Jazz Open in Stuttgart Stimmzauber im Regen: So war das Konzert von Gregory Porter

Immer zugewandt und mit einer einmaligen Stimme gesegnet: Gregory Porter im Alten Schloss Foto: Reiner Pfisterer

Der Jazz-Sänger Gregory Porter hat dem Festival am finalen Abend im Alten Schloss eine Sternstunde beschert – und im Sommerregen das Publikum verzückt.

Es gibt Konzertabende, nach denen man sich ungläubig Augen und Ohren reibt – weil sie so makellos stimmig waren. Der Auftritt des US-Sängers Gregory Porter und seiner Band am Sonntag im Innenhof des Alten Schlosses war so ein Abend.

 

Schneeweißer Leinenanzug, senfgelbes Hemd und die unvermeidliche Mütze mit Ohrenklappen: So betritt der Porter die Bühne und intoniert mit seiner mächtigen, betörenden Stimme die Ballade „If Love is Overrated“. Beim unwiderstehlichen Groove von „On my Way to Harlem“ kommt schon wippende Bewegung in das bunte Mosaik aus Regenjacken im Schlosshof – erstmals bei dieser Festivalausgabe regnet es, was der Stimmung kein bisschen schadet. Gregory Porter hat eine Hommage an den großen Marvin Gaye und dessen Welthit „What’s Going on“ eingebaut – und spielt längst selbst in dieser Liga.

Liebe, Frieden, Miteinander

Es ist der letzte Abend an dieser Spielstätte, die sich mit ihrer luftigen Atmosphäre und ihrer nächtlichen Lichtstimmung einmal mehr als magischer Ort erwiesen hat. Porter hat am Vorabend das sensationelle Konzert des 85-jährigen Herbie Hancock miterlebt und legt nun auf seine Weise direkt nach. „Here I’m in the Kingdom of the Festival“, ruft der Sänger mit Blick auf das alte Gemäuer. Er hat schon drei andere Jazz-Open-Orte bespielt. Die Vorgängerbühne am Mercedes-Museum brachte er so auf den Punkt: „Wow, that’s a lot of stars!“

Porters gefühliger Soul-Jazz könnte nur versteinerte Herzen kalt lassen. Bei „No Love Dying“ singt das Publikum inbrünstig den Chorus mit, Zum unwiderstehlichen Groove von „Liquid Spirit“ tanzen Menschen auf der zweiten Empore. Die Botschaft, die den Abend prägt, geht ganz in der Musik auf. Porter singt und spricht auch über die Liebe, über Frieden, über ein Miteinander.

Porter braucht die Nähe des Publikums

Diese Haltung und seine sonore, kraftvolle Stimme heben ihn ab – und seine exzellente Band. Es ist dieselbe wie bei seinem letzten Stuttgart-Besuch, als er die große Bühne auf dem Schlossplatz bespielte; nun lässt sich sagen: Die kuschligere Situation im Alten Schloss liegt ihm besser, denn er sucht und braucht die Nähe des Publikums. Auf Weltklasseniveau bietet die Band ausgeklügelte Arrangements so dar, dass es ganz selbstverständlich wirkt.

Er braucht die Energie des Publikums. Foto: Reiner Pfisterer

Nahtlos und unhörbar gestaltet sie dramatische Übergänge. In der grandiosen Hymne „Musical Genocide“ wendet sich Porter gegen die Verwässerung schwarzer Musiktraditionen durch die Popindustrie. Mit seinen Musikern integriert er eine Passage aus dem Nat-King-Cole-Klassiker „Nature Boy“, als wäre sie ein organischer Teil des Songs: „The greatest thing you’ll ever learn / is just to love and be loved in return.“ Der Saxofonist Tivon Pennicot pflegt einen geschmeidigen Ton, wie in Balsam getaucht leuchten seine Noten. Der flinke Organist Ondrej Pivec verleiht Porters Gospel-Affinität Klang. Der Pianist Chip Crawford, mit allen Wassern gewaschen, macht aus Schnipseln großer Hits der letzten 300 Jahre, darunter Beethovens Neunte, ein Medley – das umgehend schöne Götterfunken auf die Gesichter der Zuhörenden zaubert.

Beim Musikersolo lauscht er

Jahmal Nichols bestreitet sein Kontrabass-Solo nicht mit möglichst vielen Noten, sondern mit solchen, die das Publikum dazu bringen, mit zu klatschen. Wie damals auf dem Schlossplatz bleibt Porter auf der Bühne und lauscht. Zum einen ist das eine schöne Geste, zum anderen singt er zwischendurch ein paar Zeilen aus dem eingestreuten Temptations-Klassiker „My Girl“. Das Ganze mündet in eine umwerfende Version von „Papa Was A Rolling Stone“, bei der alle wieder einsteigen. Später wird Nichols auf dem E-Bass noch den späten Beatles-Hit „Come Together“ vollständig intonieren, nur begleitet vom überragenden Schlagzeuger Emanuel Harrold. Während dessen Soloeinlage wird die Schlossillumination zur roten Lichtorgel. Bei „Free“ erstrahlen die Bühne und das Gemäuer in magischem Licht. „Thank you for letting me be myself“ singt Porter – das Publikum liegt ihm zu Füßen.

„You have been so beautiful tonight“: Gregory Porter Foto: Reiner Pfisterer

Es spendet tosenden Applaus, kaum jemand hat sich den Launen des Wettergottes gebeugt. „Thank you, you have been so beautiful tonight“, bedankt sich der Sänger, der bescheiden, zugewandt und herzlich wirkt – und es so geschafft hat, ganz nach oben zu kommen. Wenn das keine Hoffnung gibt.

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