Jazz Open in Stuttgart Starker Auftakt

Der US-amerikanische Pianist Dave Grusin am Samstagabend im Innenhof des Alten Schlosses Foto: Reiner Pfisterer
Der US-amerikanische Pianist Dave Grusin am Samstagabend im Innenhof des Alten Schlosses Foto: Reiner Pfisterer


Der Pianist Abdullah Ibrahim bekommt die German Jazz Trophy, Lee Ritenour und Dave Grusin weihen den Hof des Alten Schlosses als neue Spielstätte ein und eine reizende junge Belgierin bezaubert das Bix.

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Stuttgart - So ein Auftakt kann sich sehen lassen: Jazz Open ist am Wochenende mit sehr unterschiedlichen Konzerten gestartet, die jedes auf seine Art starke Eindrücke hinterlassen haben.

Abdullah Ibrahim: Im Banne eines Ausgezeichneten

Mucksmäuschenstill folgt das Publikum am Freitagabend dem Piano-Solo-Konzert von Abdullah Ibrahim, Afrikas wichtigstem Jazzmusiker. Der 82-jährige hat im Sparda Eventcenter die German Jazz Trophy für sein Lebenswerk bekommen, beim Preisträgerkonzert zieht er die Zuhörerschaft vom ersten Ton an in seinen Bann. Seine melancholisch angehauchte Klaviermusik scheint aus der Erinnerung aufgetaucht zu sein, in ihr gibt die Fülle des Glücks den Ton an, sie entfaltet sich wie prächtige Blüten. Sonnige Wärme und schwere Süße durchziehen die klaren Klänge wie Blütenduft eine Sommernacht. Beim Improvisieren lässt Ibrahim Kompositionen ineinander fließen wie nasse Farben eines Aquarells. Doch in dieser ­Musik pulsiert nicht nur ein Glücksversprechen, sondern auch die ferne Erfahrung unsäglichen Leids, das Menschen wie er unter dem menschenfeindlichen Apartheid­Regime in Südafrika erfahren mussten.

Härte und Traum, feste Form und freies Spiel bedingen sich in dieser unaufhaltsam dahinströmenden Musik, in der Ibrahim Heilung sieht und eine Möglichkeit, die Realität besser zu machen. Lange ist er dem eigentlichen Wesen der Musik nachgejagt, fündig geworden ist er weder in Kapstadt, noch in Zürich, wo er als 33-Jähriger von Duke Ellington entdeckt und gefördert wurde, noch in New York. Erst als ihm die ­Bedeutung der Stille klar wurde, hat er das verborgene Geheimnis der Musik für sich entdeckt und so zu sich selbst, seinem tiefsten Inneren gefunden.

Schönheit, heißt es bei Adalbert Stifter, entstehe durch Bewegung, die anregt, und durch Ruhe, die erfüllt. Es scheint, als sei ­Ibrahims wohltemperierter Jazz eine strahlende Bestätigung dieser Erkenntnis. Auf seinem Weg, der ihn vom Offensichtlichen zum Verborgenen geführt hat, nimmt ­Abdullah Ibrahim nun das Publikum mit. Und das lässt sich von dieser Musik berühren, vielleicht sogar läutern.

„Nach meinen Konzerten soll man sich ­gereinigt fühlen, als sei man einem Fluss entstiegen“, sagt der würdevolle alte Mann, der auch zu Scherzen aufgelegt ist. Als ihn Markus Brock als charmanter Moderator des festlichen Abends fragt, warum er denn nach Aschau im Chiemgau gezogen sei, antwortet Ibrahim singend: „Sah ein Knab ein Röslein stehn.“

Lee Ritenour: Antidepressivum vor Traumkulisse

Die erste Überraschung wartet schon beim Betreten des Innenhofs, das am Samstagabend erstmals Schauplatz eines Jazz-Open-Konzerts ist: Die üppige Bühne ist nicht an der Stirnseite aufgebaut, sondern in der Mitte. Eine mutige Entscheidung, denn so sehen einige Zuschauer im Parkett die Musiker nur von der Seite – und dennoch eine gute, denn so liegt das Konzertgeschehen nicht am Ende eines Schlauches, sondern im Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Lichtshow illuminiert die Renaissance­Arkaden, auf den Galerien tummelt sich der Business-Ticket-Adel, in den Wolken lauert ein Hauch von unwetterlichem Giftgrün – eine berückende, leicht surreale Atmosphäre herrscht hier, als befände man sich in einer Kulisse des exzentrischen britischen Filmemachers Peter Greenaway („Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“).

Dann setzt die Musik ein, der Gitarrist Lee Ritenour und der Pianist Dave Grusin geben dem Abend einen Westcoast-Fusion­Anstrich, der von ewigem Sommer kündet. Der Kalifornier Ritenour spielt auf der Sonnenseite des Jazz, flink und ­geschmeidig gleiten seine Finger übers Griffbrett, wenn er seinem Instrument butterweiche Glockentöne entlockt und eine hübsche Melodie an die nächste reiht. Die Skalen scheinen zu schweben über dem Schlosshof, wie ein Antidepressivum wischen sie alle Zweifel weg und laden zum reinen Wohlfühlen ein an diesem heißen Abend in Stuttgart.

Den von Oliver Nelson komponierten Jazz-Standard „Stolen Moments“ gibt es da zu hören sowie Ritenours Paradenummer „Wes Bound“, eine Hommage an den großen Jazz-Gitarren-Pionier Wes Montgomery. Grusin gibt sich zurückhaltend, setzt mit seinen Solo-Einlagen aber starke Akzente. Virtuos spielt er mit Oldschool-Synthesizer-Sounds aus den 70ern, die frisch und kräftig wirken. Am Klavier reiht er eine kleine ­Erzählung an die nächste – da hört man ihn deutlich durch, den erfolgreichen Filmkomponisten („Die Reifeprüfung“, „Die fabelhaften Baker Boys“) und Oscar-Gewinner („Milagro“, 1988).

Kontra- und E-Bassist Tom Kennedy ist ein entspannter Langstreckensprinter wie Ritenour. Quirlig und humorbegabt untermalt er mit makellosem Ton und gönnt allen Soli einen Spannungsbogen. Ritenours Sohn Wesley gehört zu den jungen Universaldrummern, die alles spielen können, Funk und Punch haben und extrem variabel ­gestalten. Gegen Ende steigern sich die vier in eine echte Session hinein – diese Spielstätteneinweihung ist gelungen.

Sarah Ferri: Zwei Gesichter einer Frau

In ihrer Heimat Belgien ist Sarah Ferri ein Star, und es wäre ein Wunder, wenn nicht bald die ganze Welt auf sie aufmerksam würde. Dabei ist die Selbstfindung der jungen Frau aus Gent, der ihr italienischer Vater eine zweite kulturelle Prägung mitgegeben hat, längst nicht abgeschlossen – bei ihrem bemerkenswerten Konzert am Samstagabend im Bix zeigt sie zwei sehr unterschiedliche Gesichter.

Zunächst bleibt Ferri ans Klavier gefesselt. Keinen Jazz spielt sie, sondern exzellente Singer/Songwriter-Kost mit Hit-Potenzial und Arrangements so dramatisch wie Filmmusik, die sie mit ihrer dreiköpfigen Band und Playback-Schnipseln als Stimmungsbilder inszeniert. Ferris Stimme hat einen enormen Tonumfang, sie kann alles von tiefem Beben bis zum glasklaren Soul-Schmettern. Bei Bedarf schaltet sie die Rock-Raspel ein, und wenn sie in Obertönen schwelgt, klingt das wie eine Mischung aus Feengesang und Theremin.

Dunkle Ahnungen fluten das Bix beim dramatischen „Bunker“, und wenn Ferri in 60er-Jahre-Anmutung den Mond („The Moon“) besingt, wird dessen ganze mythische Kraft lebendig. Zu viele schlechte Nachrichten hätten sie zu „God Gave Us A Rainbow“ inspiriert, sagt sie, einer apokalyptischen musikalischen Verkündigung. „Displeasure“, erinnert an die Arrangierkunst der 80er, „When The Giants Play Poker“ („Wenn die Giganten Poker spielen“) hat gar eine New-Wave-Anmutung.

Doch in dieser Frau schlummert noch ­etwas anderes, das sie am Ende freilässt: Für ihre älteren, Gypsy-Swing-grundierten Nummern wie wie „The Man Who Was ­Bored“ und „On My Own“ steht sie von ihrem Hocker auf und präsentiert sich am Bühnenrand als Wildkatze, die singt und scattet, als gäbe es kein Morgen. Gitarrist, Bassist und Schlagzeuger dürfen nun mit kleinen Soloeinlagen glänzen. War das Publikum in der sommertypischen Saunatmosphäre im rappelvollen Bix vorher bereits ­beeindruckt, so ist es nun hingerissen.

Von Sarah Ferri wird man sehr wahrscheinlich noch hören – und man darf ­gespannt sein, wie die Künstlerin und die Rampensau, die in ihr wohnen, in Zukunft zueinander finden. (ha)




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