Jazz Open in Stuttgart So gut war das Konzert von Herbie Hancock im Alten Schloss

Voller Spielfreude: Herbie Hancock in Stuttgart Foto: Reiner Pfisterer

Herbie Hancock und sein Quintett lassen am Samstag bei den Jazz Open im Alten Schloss in Stuttgart den Jazz in vielen Klangfarben leuchten.

Dianne Reeves und Joe Lovano haben es bei ihren Auftaktkonzerten vorgemacht, Herbie Hancock zieht triumphal nach: Die drei Spitzenjazzer und ihre Bands verkörpern das andere Amerika. Nicht das des Anti-Robin-Hood-Leaders mit den Dollarzeichen in den Pupillen. Hancock spricht – vom Vocoder charmant verzerrt – von der Familie, die Bühne und Publikum vereint. Ist das nicht eine schöne Vorstellung? Über dreißig Bands und mehr als sechzigtausend Gäste sind während der Jazz Open in Stuttgart eine große Familie und feiern ein Festivalfest.

 

Über dem voll besetzten Innenhof des Alten Schlosses geht die Sonne unter, nachdem der junge Jazzstar Jakob Manz am Saxofon mit seinem tollen Nonett und sehr guten Solisten kräftig eingeheizt hat. Dann strahlt eine Legende: Herbie Hancock himself.

Teamplayer statt Ego-Shooter

Mit seinem formidablen Quintett lässt er den Jazz in changierenden Klangfarben leuchten. Der Mann am Flügel, Synthesizer und später mit dem umgehängten Keytar, der nach dem Tod von Miles Davis und John Coltrane an der Spitze des heutigen Jazz steht, agiert voller Spielfreude. Hancock ist ein vorzüglicher Teamplayer, kein narzisstischer Ego-Shooter. Dafür sind auch seine Kollegen viel zu gut. Kein Geringerer als Terence Blanchard aus New Orleans gibt auf der Trompete den Ton an, Saitenkünstler Lionel Loueke erstaunt mit seinem unnachahmlichen Spiel.

Herbie Hancock Foto: Reiner Pfisterer

Wie bärenstark die Rhythmusgruppe mit James Genus am E-Bass und Drummer Jaylen Petinaud ist, beweist sie nach einer schwebenden, mit experimentellen Versatzstücken gespickten „Ouverture“ bei „Footprints“, der bekannten Nummer von Wayne Shorter. Hancocks enger Freund ist vor Kurzem verstorben. Hancock beteuert, dass er Shorters Jazz in seinem Herzen bewahrt. Die Fußspuren führen in modales Gelände, das sich mit seiner polyrhythmischen Struktur in Afrika befinden könnte. Lässig aus dem Hintergrund agierend, zitiert Hancock retrospektiv sich selbst. Wie Murmeln aus buntem Glas springen seine Pianotöne durch den Innenhof, wabern flächige Sounds vom „prähistorischen Synthesizer“, wie er lachend sagt, flankiert von einem schwelenden und sogleich lodernden Rhythmusfeuer.

Das Publikum im Innenhof des Alten Schlosses feiert. Foto: Reiner Pfisterer

Eine formidable Jazzdemonstration ist das, signiert von Herbie Hancock, einem klassisch ausgebildeten Pianisten und diplomierten Elektroingenieur. Im fliegenden Wechsel vom wertvollen Fazioli-Flügel zum Keyboard bestimmt er Temperatur und Tempo der Abläufe, beschleunigt, heizt auf, verlangsamt, kühlt ab. Und strahlt dabei. Für seine phänomenale Klaviertechnik sei er eigentlich zu alt sei, sagt er breit grinsend, aber die Versuche machten Spaß. Sagt’s und hüpft mit Loueke hampelmannmäßig im Takt. 85 Jahre sei er alt? Kaum zu glauben!

Die Schlussnummer „Chameleon“ zündet sofort wie einst in den wilden 70er Jahren. Hancock wechselt über einem unwiderstehlichen Funk-Rhythmus die Klangfarben, bis ein brillantes Bild entsteht. Die Menschen spüren, dass sie Teil eines besonderen Konzerts sind. Auf der Empore stehen sie auf und tanzen. Die anderen applaudieren lang anhaltend und enthusiastisch. Eine Jazzfamilie im Glück.

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