Jazz Open: Ester Rada war zu Gast im Bix Eine Weltmusik, die diesen Namen verdient

Von Bernd Haasis 

Die Sängerin Ester Rada, Israelin mit äthiopischen Wurzeln, hat im Jazzclub Bix eine elektrisierende Mischung aus westlicher, vorderasiatischer und ostafrikanischer Musik präsentiert.

Sie könnte eine mesopotamische Gottheit oder eine  nubische Prinzessin verkörpern: Ester Rada Foto: Festival
Sie könnte eine mesopotamische Gottheit oder eine nubische Prinzessin verkörpern: Ester Rada Foto: Festival

Stuttgart - Anmutig malen ihre Arme Muster in die Luft, während ihre mächtige Stimme den Raum füllt: Ester Rada könnte eine mesopotamische Gottheit verkörpern oder eine nubische Prinzessin mit der beiläufigen Eleganz, die sie am Montagabend im Bix vorführt. Zugleich demonstriert sie, wie ­unerschöpflich reich die Möglichkeiten der Musik sind, wenn man nur offen für sie ist.

Die Israelin mit äthiopischen Wurzeln und ihre vierköpfige Band kennen keine Grenzen. Bruchlos mischen sie Soul, Pop, Jazz und Funk mit orientalischen Stilen zu einer Art Weltmusik, die diesen Namen verdient. Rada ist eine besondere Soul-Sister, sie singt auf Englisch, Hebräisch und Amharisch, sie scattet, schmettert, säuselt und umspannt mit elastischer Stimme ein Spektrum so weit wie ihre Musik. Ihren israelischen Musikern begegnet sie auf Augenhöhe, sie sind ein eingeschworenes Kollektiv, dem es ­allein um Musik geht in einer Zeit – ein starkes Zeichen in einer Zeit, in der Netzwerke Menschen ermächtigen, zu Marktschreiern ihrer selbst zu werden.

Wunderbare Geschichten erzählt Gal ­Dahan auf dem Sopransaxofon, mit rundem, weichem Ton, der sofort in den Bann zieht. Virtuos reiht er die Töne zu zeitlosen Weisen von berückender Schönheit. Mit halbakustischer E-Gitarre und Orange-Verstärker wandelt Ofer Mizrahi auf den Spuren von Jimi Hendrix und Peter Green, nützt bei Soli aber fast nur arabische Skalen, die erstaunlich gut zu westlichen Klangbildern passen. Er spielt auch eine E-Laute mit Sitar-ähnlicher Zusatzbesaitung für singende Obertönen.

Vollendet modelliert sie jedes kleine „Mmmh“

Drummer Dan Mayo zelebriert ausgefuchste rhythmische Figuren, wechselt ohne Anstrengung vom trockenen Funk-Beat in ostafrikanische Polyrhythmik und erweist sich als extrem flink – er schlägt ganz locker Zweiunddreißigstel mit einer Hand, wie man es selten sieht. Bassist Daniel Sapir ist ein fulminanter Walker. Alleine begleitet er Rada, während sie in „Bad Guy“ mit viel Blues mit der Anziehungskraft böser Männer hadert und zürnt, jedes kleine „Mmmh“ vollendet modellierend.

Von ihrem kleinen Sohn singt sie in „Pele“, was auf hebräisch „Wunder“ heißt. Und als sie Nina Simones „4 Women“ intoniert, offenbart sie sich als Meisterschülerin, die auch das archaischen Ringen in „Sinnerman“ zum furiosen Drama. „Life Happens“, eine Ode an die Lebensfreude, fühlt sich an wie ein Sommernachmittag im Glück, und das Stuttgarter Publikum singt und klatscht begeistert mit. Genau wie bei „Feeling Good“, noch so einem Stück, mit dem Ester Rada zeigt, welch hohes Niveau Unterhaltungsmusik haben kann. Der Gypsy-Swing von „No More“ entführt in die Pariser ­Salons der 1920er, „Manu Ney“ auf eine äthiopische Hochzeit – kein Zweifel, diese Band kann nahezu alles spielen.

Wer sich an diesem Abend entscheiden musste, weil Jazz Open drei Konzerte exakt parallel programmiert hat, anstatt zeitlichen Versatz einzubauen, lag wieder einmal richtig mit dem Ort, an dem bei diesem Festival die Entdeckungen gemacht werden. Man hätte Ester Rada noch lange lauschen können, aber nach nur einer Zugabe erhört sie das Publikum kein zweites Mal, nach 90 Minuten ist Schluss. Was bleibt, ist der Wunsch nach mehr – mehr von diesem wunderbaren Geist der Offenheit, der die Welt heilen könnte.