Jazz Open Ganz große Musik in kleinem Rahmen

Annika Nilles am Schlagzeug und ihre Band im Jazzclub Bix Foto: Jazz Open / Reiner Pfisterer

Das Club-Programm des Festivals im Bix war eine Wundertüte denkwürdiger Auftritte. Eine Künstlerin hat in der SpardaWelt ein dickes Ausrufezeichen gesetzt.

Wer die Qual der Wahl hat, muss eine subjektive Auswahl treffen an Höhepunkten auf den kleineren Jazz-Open-Bühnen – die angesichts der hohen Qualität auch völlig anders hätte ausfallen können.

 

Sie wirbelt und donnert und fegt über Trommeln und Becken: Annika Nilles, Absolventin der Popakademie Baden-Württemberg, zeigt in der SpardaWelt, wieso der späte Jeff Beck sie in seine Band geholt hat. Die Virtuosin spielt nun mit ihrer deutschen Band komplexe Fusion-Prog-Jazz-Instrumentalstücke, die zugleich eingängig sind, überwältigend im besten Sinne.

Mit eigener Note: Annika Nilles und Band Foto: Jazz Open/Reiner Pfisterer

Gitarre, Bass, zwei Keyboards, Percussion und das Schlagzeug verzahnen sich perfekt, Konrad Hinsken setzt am Moog-Synthesizer prägnante, flirrende Leitmotive. Und immer ist eine ganz eigene Note im Spiel: eine deutsche, die früher mit dem Etikett „Krautrock“ versehen wurde. Endlich wagt es jemand, den erfrischenden Geist von einst in die Gegenwart zu übersetzen, und das auf amerikanischer Augenhöhe. Ein Vorbild von Annika Nilles ist der frühere Toto-Drummer Jeff Porcaro – und die Band schmuggelt völlig unprätentiös eine Passage aus „Africa“ ein. Grandios.

Mehr Jazz geht nicht

Im Bix spielen der österreichische Pianist David Helbock und seine Band Random Control Material, das sie mit der Stuttgarter Sängerin Fola Dada aufgenommen haben. Die unorthodoxen Vorarlberger intonieren instrumental Herbie Hancocks„Watermelon Man“, Helbock mit einer Kinderpfeife im Mund, der Blechbläser und Perkussionist Johannes Bär als Beatbox, der Holzbläser Andreas Broger mit zwei Saxofonen gleichzeitig.

Zu den schier unbegrenzten Ausdrucksformen dieses Trios zeigt Fola Dada ihr ganzes Können: „In a Sentimental Mood“ von Duke Ellington bekommt einen James-Bond-Unterton, „1999“ von Prince ein trockenes Understatement. Bei der Vertonung von Erich Frieds Gedicht „Freiheit“ jongliert sie geschickt mit den Worten („Freiheit herrscht nicht“) , die „Hymn for Sophie Scholl“ gestaltet sie als erschütterndes Wehklagen. Der Höhepunkt: ein dadaistischer Dialog mit Bärs Alphorn – mehr Jazz geht nicht.

Irische Königin der Herzen: Camille O’Sullivan Foto: Jazz Open/Christof Krüger, Syntax Stuttgart

„I’m falling apart“, sagt Camille O’Sullivan. Die stimmgewaltige Irin ist jetzt 50 und stürzt sich dennoch bedingungslos in ihre Musikrevue. Sie trägt das Herz auf der Zunge und gibt alles – es ist nahezu unmöglich, sie nicht zu mögen. Berührend huldigt O’Sullivan Sinead O’Connor mit „My Darling Child“. Aus Dylans „Don’t Think Twice“ macht sie eine ekstatische Austreibung, sie tanzt und röhrt. Mit Verve flößt sie David Bowies „Rock’n’Roll Suicide“ frische Energie ein, mit viel Liebe Leonard Cohens „Anthem“. Sie schmettert Nick Caves „Ship Song“, geht dabei durch die Reihen und umarmt ihr Publikum.

Camille O’Suzllivan Foto: Jazz Open/Christof Krüger, Syntax Stuttgart

„I love this club, I love this festival“, ruft Camille O’Sullivan bei ihrem dritten JazzOpen-Auftritt – und sagt, sie wolle sich später ein Altersheim in Stuttgart suchen, „weil man hier weiß, wie man seine Schauspielerinnen und Musikerinnen behandelt“.

Bei Ledisi tanzen alle

Mit wuchtiger Stimme zieht die R&B-Diva Ledisi aller Augen auf sich im Bix. Die afroamerikanische Hymne „Lift Every Voice and Sing“ hat sie dieses Jahr schon beim Super Bowl gesungen. Ledisis Band tönt mächtig und entfaltet unwiderstehliche Grooves. Makellos intoniert sie ihren Hit „High“, mit opernhaften Einlagen die Ballade „Wild Is The Wind“ von ihrem Nina Simone-Album. Ledisi lobt „die Energie“ auf den Stehplätzen und fordert die vor ihr an den Tischen Sitzenden auf, „to wiggle a little! – ein bisschen zu wackeln!“ Tatsächlich gelingt es ihr, dass am Ende wirklich alle im ausverkauften Club tanzen.

Kultur stiftet Gemeinschaft

Der Pianist Aaron Parks und der Gitarrist Gary Tuohey sind wahre Poeten. Sie verschränken eigentümliche Sehnsuchtsmelodien, die sich im Verbund mit dem E-Bassisten Morgan Guerin und dem Drummer Jongkuk Kim zum Wohlfühl-Klangbad verdichten. Im Zusammenspiel verschmilzt das Quartett zum Organismus. „Die Welt gerät gerade aus den Fugen“, sagt Parks, und erzählt, wie die Musik ihn immer wieder aufrichte. Er beschwört, was man nicht oft genug wiederholen kann: In Krisenzeiten ist Kultur wichtiger denn je. Im Bix ist mit Händen zu greifen, wie der Jazz im Gemeinschaft stiftet – die Anwesenden applaudieren heftig und wollen die Band gar nicht gehen lassen.

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