Jazz Open-Eröffnung Herbie Hancock rockt Stuttgart

Mit Umhänge-Keyboard wie zu seinen Funky-Fusion-Zeiten: Herbie Hancock im Alten Schloss. Foto: Opus/Reiner Pfisterer

Mit einer exzellenten Band hat Herbie Hancock das Festival Jazz Open im Innenhof des Alten Schlosses eröffnet. Das Publikum durfte staunen und war restlos begeistert.

Wenn es je ein nahezu perfektes Eröffnungskonzert für ein Jazz-Festival gegeben hat, dann vielleicht dieses: Herbie Hancock greift bei Jazz Open im Innenhof des Alten Schlosses beherzt in die Tasten, er setzt seine exzellente Band in Szene, reißt das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin – mehr kann man sich nicht wünschen.

 

Hancock ist 82 Jahre alt und wirkt topfit. Bei der Zugabe „Chameleon“ (1973), einem Standard aus seiner Funky-Fusion-Phase, wandert der Meister mit einem weißen Umhänge-Keyboard über die Bühne und zettelt Frage- und Antwortspiele an. Mit dem in Benin geborenen Lionel Loueke entspinnt er einen Geräusche-Austausch: Der eine lässt sein Keyboard fiepen und zwitschern, der andere die Gitarre. Mit dem Trompeter Terence Blanchard geht Hancock in einen feurigen Dialog, wie Ballkünstler spielen sie einander Jazz-Licks zu.

Eine All-Star-Band ohne Allüren

Eine All-Star-Band ohne Allüren steht da auf der Bühne in Stuttgart, fünf völlig geerdete Musikerpersönlichkeiten, die sich nur für eines interessieren: was bei ihrem dichten Zusammenspiel entsteht. Und das ist eine Wucht.

„Er hat über 50 Filmmusiken geschrieben, unter anderem für alle Filme von Spike Lee“, sagt Hancock über Blanchard, der selbst schon lange Bandleader ist. Der Trompeter verfügt über einen strahlenden, mächtigen Ton, den er gerne mit Echo tränkt, und er hat einen grandiosen Instinkt für starke Melodien. Er illuminiert jedes Stück mit scharf umrissenen Themen und Motiven von seltener Klarheit, er erzeugt die schillernde Atmosphäre eines Aufbruchs ins Ungewisse, der gut enden wird.

Der Gitarrist Lionel Loueke ist nicht von dieser Welt

Loueke pflegt einen ganz eigenen Stil mit vielen Facetten. Mal imitiert er am Wahwah-Pedal den Funk-Sound der 70er, mal entlockt er seinem Gitarren-Synthesizer unerhörte Klanggebilde, mal zupft er eine Akkordfolge und lautmalt beatboxend dazu. „Er ist nicht von diesem Planeten“, sagt Hancock über Loueke, und fast möchte man es glauben.

Dazu kommt eine grandiose Rhythmusgruppe mit dem flinken Groove-Monster James Genus am Bass und dem extrem variablen Power-Drummer Justin Tyson. Auch sie glänzen den ganzen Abend über, bei „Actual Proof“ (1974), einer Nummer aus Hancocks Zeit mit seiner legendärer Fusion-Band The Headhunters, bei längeren Soli: Genus schichtet Töne so rasant hintereinander, dass einem schwindlig werden kann, Tyson verschiebt den Beat nach Belieben so lange, bis er wieder drin ist.

Hancock sprüht vor Ideen und Spielfreude

Hancock selbst sprüht vor Ideen und Spielfreude. Nach einer so langen Karriere ist das keine Selbstverständlichkeit, seinen Durchbruch hatte er in den 1960er Jahren im zweiten Quintett von Miles Davis. In diesem spielte auch der Saxofonist Wayne Shorter, dessen Komposition „Footprints“ im Alten Schloss erklingt – eine wunderbare Hommage an einen alten Freund. Hancock wechselt vom Flügel an den Synthesizer und zurück, scheint sich bei jedem seiner organisch perlenden Soli selbst zu überraschen. Beim verträumten Disco-Jazz-Lovesong „Come running to me“ (1978) singt er und hat dafür tatsächlich einen Vocoder mitgebracht, einst das Pionier-Gerät zur Stimmverfremdung, der Vorläufer von Autotune.

Das Publikum ist hin und weg

„Cantaloupe Island“, einer von Hancocks großen Jazz-Hits, durchmisst den Klangraum wie ein entspannt cruisendes Schnellboot. Menschen tanzen oder wippen mit, weil sie gar nicht anders können beim mächtigen Groove dieser erstaunlichen Band. Blanchard haucht dem an sich schon bestechenden Thema eine ungeheure Dynamik ein, Loueke wirft den Overdrive an und lässt die Gitarre singen und schreien im Geist von Jimi Hendrix.

Das Publikum ist hin und weg. Es beschenkt Herbie Hancock und seine Co-Stars mit tosendem Applaus und Jubel für diese nahezu perfekte Festival-Eröffnung.

Jazz Open – die kommenden Tage

Samstag, 9.7.
  Till Brönner, Sarah McKenzie, Altes Schloss, 19 Uhr; Spyro Gyra, Spardawelt, 20 Uhr; Gretchen Parlato, Bix, 21.30 Uhr.

Sonntag, 10.7.
 Stanley Clarke, Altes Schloss, 19 Uhr.

Montag, 11.7.
 Pink Martini und Bê Ignacio, Altes Schloss, 19 Uhr; Hypnotic Brass Ensemble, Bix, 21.30 Uhr.

Dienstag, 12.7.
 Gregory Porter, Al Di Meola & Stuttgarter Kammerorchester, David Sanborn, Schlossplatz, 18.30 Uhr; Fabia Mantwill Quintet, Bix, 21.30 Uhr.

Tickets und weitere Infos gibt es hier.

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