Jaroslav Rudis: „Winterbergs letzte Reise“ Zugfahrt durch die Abgründe der Erinnerung

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Schöne Landschaften mit Schlachtfeldern, Friedhöfen und Ruinen: Jaroslav Rudis’ Roman „Winterbergs letzte Reise“ führt quer durch das Herz der europäischen Geschichte.

Kriegerdenkmal in Königgrätz, heute  Hradec Kralove   – dort fängt das Schlamassel an. Foto: dpa
Kriegerdenkmal in Königgrätz, heute Hradec Kralove – dort fängt das Schlamassel an. Foto: dpa

Stuttgart - Man muss diesem Buch, das einer Zugfahrt nicht nur gleicht, sondern auch von einer solchen handelt, eine Warnung vorausschicken: Unbedingt bis zuletzt sitzen bleiben, auf keinen Fall vorher aussteigen, allen Verzögerungen, Umwegen und Belästigungen zum Trotz, die man als Reisender mit der Bahn nun einmal zu gewärtigen hat. Denn „Winterbergs letzte Reise“ des zwischen Sprachen, Ländern und Künsten verkehrenden tschechischen Multitalents Jaroslav Rudis hat den großen Bahnhof durchaus verdient, der ihm mit der Nominierung für den Leipziger Buchpreis bereitet wurde. Und es wäre schade um alle, die auf der Strecke bleiben, weil sie das endlose Dauergequatsche eines Mitreisenden beim besten Willen nicht mehr aushalten.

Es handelt sich dabei um den 99-jährigen Wenzel Winterberg, der von dem Altenpfleger und Erzähler Jan Kraus auf der Überfahrt von den Lebenden auf die andere Seite begleitet wird. Zur Folklore des Todes gehört der Glauben, dass in den letzten Momenten noch einmal das ganze Leben an dem Sterbenden vorüberfliegt. Genau so könnte man beschreiben, was dieses seltsame Paar, das an andere berühmte Herr-Knecht-Verhältnisse der Weltliteratur erinnert, auf seiner winterlichen Zugfahrt durch das Gebiet der ehemaligen königlich-kaiserlichen Donaumonarchie erlebt. Nur dass dabei nicht allein die wesentlichen Stationen im Leben des Wenzel Winterberg noch einmal berührt werden, sondern auch die historischen Voraussetzungen, die diesem Leben seine tragische Färbung gegeben haben.

Historische Anfälle

Und so nimmt diese schienenbasierte Roadnovel ihren Ausgangspunkt in Königgrätz, wo vor etwas mehr als 150 Jahren das österreichische Heer von der preußischen Armee vernichtend geschlagen wurde und der Aufstieg Preußens zur militärischen Großmacht begann. „Die Schlacht bei Königgrätz geht durch mein Herz“, ist der erste Satz, den Winterberg, durch das beschlagene Fenster des Zugs schauend, von sich gibt. „Die Schlacht bei Königgrätz ist der Anfang von meinem Ende.“ Dieser alte, in einen schäbigen Wollmantel gehüllte Mann leidet unter historischen Anfällen. Sie äußern sich in Sprechattacken, die sich um seine Leidenschaften für das mitteleuropäische Eisenbahn-, Schlachten- und Bestattungswesen drehen.

Ehrlich gesagt ist man schnell dabei, ihn mit seiner von nervtötendem „Ja, ja“ wie eintönige Schwellenmusik getakteten Suada sonst wohin zu wünschen. Und die Versuchung ist groß, irgendwo zwischen Pilsen, Brünn und Budapest auszusteigen und sich lohnenderen Dingen zuzuwenden als dem Cornus sanguinea (ja genau, was ist das?), der Überschienung der Alpen und den vielen wenig schönen Leichen, die Wenzel Winterbergs Vater, seines Zeichens Bestatter, in seiner prächtigen Feuerhalle eingeäschert hat – bis ihm ein sudetendeutscher Nationalsozialist im Wirtshaus mit einem Bierkrug den Schädel eingeschlagen hat. Was für ein Wahnsinn.

Weggefährte Sterbender

Das sieht Winterbergs Begleiter nicht anders. Er ist im tschechischen Vimperg – früher Winterberg – aufgewachsen und kam unter ziemlich verwickelten Umständen noch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs nach Deutschland, wo er seitdem Sterbenden das letzte Geleit gibt, darunter auch einem jungen Mädchen, in das er sich unsterblich verliebt hat. Aber ein Fall wie diesen Alten, der während der Überfahrt, sozusagen in Charons Waggon, zum Leben erwacht, hat er noch nicht gehabt.

Winterberg treibt eine unglückliche Liebe, zur ersten seiner vielen Frauen, der schönen Jüdin Lenka. Ihre Spuren verlieren sich in den dreißiger Jahren in Sarajevo. Dorthin möchte er reisen, um ihren Tod zu rächen, es wird eine Reise in die schuldbesetzten Abgründe der Erinnerung. Ausgerüstet mit einem Baedeker aus dem Jahr 1913, als die Welt noch in Ordnung war, fahren die beiden durch eine „beautiful landscape of battlefields, cemeteries and ruins“, wie ein mit Winterberg befreundeter Engländer zu sagen pflegte, der im Krieg als Pilot der Royal Air Force am Erscheinungsbild der schönen Landschaft von Schlachtfeldern, Friedhöfen und Ruinen beteiligt war.

Übrigens wurde die Feuerhalle im böhmischen Reichenberg, in der Winterbergs Vater amtierte, vom selben Architekten gebaut wie der Leipziger Hauptbahnhof. Und das führt geradewegs aufs Trauma dieser winterlichen Reise zu: „Warum die Deutschen die Bahnhöfe mit den Feuerhallen verbunden haben, warum die Deutschen das ganze Europa in eine einzige große Feuerhalle verwandelt haben.“

Vielleicht wäre es die Aufgabe eines kundigen Lektors gewesen, manches Textmassiv mit mutigen Strichen zu überschienen oder zu untertunneln. Doch wie gesagt: unbedingt sitzen bleiben. Eine Zugfahrt durch das Herz der europäischen Geschichte ist nun einmal auch mit Leiden verbunden.

Am 2. April stellt der Autor seinen Roman im Literaturhaus Stuttgart vor.

Jaroslav Rudis: Winterbergs letzte Reise. Roman. Luchterhand Literaturverlag. 544 Seiten, 24 Euro.