Der Esslinger Saxophonist, Komponist und Bandleader Wolfgang Fuhr spielt am Freitag im Esslinger Jazzkeller mit jungen Musikern. Im Interview spricht er auch über seine Zukunftspläne.

In der vielfältigen Musikszene Esslingens ist der Jazzkeller in der Webergasse 22 seit Jahrzehnten ein Garant für hochkarätige Konzerte mit Jazz unterschiedlichster Couleur in stets variierenden Besetzungen. Zumeist machen internationale Stars aus Europa und den USA auf ihren Tourneen Station im legendären Keller, der im vergangenen Jahr das 30-jährige Jubiläum nach der Wiedereröffnung im Jahr 1995 feierte. Am Freitag, 17. April, hat mit dem Esslinger Saxophonisten und Bandleader Wolfgang Fuhr ein Lokalmatador im Jazzkeller ab 20.30 Uhr das musikalische Sagen: Mit seinen „Rising Stars“ entführt er das Publikum in den unendlichen Kosmos des Jazz. Im Gespräch stellt er die Band vor, gibt Einblicke ins Programm und erzählt von seinen vielfältigen musikalischen Aktivitäten.

 

Herr Fuhr, Sie sind ein Urgestein der Esslinger Jazzszene. Ist das morgige Konzert Ihre erste Begegnung mit dem Esslinger Jazzkeller?

Ich bin mehr Gestein als Ur, da ich ja „erst“ seit 2008 in Esslingen wohne. Den Jazzkeller habe ich aber schnell ins Herz geschlossen und erfreue mich als Besucher immer wieder am hochkarätigen Programm, das die Stadt kulturell immens aufwertet. Als Saxophonist habe ich auch schon das ein und andere Mal selbst spielen dürfen, das letzte Mal 2021 während der Corona-Pandemie als Video-Stream des Jazzkellers mit dem Martin Sasse Trio.

Treten Sie regelmäßig mit den „Rising Stars“ auf?

Das Projekt mit den Rising Stars ist bislang eine Einmal-Angelegenheit. Als Claudia Leutner vom Jazzkeller mir den Termin für ein Konzert anbot, schlug sie vor, die Band aus Teilnehmenden der Workshop-Bands des Esslinger Jazz-Festivals zusammen zu stellen. Diese großartige Idee fiel bei mir direkt auf fruchtbaren Boden, und so darf ich am Freitag mit vier sehr jungen Musikerinnen und Musikern konzertieren - Fortsetzung hoffentlich folgend.

Wie ist das Line-up Ihrer Band?

Spielen werden Bettina Martinez aus Paris (Piano), Andreï Beuthe de Jaegher aus Brüssel (Trompete), Ida Koch aus München (Kontrabass), der Schlagzeuger Felix Eckenfelde aus Stuttgart und meine Wenigkeit am Saxophon.

Welches Programm erwartet das Publikum im Jazzkeller?

Während der Proben mit den jungen Musikerinnen und Musikern anlässlich des Esslinger Jazzfestivals bin ich immer wieder begeistert, wie sehr sich junge Jazz-Begeisterte für die Tradition des Jazz interessieren und sie sich aneignen. Man muss sich vergegenwärtigen, dass aus der Sicht dieser Generation die berühmtesten Aufnahmen und Kompositionen des Jazz über ein halbes Jahrhundert vor deren Geburt entstanden! Generationenübergreifend werden wir also gemeinsam eine thematisch gebündelte Reise durch die Jazzgeschichte machen, gespickt mit Eigenkompositionen der Band. Wir verneigen uns damit vor den Größen und bewusst nicht ganz so Großen der Jazzgeschichte - getreu dem Motto einer ebenfalls sehr jungen Workshop-Teilnehmerin: Jazz ist nicht nur ein Musik-Stil, sondern eine Lebenseinstellung!

Sie sind auf vielen musikalischen Gebieten unterwegs und haben auch als Theatermusiker gearbeitet. Was ist das Reizvolle an der Bühnenmusik?

Meine Liebe zum Jazz resultiert aus dem Freiraum und der Spontaneität, die speziell diese Musikform einfordert und zulässt. Bühnenmusik ist sozusagen das genaue Gegenteil davon: Wie die Sprache und die Bewegungen der Schauspielenden minutiös über Wochen einstudiert werden, muss die Musik sich diesen Details anpassen. Bühnenmusik stellt also mehr das Planbare und Wiederholbare in den Vordergrund, entspricht mehr der klassischen, voll ausnotierten Musik.

Esslingen ist eine historische Stadt mit einer besonderen Altstadt – und einer großen Jazz-Tradition. Foto: Roberto Bulgrin

Wie wichtig ist für Sie die Arbeit mit der Support-Band beim Jazzfestival Esslingen, die Sie seit mehr als zehn Jahren coachen?

Die Arbeit ist vor allem inspirierend, weil es - wie schon oben erwähnt - eine riesengroße Freude für mich ist, wenn sich so junge Menschen für die Musik interessieren, die mich auch als Jugendlicher in den Bann gezogen hat. Darüber hinaus hat Jazz eine Botschaft, die es Wert ist, weitergetragen zu werden: Jazz-Spielen als soziologisches Modell des ausgewogenen Miteinander im Kleinen: Jede und Jeder gibt das in die Gruppe hinein, was der inneren Stärke entspricht. Mal zurücktretend, mal das Zepter in die Hand nehmend, entsteht über das Zuhören und Wirken eine Gruppen-Einheit, die sich besonders und gerade durch die Unterschiedlichkeit der Persönlichkeiten der Mitglieder ergibt. Individuell Vorgegebenes wird dadurch zu etwas Über-Persönlichem verwoben.

Wie sehen Ihre musikalischen Pläne für die nähere Zukunft aus?

Vor zwei Wochen war ich mit meinem Bruder Dietmar (Kontrabass), dem Pianisten Florian Ross und dem Schlagzeuger Jonas Burgwinkel im Studio und wir haben eine CD mit Eigenkompositionen meines Bruders eingespielt, die im Sommer erscheinen wird. Das Programm wird dann ab Herbst 2026 musikalisch auf die Reise gehen. Im Mai werde ich wieder mit meinem Bruder ins Studio gehen. Dieses Mal wollen wir über 40 Jahre brüderliches Musikmachen kunstvoll, avantgardistisch und persönlich - diesmal als Duo - buchstäblich auf Platte pressen: Die Aufnahmen werden, neben den aktuellen Formaten, auch als klassische LP das Licht der Welt erblicken - wie seinerzeit die legendären Aufnahmen des Jazz.

Das Gespräch führte Rainer Kellmayer.

Zur Person

Der Musiker
Wolfgang Fuhr, der seit 2008 in Esslingen wohnt, schloss im Rahmen seines Studiums Jazz-Saxophon 1995 an der Musikhochschule Köln das Konzertexamen mit Auszeichnung ab. Seitdem ist er als freischaffender Musiker tätig, der als Gastmusiker und mit eigenen Projekten agiert und damit auf zahlreichen CDs zu hören ist. Neben Auftritten bei bedeutenden Jazz-Festivals veröffentlicht er beim eigenen Plattenlabel Fuhrwerk-Musik. Zudem wirkte er mit seiner Band bei Radioproduktionen für den Deutschlandfunk, WDR und BR mit.

Die Preise
Wolfgang Fuhr wurde mit dem „Neuen deutschen Jazzpreis“ ausgezeichnet, überdies erhielt er Würdigungen für die beste Jazz-CD Portugals und die CD des Monates beim MDR. Seit 30 Jahren ist er Dozent bei Workshops und tritt regelmäßig mit dem “Dietmar Fuhr Quartett“ auf.