Fragt man Yuushi Kodama, ob er den Job, den er neun Jahre lang gemacht hat, weiterempfehlen würde, überlegt er nicht lang. „Nein, alles in allem nicht.“ Das liegt nicht nur daran, dass sich Kodama jede Nacht ein karg eingerichtetes Zimmer mit vier bis sieben Kollegen teilen musste und ihm kaum Privatsphäre blieb. „Irgendwann wurde mir auch klar, dass man in diesem Job selbst dann kaum Geld verdient, wenn man aufsteigt.“ Dann verließ er die Kaserne und kam nie wieder zurück.
Yuushi Kodama ist in seinem Heimatland als Arbeitnehmer sehr gefragt: Er hat eine Ausbildung als Infanterist absolviert. Japans Regierung bemüht sich darum, dass es mehr Menschen dem 35-Jährigen gleichtun. Als Insider aber versteht er, warum das kaum jemand freiwillig machen will. „Der Job empfiehlt sich für Leute, die ziellos sind.“ Für alle anderen seien die Hierarchien zu streng, der Kommunikationsstil zu altmodisch. Wie das im Militär eben so ist. Doch was Yuushi Kodama erzählt, kommt für Japan einer Blamage gleich.
Japan verabschiedet sich vom Pazifismus
Japan hat wie Deutschland vor eineinhalb Jahren eine Art Zeitenwende ausgerufen. In der Region ist die Lage ähnlich angespannt wie in Europa: Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine führt auch in Japan zu höheren Rohstoffpreisen und löst Bedrohungsszenarien aus. Auf die Sanktionen liberal eingestellter Staaten hat Russland mit einer Annäherung zu Nordkorea reagiert. Zudem geht die Sorge um, dass China bald Taiwan angreifen könnte. Dann könnte Japan, das große US-Militärbasen beherbergt, in einen bewaffneten Konflikt gezogen werden.
Die „Nationale Sicherheitsstrategie“, die Japans Premierminister Fumio Kishida im Dezember 2022 verkündete, hat es in sich: Das laut Verfassung pazifistische Japan befinde sich im „ärgsten und kompliziertesten Sicherheitsumfeld“ seit dem Zweiten Weltkrieg. Daher soll bis 2027 das Budget für die Selbstverteidigungskräfte auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts verdoppelt werden. Im Fall eines Angriffs auf Japan wären nun auch Gegenschläge erlaubt.
Das Verteidigungsministerium steht damit allerdings vor einer riesigen Herausforderung: Woher kommen die neuen Soldaten, die im Ernstfall solche Gegenschläge durchführen könnten? Schon 2022 lag die Truppenstärke bei 228 000 Soldaten – 19 000 weniger als geplant. Und mit 4000 Bewerbern wurde nicht einmal die Hälfte des Zielwerts erreicht. Zuletzt zählte das Heer weniger Personal als 1990, als das Thema Verteidigung noch weniger akut schien.
Dabei wurden in Japan bereits die Hürden bei psychologischen Tests sowie das Höchstalter für Bewerber von 26 auf 32 erhöht. Der Generalstabschef der Selbstverteidigungskräfte, Yoshihide Yoshida, fällte dennoch ein harsches Urteil, das man über die vergangenen Jahre hinweg so ähnlich auch von deutschen Militärs zu hören bekam: „Mit unseren derzeitigen Fähigkeiten können wir Japans Sicherheit nicht aufrechterhalten.“
Fehlt es dem Soldatenberuf an Attraktivität? Yuushi Kodama sagt: „Stolz auf unsere Tätigkeit war bei uns fast niemand.“ Heute betreibt er den Youtube-Kanal „Jieitai no Ace“ über die Verteidigungskräfte, lebt aber in Vietnam. „Hier ist das Leben angenehmer, ich habe auch mehr Geld.“ Interesse an seinen Inhalten, die auch die Grenzen von Japans Verteidigungssektors zeigen, bestehe durchaus. Die häufigste Beschwerde von Ex-Soldaten? „Das Gehalt! Anfänger kriegen 150 000 Yen im Monat (rund 880 Euro).“ Kost und Logis werde gestellt. „Aber ohne Geld bringt das Leben draußen wenig Spaß.“
Im vergangenen Jahr wurde eine Kommission einberufen, die erörtern soll, wie man die Rekrutenzahl erhöhen könne. Ideen, die neben höheren Gehältern kursieren: Verschiedene Haarschnitte könnten erlaubt werden. Sogar Tattoos, die man in Japan mit dem organisierten Verbrechen der Yakuza in Verbindung bringt, sollten kein Ausschlusskriterium mehr sein. Andernorts werden modernere Sportanlagen auf den Kasernen und mehr TV-Geräte gefordert. Nicht nur Yuushi Kodama glaubt, dass dies zwar gute Schritte sind, aber trotzdem nicht ausreichen könnten.
Das Militär in Japan ist nicht attraktiv
Die Probleme Japans sind ähnlich wie die der Bundeswehr, die auch dringend Leute sucht. Seit Jahrzehnten gefällt sich Japan als pazifistische Nation. Wer sich in der Vergangenheit den Verteidigungskräften anschloss, wurde auf der Straße schon mal beschimpft. „Seit dem Zweiten Weltkrieg ist das Thema Verteidigung in beiden Ländern ein sehr unangenehmes“, sagt Raymond Yamamoto, Professor für Japanstudien mit Schwerpunkt auf Außen- und Sicherheitspolitik der Uni Aarhus. „Gerade in Japan tat sich die Regierung mit Stärkungen der Verteidigung immer schwer.“
Hinzu kommt ein weiteres Problem, das man auch in Deutschland kennt: Die alternde Bevölkerung. „Es herrscht generell Arbeitskräftemangel“, sagt Yamamoto. „Schon der Bausektor hat große Schwierigkeiten, Leute zu finden. Dann ist es für die weniger attraktive Landesverteidigung noch schwieriger.“ Wegen der zunehmenden Komplexität von Waffensystemen dauert die Ausbildung von Rekruten zudem immer länger. „Früher brauchte man ein Jahr, bis ein Rekrut voll einsetzbar war“, so Yamamoto. „Heute sind es oft zwei Jahre.“
Ein Teil der Lösung könnte die Automatisierung der Kriegsführung sein, was sich auch längst als globaler Trend zeigt: Drohnen oder unbemannte Fahrzeuge sind hoch im Kurs. „Darin steckt viel Potenzial“, so Yamamoto. „Aber ohne menschlichen Einsatz funktioniert es nicht.“ Um mehr Rekruten kommt Japan also kaum herum. Auf eine Anfrage, welche weiteren Schritte geplant sind, um den Personalengpass zu lösen, haben die Verteidigungskräfte bislang nicht geantwortet. Es könnte auch daran liegen, dass die Situation heute so schwierig, ja fast aussichtslos scheint wie seit Jahrzehnten nicht mehr.