Jan Kliment vom VfB Stuttgart Der vergessene Hoffnungsträger
Erst Torschützenkönig der U21-EM, dann Bundesligadebütant, jetzt Fünftligaspieler: Der steile Abstieg von VfB-Spieler Jan Kliment und der schwere Weg zurück nach oben. Ein Porträt.
Erst Torschützenkönig der U21-EM, dann Bundesligadebütant, jetzt Fünftligaspieler: Der steile Abstieg von VfB-Spieler Jan Kliment und der schwere Weg zurück nach oben. Ein Porträt.
Stuttgart - Es gibt sie noch, die schönen Momente im Leben eines Stürmers. Wenn der Torwart sich vergeblich streckt, der Ball im Netz zappelt, die Mannschaftskollegen einen beglückwünschen. Jan Kliment kennt dieses Glücksgefühl noch. Vor zwei Wochen durfte er es mal wieder erleben. Mit einem Doppelpack beim 7:3 gegen den TSV Ilshofen war der 25-Jährige der gefeierte Held.
Ein schöner Moment für Kliment, keine Frage. Nach groß feiern zumute war dem Angreifer deswegen aber nicht. Schließlich lief er nur für die zweite Mannschaft des VfB Stuttgart auf, Oberliga Baden-Württemberg, fünfthöchste Spielklasse. Nicht die Liga, die der Tscheche als sein natürliches Leistungsumfeld erachtet. „Ich kann die Dinge realistisch einordnen“, sagt Kliment. Seine Leistung. Seine Tore. Und seinen Status als vergessener Hoffnungsträger.
Doch der Reihe nach: Bei der U21-EM 2015 in seinem Heimatland wird Kliment Torschützenkönig. Dass er alle seine drei Treffer beim 4:0-Sieg im Vorrundenspiel gegen Serbien erzielt, spielt keine Rolle. Torschützenkönig klingt nun mal gut, und so wird der VfB auf den kopfballstarken Stürmer mit der athletischen Figur aufmerksam. Nach dem Turnier verpflichtet der damalige Sportvorstand Robin Dutt den 21-Jährigen. Ablöse: 1,5 Millionen Euro. Kliment ist in der Bundesliga, im Land der Träume angekommen.
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Es folgt eine chaotische Saison unter den Trainern Alexander Zorniger und Jürgen Kramny, die im Abstieg endet. Kliment kann sein Talent allenfalls andeuten. Nach acht Einsätzen und einem Tor geht es auf Leihbasis nach Dänemark zu Bröndby IF. Wo er erneut auf Zorniger trifft, auf den Kliment bis heute große Stücke hält. „Es war eine gute Zeit“, erinnert sich Kliment. Bis zu jenem 2. April 2018. Im Meisterrundenspiel gegen Aalborg reißen sowohl das Außen- als auch das Kreuzband im Knie – bei einer 3:0-Führung in der 90. Minute. „Den Zweikampf hätte ich mir wohl besser erspart“, erzählt er mit gequältem Lächeln. Es beginnt das große Leiden. Von der geplanten Verpflichtung nimmt Bröndby Abstand. Mehrere Operationen in seiner Heimat bringen nur vermeintlich den Heilungserfolg. Bei Kliments Rückkehr nach Stuttgart stellt VfB-Vereinsarzt Raymond Best fest: Knie instabil, erneut unters Messer.
Kliment gesellt sich nicht nur in die Riege langzeitverletzter Fußballprofis. Plötzlich hat er auch keine fußballerische Heimat mehr. In Stuttgart sind Dutt und Zorniger längst Geschichte, es wird mal wieder ein neues Team aufgebaut, Kliment spielt keine Rolle mehr. Auch wenn ihm der VfB natürlich alle medizinische Betreuung bietet. Eine schwere Zeit, in der sich der Profi erstmals die Sinnfrage stellt. 15 Monate nach seiner Verletzung und unzähligen Stunden in der Reha-Welt kehrt der gefeierte Torschützenkönig von einst auf den Platz zurück.
In die mittlerweile in die Oberliga abgestürzte zweite Mannschaft. Kliment nimmt es professionell, wie Trainer Paco Vaz lobt, und kämpft sich peu a peu zurück. Seine zwei Tore am dritten Spieltag gegen Ilshofen sind ein Ausrufezeichen, wenn auch nur ein kleines. Mehr als ein anerkennendes Schulterklopfen von den sportlich Verantwortlichen gibt es nicht. Der Weg von der Oberliga- zur ersten Mannschaft ist weit, sehr weit, wohl zu weit für Kliment. „Um ehrlich zu sein: nein“, antwortet er leise auf die Frage, ob er selbst noch einmal eine realistische Chance sieht. Sportdirektor Sven Mislintat gibt sich diplomatisch: „Die Tür ist grundsätzlich offen. Aber die Konkurrenz an Zentrums-Stürmern ist groß.“
Also weiter zweite Mannschaft. An diesem Samstag (14 Uhr) geht es gegen den FC Rielasingen-Arlen. Sich zu motivieren, daraus macht der Tscheche keinen Hehl, fällt nicht immer leicht. Weniger wegen Gegnern wie Rielasingen. Es ist mehr die Trainingsarbeit, bei der es Kliment schwer fällt, täglich voller Vorfreude die Kickstiefel zu schnüren. Viele seiner Kollegen würden nur auf sich schauen, würden versuchen zu glänzen und schöne Tore zu schießen, statt den Erfolg der Mannschaft im Blick zu haben. Sodass der einstige Bundesligaspieler seine oftmals jüngeren Kollegen schon mal zurufen muss: „Spiel’ mal den einfachen Ball!“
Vor kurzem hat der Verein den auslaufenden Vertrag mit Kliment noch einmal um ein Jahr verlängert. „So wird gewährleistet, dass er sich wieder an den Wettkampfmodus gewöhnen kann und gleichzeitig für unsere U21 eine wichtige Option für den Angriff darstellt,“ sagt Mislintat. Eine nette Geste, findet auch Kliment, der weiß, dass er auf dem Markt im Moment allenfalls für Zweit- oder Drittligisten eine Option darstellt. Seine Wünsche für die Zukunft klingen bescheiden: „Fit bleiben und irgendwann mal bei einer erfolgreichen Mannschaft zwei oder drei Jahre lang am Stück spielen.“