Jay Z und Kanye West liefern Musik gewordenes Hollywood in Frankfurt ab. Es ist eben schlicht praktisch, wenn man selbst für mindestens zehn der – Achtung – größten Hits aller Zeiten selbst verantwortlich zeichnet.

Wochenendbeilage : Ingmar Volkmann (ivo)

Frankfurt - Längst vorbei die Zeiten, als man sich im amerikanischen Hip-Hop noch gepflegt gegenseitig über den Haufen schoss und der Streit unter Rappern – der so genannte Beef – entweder von Herzen kam oder zumindest aus Marketingzwecken instrumentalisiert wurde.

Mit Shawn Corey Carter alias Jay Z und Kanye West haben sich die beiden unangefochtenen Superstars des Genres zusammengetan. Die beiden absoluten Referenzgrößen des Cool veröffentlichten mit „Watch the Throne“ im vergangenen Jahr ein gemeinsames Album, das zu recht in allen relevanten Magazinen zu den wichtigsten Neuveröffentlichungen des Jahres gezählt wurde. Auf ihrer Europatournee setzen sie derzeit auch visuell Maßstäbe mit einer Bühnenshow, die man sich so nur auf der ganz großen Leinwand trauen darf.

In der Frankfurter Festhalle stechen sofort zwei hydraulische Bühnen-Türme ins Auge, einer davon mitten im Publikum. Die Gebilde schrauben sich langsam rund 20 Meter in die Höhe, die Außenwände der Ungetüme können visuell bespielt werden. Zum Start der Show erscheinen so gewohnt stilsicher – Hip-Hoper haben einen ähnlich guten Geschmack wie Profifußballer – Friedenstauben, sympathisch die Zähne bleckende Rottweiler und possierliche weiße Haie auf den Türmchen.

Das Setting wird komplettiert durch eine Mainstage von der Größe eines Mehrfamilienhauses, Großbildleinwände, die diesen Namen auch wirklich verdienen und Pyrotechnik, die man so eher bei Rammstein erwartet hätte – kurz: der Abend liefert Popcorn-Unterhaltung ohne nennenswerte Aussetzer nach unten.

Der Rap-Gott schlechthin

Alles andere wäre aber auch eine Enttäuschung gewesen beim Kaliber der beiden Protagonisten. Nicht umsonst lautet einer der zahlreichen Spitznamen von Carter (Jay-)Hova, hergeleitet von Jehova. Der 42-Jährige ist mit über 50 Millionen verkauften Alben nicht nur einer der erfolgreichsten fünf Solo-Künstler des neuen Jahrtausends, nein, er ist der Rap-Gott schlechthin, dessen Wort auch außerhalb der Szene Gehör findet.

Als der Präsident einer bei Rappern beliebten Champagner-Marke vor Jahren durch eine rassistische Äußerung negativ auffiel, sprach Jay Z einen Boykott der Marke aus – sofort fiel der Umsatz der Prickelbrause in den Staaten ins Bodenlose. Und als Jay Z kürzlich in einem CNN-Interview den Umgang mit Homosexuellen in Amerika mit der Diskriminierung von Schwarzen verglich, dominierte diese Meldung für kurze Zeit sogar den hyperventilierenden Präsidentenwahlkampf in seinem Land.

Kanye West reicht an die Autorität eines Jay Z zwar nicht ganz heran, er wirkt nicht nur an diesem Abend immer ein wenig wie der Schüler Gottes. Mit seinen 34 Jahren und 15 Grammys gehört er aber immerhin zu den wichtigsten Produzenten der Gegenwart und wurde erst kürzlich von Forbes und Time Magazine erneut unter die 100 einflussreichsten Persönlichkeiten weltweit gewählt.

Rap stagniert seit Jahren

Kann es gut gehen, wenn zwei solche Egos gemeinsam zum Tanz bitten? Zwei Egos, die mit ihren Unternehmen jenseits der Musik seit Jahren im Spannungsfeld von Mode, Film und Unterhaltungsindustrie Umsätze generieren, die auch deutsche Dax-Konzerne nicht von der Börsenkante schubsen würden?

Es geht gut. Aber nur, weil beide Gestalten eine musikalische Gattung dominieren, die die pubertärste im Bereich der populären Musik darstellt: Inhaltlich ist Rap Musik gewordene Hybris, es geht im Prinzip immer um einen Penis-Vergleich: Wer hat den längsten? Textlich erschöpft sich das Repertoire oft darin, die Musik, das Auto oder die Mutter des Widerparts zu diskreditieren. Dieses Selbstreferentielle ist Grund dafür, wieso die Musikrichtung seit Jahren stagniert.

So war es ein Leichtes für Kanye West und Jay Z, einer gelangweilten Pop-Spielart neues Leben einzuhauchen. Das im vergangenen Sommer erschienene gemeinsame Album zeigt, dass man auch heute noch auf Albumlänge ein veritables Lebenszeichen der Gattung Hip-Hop abliefern kann. Stücke wie Otis, Watch the Throne oder Made in America widersprechen überdies einem mittlerweile oft kolportierten DJ-Witz von der SWR1isierung des Hip-Hops: Im Grunde reichten, so tuschelt man unter DJs, 15 Hits aus den 90ern, um eine Rap-Club-Nacht zu bestreiten. Mehr brauche es nicht, um das Publikum 2012 glücklich zu machen, schließlich sei seit den Nuller-Jahren kaum brauchbare Stücke hinzugekommen.

Vergangenheit und Gegenwart werden versöhnt

Jay Z und Kanye West gelingt in Frankfurt das Kunststück, Hip-Hop-Vergangenheit und Gegenwart an einem Abend über zwei Stunden lang zu versöhnen. Es ist eben schlicht praktisch, wenn man selbst für mindestens zehn der – Achtung – größten Hits aller Zeiten selbst verantwortlich zeichnet.

So nickt Jay Z anerkennend zu Kanye Wests Raps in Gold Digger, während West wiederum artig die undankbare Rolle des amerikanischen Polizisten spielt, der Jay Z in seinem großen Stück 99 Problems zu einer ungerechtfertigten Verkehrskontrolle verdonnert. Kanye darf dann im Laufe des Abends sogar ein bisschen singen, als er zu einer Art Kuschelrap-Runde ausholt.

Zum Glück ist der Bass dabei so übersteuert, dass man von Text und Sangeskunst nur wenig mitbekommt, während bei Jay Zs Stück Empire State of Mind auch in der Festhalle das funktioniert, was auf jeder Tanzfläche von Atlanta über Madrid bis Warschau bei diesem Lied passiert: Nicht nötig, den Refrain von der großen Stadt, deren Straßen einen rundum erneuern, wirklich anzuspielen, das Publikum intoniert selbstvergessen lieber selbst und dankt dem „New Sinatra“ für einen der Konsenssongs der vergangenen Jahre.

Hybris spielt im Hip-Hop wie geschrieben eine tragende Rolle, so verwundert es nicht, dass die beiden Superstars, die Goldketten um den Hals tragen so groß wie Fahrradschläuche, in der Frankfurter Festhalle auf eine Zugabe im herkömmlichen Sinne verzichten. Das haben die beiden nach einer derart auf den Punkt inszenierten Show auch gar nicht nötig. Stattdessen spielen sie zum Schluss ihr Tanzflurbombe Niggaz in Paris einfach viermal hintereinander.

Mit diesem Finale hatten die Fans in Frankfurt noch Glück: Beim Auftritt in Paris vor einer Woche hatten Carter und West noch mehr Spaß am Spiel mit dem Dada. Dort wiederholten sie das Lied bescheidene elfmal hintereinander. Das Publikum feierte auch das – Gott und sein Schüler können sich eben alles erlauben.