wiegen schwer, doch die Jan Garbarek Group findet mit ihren intensiven Klängen Zugang zu den Herzen. Da, wo Milch und Honig fließen, Engel Räume queren – da findet sich das Reich der Harmonie. Der musikalische Architekt Garbarek schöpft beim Entwerfen seiner harmonischen Gebäude aus verschiedenen Inspirationsquellen: Mittelalterliche Gregorianik, ambrosianischer Gesang, arabische Skalen und Volksmusiken aus Skandinavien verbindet er mit den Tonsystemen des heutigen Jazz, vornehmlich europäischen.
Vogelgezwitscher und extrem schneller Scat-Gesang
Der seit vielen Jahren in Deutschland lebende indische Perkussionist Trilok Gurtu entfacht ein polyrhythmisches Feuerwerk, entführt mit Vogelgezwitscher, plätscherndem Wasser und extrem schnellem Scat-Gesang in tropische Gefilde und gibt der Improvisationsmusik Halt und Struktur, während der in Portugal lebende Yuri Daniel mit bundlosem E-Bass und tänzerischem Spiel das Temperament seiner brasilianischen Heimat ins Spiel bringt und Rainer Brüninghaus, Garbareks stoisch erscheinender, aber hochsensibler Bandkollege der ersten Stunde, das Quartett mit virtuosem und geschmackvollem Tastenspiel zusammenhält.
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Der Wohlklang, der dabei entsteht, darf nicht mit Kitsch verwechselt werden. Mit billiger den Widerständen ausweichender Harmonie kann keine befreiende Wirkung, kann keine Katharsis erzielt werden, wie das hier im Saal der Fall zu sein scheint. Garbarek verarbeitet vielmehr die Widerstände des musikalischen Materials und hebt sie auf durch die fließende Kraft seiner Improvisationsmusik, bis sie – wie Steine im Fluss – mit der Zeit ihre scharfen Kanten verliert.
Gemeinsames Atmen der Musik
Der Saxofonton Garbareks ist stark und ausbalanciert,sowohl das voll und warm klingende Tenor- als auch das eindringlich helle Sopransax. Offenbar Ausdruck seiner inneren Ausgeglichenheit und seines großen Gestaltungswillens. Selbstverliebte Schwatzhaftigkeit jedenfalls ist die Sache des 75-jährigen ECM-Künstlers nicht. Die melancholische Eindringlichkeit Garbareks, das gemeinsame Atmen der Musik und die kristallene Klarheit der Melodien können in die Tiefe von Erinnerungen führen und Seelen öffnen. Manche Musikliebhaberin, mancher Jazzfreund mag da auch an Garbareks früheren Bassisten Eberhard Weber gedacht haben, der ihm mit seinem lyrisch-schwebenden Spiel ein idealer Partner gewesen ist und seit fünfzehn Jahren nach einer schweren gesundheitlichen Krise nicht mehr spielen kann.
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Während man mitgerissen wird vom Schwung eines Tanzliedes, der süßen Sogwirkung einer südafrikanisch anmutenden Komposition, spröden arabischen Skalen oder dem Drive eines Reiterliedes, gibt die Melancholie von Garbareks Ton auch dem Alleinsein eine Stimme. Menschen, die sich angesichts von Corona und Krieg verständlicherweise hilflos fühlen, finden in seiner Musik möglicherweise Trost und auf jeden Fall Ablenkung wie auf einer musikalischen Oase. Dabei sorgen ein feuriger Rhythmus, exzellente Soli und fröhlicher Scat-Gesang für Begeisterung und Lebensfreude. So kann ein Jazzfestival durchaus eröffnet werden.