Jasmin Gnu über Deepfakes „Du wirst in den normalsten Posen ausgezogen gegen deinen Willen“

Jasmin Gnu will anderen helfen, wie sie sich vor Deepfakes schützen können. Foto: Lyonel Stief

Die Streamerin und Youtuberin Jasmin Gnu hat schon vor Jahren Deepfakes öffentlich gemacht. Sie fand die Täter – das Ergebnis der Suche ist indes enttäuschend.

Lokales: Christine Bilger (ceb)

Die Content-Creatorin Jasmin Gnu aus der Region Stuttgart hat leidvolle Erfahrungen mit Deepfakes im Netz gemacht: Es entstanden Nacktaufnahmen von ihr, generiert mit KI und Bildbearbeitung. Wie reagiert sie auf die aktuelle Diskussion im Zuge des Falles Fernandes/Ulmen?

 

Frau Gnu, wie haben Sie die Geschichte Fernandes/Ulmen aufgenommen – kommen da alte Geschichten hoch, wenn man selbst schon Opfer von digitaler Gewalt wurde?

Mir hat Collien Fernandes zunächst einmal extrem leid getan. Wie schlimm muss es sein, wenn man herausfindet, dass es sich beim Täter mutmaßlich um den Ehemann handelt. Und was mich sehr geärgert hat an dem Fall: Wieder reden viele diese digitale Gewalt klein und sagen: „Stell dich nicht so an.“ Dabei hätte es ja zu Übergriffen kommen können. Man muss daran denken: Er baut parasoziale Beziehungen auf. Wenn jetzt jemand aus dem Arbeitsumfeld gedacht hätte: „Mit der fang ich was an“, oder „Sie hat offenbar Vergewaltigungsfantasien“, dann hätte das richtig gefährlich werden können im echten Leben. Das finde ich so furchtbar.

Da Sie es leider selbst erlebt haben: Was ist denn neben der Angst vor Gewalt noch die psychologische Komponente solcher Taten?

Für mich und viele Kolleginnen ist es psychologisch echt hart, weil es öffentlich passiert. Dieses öffentliche Zelebrieren, wenn man auf ein Foto ejakuliert. Oder es werden Bilder sexualisiert, auf denen man doof aussieht: Ich habe auf der Couch geschlafen, hatte den Mund offen, das sah komisch aus, man musste lachen. Selbst das wurde auf nackt gephotoshoppt, dass es aussah, als würde ich gerade masturbieren. Egal, was du als Frau machst: Du wirst in den normalsten Posen ausgezogen gegen deinen Willen. Du hast dich dagegen entschieden, dich auszuziehen, und Leute verkaufen Deepfake-Pornos von dir.

Wissen Sie auch von Kolleginnen, wie die reagiert haben?

Ja. Einige Streamerinnen haben deswegen wieder aufgehört. Viele meiner Streamer-Kolleginnen tragen nicht mal mehr einen Ausschnitt – oder ziehen extra einen Schal an. Weil man überall sexualisiert wird. Und selbst dann nehmen sie noch das Gesicht und montieren es auf nackte Körper. Diese Deepfakebilder kommen dem eigenen Körper ja schon sehr nahe. Ich bin da auch einige Male erschrocken.

Wie waren die Reaktionen, als Sie darüber sprachen?

Ich habe sehr viel Solidarität erfahren. Aber es wurde dann noch mehr produziert, um mich weiter zu demütigen, weil ich über das Thema spreche – und es wurde immer heftiger. Am Ende gab es einen Film, da werde ich von einem Hund bestiegen.

Hatte es auch beruflich Folgen?

Ja, das passiert immer wieder. Auch jetzt gerade. Ich hab am 15. April einen Auftritt, bei dem ich mehreren Menschen aus dem Fernsehbereich erkläre, warum es gut wäre, vielleicht mit uns Streamerinnen zusammenzuarbeiten. Dann haben die aus Amerika mich gegoogelt und meinten, sie könnten mich nicht einladen: „Die macht ja Pornos!“ Zum Glück kenne ich die Veranstalterin, die hat dann erklärt, dass es nicht echt ist. Aber es kann Aufträge kosten.

Hat sich denn die Wahrnehmung des Themas verändert, seit Sie die Taten zum ersten Mal öffentlich gemacht haben?

Damals kamen sehr viele Menschen auf mich zu, das Thema war noch relativ neu. Früher wurde gephotoshoppt, aber jetzt haben wir KI und es geht noch leichter. Viele Frauen wissen, wenn sie den Schritt in die Öffentlichkeit wagen, wird es so Material auch von mir geben. Viele haben einfach kapituliert – oder schauen gar nicht nach. Denn es ist belastend. Da wird in Foren offen drüber geredet, was man für dreckiges Zeug mit dir machen wird.

Auf europäischer Ebene wird über Verbote diskutiert. Foto: Imago/Steinach (Symbolbild)

Wie schützen Sie sich vor den negativen Folgen psychischer Natur, die so ein ungewolltes Exponieren mit sich bringt?

Ich kann immer raten, Leuten, denen man vertraut, davon zu erzählen. Die sollen dann für einen recherchieren. Dabei ist es ganz wichtig, immer auch alles zu fotografieren, auch die Accounts. Es ist schwierig, wenn man weiß, da ist was von mir. Aber man muss die Füße still halten, alles dokumentieren und damit zur Polizei gehen. Neulich hab ich mal wieder selbst nach mir gesucht und bin auf Bilder gestoßen. Mir wurde schlecht – ich hab es dann meinem Management gegeben und gesagt: Kümmert ihr euch. Man kann es dann löschen lassen. Es ist natürlich frustrierend, denn für die Täter ist das Netz ein Paradies. Wenn man es löschen lässt, legen die sich einfach einen neuen Account an. Aber ganz wichtig: Lasst andere suchen, belastet euch nicht selbst damit.

Ist denn damals, als Sie die Sache aufgedeckt haben, auch jemand strafrechtlich belangt worden?

Wir haben mit einer Hackerin zusammengearbeitet. Die ist dann auf eine größere Sache gestoßen: Männer, die versucht haben, Streamerinnen zu daten, um sie heimlich zu filmen. Auch ein Familienvater war dabei. Sie ging damit zur Polizei. Dann haben sich alle entschuldigt und zurückgerudert und ihre Profile gelöscht. Deswegen: Immer alles fotografieren für die Beweise. Denn die löschen alles, sobald sie ertappt werden. Nein, bestraft wurde niemand.

Haben Männer und Frauen unterschiedlich reagiert, als Sie die Entdeckung ihrer Deepfakes öffentlich machten?

Es kamen sehr viele auf mich zu, vor allem Frauen, die sagten: Endlich redet mal jemand darüber. Ich war geschockt, wie viele davon betroffen sind. Auch viele Männer haben mich angeschrieben, die am Löschen waren für ihre Frauen. Es kam sehr viel Solidarität. Aber es gab natürlich auch die Kandidaten, die sagten: Selbst schuld, damit musst du rechnen.

Bringt die aktuelle Diskussion etwas, damit sich die Wahrnehmung ändert?

Ich hoffe es. Aber leider meinen viele immer noch, dass sie im Netz machen können, was sie wollen. Auch wenn sich die Gesetzeslage ändert. Wen zeige ich denn an, wenn die Accounts weg sind? Die Spuren sind schnell verwischt.

Auf einer Demo in Hamburg: Aufgrund von Morddrohungen musste Collien Fernandes unter der Lederjacke eine schusssichere Weste tragen. Foto: dpa/Marcus Brandt

Haben Sie auch Erfahrungen mit Hass gemacht? Frau Fernandes trat dieser Tage wegen Morddrohungen sogar mit einer schusssicheren Weste auf einer Demo auf.

Da ich es vor fünf Jahren öffentlich gemacht habe, als ich meine Deepfakes fand, kam kein Hate, weil es keine so große Diskussion gab. Bei mir war es zum Glück eher Verständnis. Viele Frauen und Männer waren geschockt. Bei Collien wird es gerade heftig in die Politik gezogen. Und das Thema Frauen- oder Männerhass wird immer extremer. Das ist schade, denn es geht doch im Kern um ein Thema, das so viele betrifft. Bitte versetze dich mal in die Lage: Es könnte deine Tochter sein, es könnte deine Schwester sein, mit dem Beispiel muss man immer mal wieder kommen. Es ist nicht richtig, und es ist nicht cool. Jedem der Täter wäre es auch peinlich, wenn man zu ihm auf die Arbeit kommen und fragen würde: „Warum erstellst du Nacktbilder von Frauen?“

Ist dabei auch das Thema Kinderschutz eines für Sie? Viele gehen ja sehr leichtfertig mit Fotos ihres Nachwuchses im Internet um.

Ja, das finde ich auch unverantwortlich und schrecklich. Wenn ich überlege, es wäre ein Bild von mir, wie ich als Dreijährige versuche, aus der Badewanne zu klettern, im Internet. Das fände ich ganz schlimm. Und es sollte inzwischen allen bewusst sein. Es gibt sogar eine Petition für ein Gesetz, dass Kinder nicht online gezeigt werden sollen. Und man kennt die Berichte von Kindern, die hinter der Kamera schlecht behandelt wurden – und deren Körper nun für immer und ewig für solche Dinge im Netz missbraucht werden. Es sind auch einige Kinder-Influencer in Pornos gelandet. Das kann ich nicht hinnehmen, dass Eltern das in Kauf nehmen für Geld. Gerade Kinder sind so schützenswert.

Hat Sie all das auch schon mal so mitgenommen, dass Sie sich überlegt haben, als Streamerin aufzuhören?

Noch nicht. An einem Punkt war ich mal extrem gekränkt. Das war nach der Messe Games Com. Ich hatte extra Autogrammkarten nur für das Event. Und dann sehe ich einen Reddit-Post, dass ein paar Leute auf diese Karten onaniert haben, das filmten und sich dafür abfeiern ließen. Das war schlimm – da wusste ich: Diesen Typen bin ich begegnet. Oder einer will auf der Messe ein Foto machen, macht sein Handy auf und da sind lauter Deepfake-Pornos drauf von allen meinen Kolleginnen. Da haben wir gesagt: „Du nicht!“

Weitere Themen