Japan Zu Gast bei Miss Roboto

Die Computersimulation zeigt die Hotellobby aus Sicht der der Roboter-Empfangsdamen. Foto: Courtesy of Huis Ten Bosch
Die Computersimulation zeigt die Hotellobby aus Sicht der der Roboter-Empfangsdamen. Foto: Courtesy of Huis Ten Bosch

Im Sommer eröffnet das erste Roboterhotel der Welt. Die Gäste begrüßt ein motorisiertes Kunstwesen.

Korrespondenten: Sonja Blaschke
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Tokio - Glattes, rotbraun glänzendes Haar fällt auf ihre Schultern. Unter Ponyfransen schauen dunkle, große Augen den Gast freundlich an. Während die junge Frau erklärt, dass man im Henn na Hotel keinen Zimmerschlüssel braucht, sondern durch Gesichtserkennung die Tür öffnen kann, umspielt ein sanftes Lächeln ihre Lippen. Doch wer der Versuchung erläge, mit der Rezeptionistin zu schäkern, würde bald enttäuscht. Sämtliche Flirtversuche prallen an ihr ab. Genauso wie Beschwerden oder Wutausbrüche. Was man zu ihr auch sagt, ihr Herzschlag und ihre Atemfrequenz bleiben gleich. Denn in ihrem Körper fließt kein Blut, sondern verlaufen Drähte und Kabel. Ihre Mimik und Gestik steuert ein Computer. Während Rezeptionisten aus Fleisch und Blut jahrelang büffeln müssen, um ihre Gäste auf Japanisch, Chinesisch, Koreanisch und Englisch begrüßen zu können, braucht sie einfach die richtige Software.

Die Rezeptionistin ist ein Roboter, genauer ein „Actroid“, so nennt ihn die Herstellerfirma Kokoro, weil sich das Wesen so menschlich verhalte. Die 80 Kilogramm schwere, namenlose Androiden-Dame und zwei Roboterkollegen werden bald Gäste im ersten Roboterhotel der Welt begrüßen. Es eröffnet am 17. Juli in der Präfektur Nagasaki auf dem Gelände des Huis Ten Bosch, einem Vergnügungspark in Südjapan. Er ist nach dem Vorbild der Niederlande modelliert und zog im letzten Jahr fast 2,8 Millionen Touristen an, knapp zehn Prozent davon aus dem Ausland.

Das Hotel passt zum Bild von Japan als Technologienation

Mit dem Roboterhotel hat der Themenpark eine neue Attraktion, der perfekt zum Image von Japan als Technologienation passt. Schließlich ist Japan der Geburtsort von „Aibo“, dem Roboterhund von Sony, und „Asimo“ von Honda, einem 1,20 Meter hohen Roboter, der aussieht wie eine Lego-Figur. Ein Wissenschaftler der Universität Osaka baute gar einen lebensechten Klon seiner selbst in Roboterform.

Neben „Miss Roboto“ wird der humanoide Roboter „Nao“ die Gäste kurz begrüßen und ihnen zeigen, wie sie an den Selbstbedienungsterminals am Empfang einchecken. „Nao“ wurde von der französischen Firma Aldebaran Robotics entwickelt, die zur Unternehmensgruppe des japanischen Mobilfunkanbieters Softbank gehört. Über 5000 „Nao“-Roboter tanzen und quasseln derzeit in 70 Ländern.

Vorteil für den Gast: Keine Gedanken über Trinkgeld

Wer der oder die dritte im Bunde der Empfangsroboter ist, will Kotaro Takada von der Unternehmensplanung noch nicht verraten. „Freuen Sie sich darauf“, sagte er nur und verweist auf den Eröffnungstag am 17. Juli.

Die drei vom Empfang werden nicht die einzigen motorisierten Hoteldiener im Henn na Hotel sein. Wer zum Beispiel ankommt, bevor das Zimmer für den nächsten Gast vorbereitet ist, kann den Koffer derweil in die Obhut eines Roboterwesens geben. Den Job des Portiers übernimmt ebenfalls ein Roboter und schleppt ohne Ächzen und Murren das Gepäck aufs Zimmer. Der Vorteil für den Gast: Gedanken darüber, wie viel Trinkgeld angemessen wären, kann man sich so sparen.

Sparen ist ohnehin ein Teil des Konzepts des Roboterhotels. Während die anderen drei Hotels auf dem Gelände des Parks mit Namen wie Europa Hotel und Amsterdam Hotel eher eine ältere Kundschaft mit einem gut gefüllten Portemonnaie im Auge hat, hofft die Betreiberfirma, mit dem Design- und Preiskonzept von Henn na Hotel auch jüngere Kunden anzusprechen wie junge Paare und Familien. Entsprechend ist das Design der Zimmer hell und klar und erinnert an schlichtes, skandinavisches Design, wie es viele junge Japaner schätzen. In manchen Zimmern steht die Badewanne direkt neben dem Bett hinter einer durchsichtigen Glaswand. Die Licht- und Energiesteuerung funktioniert über einen Tablet-PC.

In der Hauptsaison bestimmt eine Auktion den Preis

Die Preise sind vergleichbar mit besseren japanischen Businesshotels: 7000 Yen kostet das kleinste Einzelzimmer, 9000 Yen das kleinste Doppelzimmer. Wer Frühstück will, legt 2000 Yen drauf. Wenn sich die Zimmer zur Hauptsaison stark füllen, dann sollen die Gäste per Auktion selbst bestimmen können, wie viel sie zahlen. Das Mindestgebot liegt bei gerade mal 1000 Yen, der Maximalpreis für das Einzelzimmer bei 14 000 Yen.

Damit sich das trotz der günstigen Übernachtungspreise für die Betreiberfirma lohnt, haben namhafte japanische Architekten sowie die Universität Tokyo gemeinsam Konzepte entwickelt, die den Energieverbrauch niedrig halten, etwa durch den Einsatz von LED-Lampen. Den Strom für den Betrieb liefert eine Solaranlage. Hinzu kommt, dass dank der Roboter, die zum Beispiel die Hotelflure putzen oder im Service aushelfen, weniger menschliches Personal nötig ist.

Das Konzept könnte in der alternden und schrumpfenden Nation dabei helfen, dem Mangel an Arbeitskräften auszuweichen. Insgesamt können auf diese Weise zwischen einem Drittel und der Hälfte der Personalkosten im Vergleich zu einem regulären Hotel eingespart werden. Derzeit sei noch nichts von ähnlichen Plänen anderer Hotelanbieter bekannt, sagte die japanische Tourismusbehörde auf Anfrage.

Das effizienteste Hotel der Welt

Hideo Sawada, der Präsident der Betreiberfirma, die zu dem großen japanischen Reiseveranstalter H.I.S. gehört, kündigte an, in Zukunft sogar bis zu 90 Prozent der anfallenden Arbeiten im Hotel von Robotern erledigen zu lassen. „Wir werden das effizienteste Hotel der Welt eröffnen”, sagte er auf einer Pressekonferenz. Schon der Name spiegele wider, dass das Hotel auf Veränderung und Innovation setze. „Hen“ kann auf Japanisch „seltsam“ heißen, ist aber auch Teil des japanischen Wortes für Veränderung.

Wer sich vor so viel Veränderung gruselt und nicht nur mit animierten Robotern kommunizieren will, braucht sich keine Sorgen zu machen. Es wird auch einige menschliche Mitarbeiter geben, die die Wünsche der Gäste erfüllen, zum Teil hinter den Kulissen, um die Illusion zu wahren. So soll laut Takada, dem Unternehmensplaner, entweder am Roboter selbst oder an anderer Stelle eine Art Gegensprechanlage installiert werden, über die die Hotelgäste auf das Detailwissen atmender Hoteldiener zurückgreifen können. Auch beim Reinigen der Zimmer, etwa beim Abstauben der Regale oder Putzen der Badewanne, werde man weiter auf echte Muskelkraft setzen, sagt Takada.

Er habe „Miss Roboto“ bereits gesehen: „Sie ist großartig“, „die kann ja alles“, habe er gedacht. Takada hofft, dass sie bei den Kunden genauso gut ankommt. Von nun an würden verschiedene Tests durchgeführt. Trotzdem, mit Vokabular für einen längeren Plausch wolle man sie lieber nicht ausrüsten, sagt Takada. „Sonst wird die Schlange am Empfang zu lang.“




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