Japan Ein gutes Reis-Leistungs-Verhältnis kann Wahlen entscheiden
Seit Monaten befindet sich Japan in einer Preiskrise beim Reis. Der neue Landwirtschaftsminister verspricht eine Trendwende und bringt sich in Stellung für höhere Ämter.
Seit Monaten befindet sich Japan in einer Preiskrise beim Reis. Der neue Landwirtschaftsminister verspricht eine Trendwende und bringt sich in Stellung für höhere Ämter.
Kaum ein Thema hat die Menschen in Japan über die vergangenen Monate so beschäftigt wie die Teuerung des bedeutendsten Grundnahrungsmittels. „Das kann sich doch keiner mehr leisten“, hört man Menschen im Gespräch schimpfen. „Wie hoch geht der Reispreis denn noch!“ Schließlich hat sich der Preis der elementarsten Essenszutat im letzten Jahr verdoppelt.
Mitte Mai kostete ein Fünf-Kilo-Sack laut Regierungsstatistiken im Schnitt 4200 Yen (rund 25 Euro), während man dieselbe Menge im Mai 2024 noch für knapp über 2000 Yen hatte erstehen können. Die Menschen macht das nervös, zumal die Reallöhne fallen. Reis ist kein Produkt, auf das man verzichten kann. Die Nachfrage bleibt konstant, man spart anderswo.
Diese angespannte Lage ist ein Grund, warum die Regierung des seit einem guten halben Jahr regierenden Premier Shigeru Ishiba schon fast wieder auf der Abschussliste stand. Umfragen zeigten im Frühjahr Zustimmungswerte von nur knapp über 30 Prozent – was allgemein als „Todeszone“ für Premiers gilt. Sollte Ishibas konservative Liberaldemokratische Partei (LDP) bei der Oberhauswahl im Juli keine Mehrheit holen, dürften die Tage von Ishiba gezählt sein. Auch wegen dem Reis.
Beim Reis verstehen Japaner keinen Spaß. Das zeigte sich Mitte Mai, als der damalige Landwirtschaftsminister Taku Eto scherzte, dass er selbst gar nicht betroffen sei: „Ich habe noch nie selbst Reis gekauft. Meine Unterstützer geben mir so viel davon, dass ich etwas davon verkaufen könnte.“ Es folgten ein Sturm der Entrüstung. Eto musste zurücktreten.
Gründe für die steigenden Reispreise gibt es einige, und keiner davon ist die unmittelbare Schuld der Regierung. Ein Grund sind die schlechten Ernten in den vergangenen zwei Jahren, was auch mit dem Klimawandel zu tun hat. Hinzu kommt, dass Japans Bevölkerung abnimmt. Das trifft auch die Landwirtschaft. Wo weniger Bauern sind, wird weniger geerntet.
Anfang des Jahres kam die LDP auf die Idee, die Exporte von Reis zu fördern – mit dem Hintergedanken, auf diese Weise wieder auf höhere Kapazitäten zu kommen, was mittelfristig das Angebot steigern und die Preise senken müsste. Aber bis sich Effekte zeigen könnten, dauert es.
Auf den ungeschickten Taku Eto ist vor einem Monat Shinjiro Koizumi an die Spitze des Landwirtschaftsministeriums gefolgt. Der 44-jährige, der bisher vor allem als Sohn des einst populären Premiers Junichiro Koizumi bekannt ist, aber auch schon Umweltminister war, inszeniert sich als volksnaher Krisenmanager. „Ich werde den Fünf-Kilo-Sack wieder auf 2000 Yen bringen, versprach er – und brachte ihm den Spitznamen „Reismann“ ein.
Noch aber ist die Krise nicht ausgestanden: Inzwischen begann die Regierung, große Lagermengen an Reis auf den Markt zu bringen, was die Preise aber nicht deutlich senken konnte. Als nächsten Schritt werden die Reisbestände nicht mehr über Auktionen veräußert, sondern direkt an den Einzelhandel verkauft. Anfang dieser Woche kündigte Koizumi an, dass ein Index zur Berechnung von Reisernten überarbeitet werde. Man will nichts unversucht lassen.
Längst sind auch Lockerungen von Importbestimmungen ein Thema – wobei man in Japan beim Reis durchaus nationalistisch ist. Reis aus den USA, Thailand oder Vietnam schmecke anders, passe nicht zu japanischen Gerichten. So handelt es sich bei diesem Schritt wohl eher um Aktionismus – der zeigen soll, dass wirklich alles versucht wird.
Genau dies scheint nun in kleinen Schritten zu funktionieren. Anfang der Woche zeigten Umfragedaten der Nachrichtenagentur Kyodo, dass statt zuvor 31,7 Prozent nun 37 Prozent der Menschen mit der Arbeit der Regierung zufrieden sind. 88,5 Prozent befürworten demnach die neue Ausrichtung der Reispolitik – selbst, wenn die Preise bisher nicht wieder auf ihr Vorjahresniveau fallen konnten.
Was Premierminister Shigeru Ishiba, für den der Wahlkampf für die Oberhauswahl gerade begonnen hat, Grund zum Durchatmen gibt, ist mittelfristig aber schon das nächste Problem. Mit Shinjiro Koizumi, der in der oft auch dynastisch geprägten Politik Japans als modernes Aushängeschild gilt, bringt sich gerade ein vergleichsweise junger Mann in Stellung für höhere Aufgaben. Längst wird er auch als künftiger Premier gehandelt. Reismann müsste man sein. Wobei die Preise erst noch fallen müssen.