Für zweieinhalb emotionale Stunden, die den 7500 Fans unvergesslich bleiben dürften, haben die Verantwortlichen anderthalb Jahre gearbeitet. „Im Frühjahr 2023 kam Promoter Jürgen Schlensog mit dieser Idee auf uns zu“, berichtet Christian Lorenz, der Intendant der Stuttgarter Philharmoniker, der damals noch deren künstlerischer Berater war. Zum 30. Geburtstag der Jazz Open sollte eine besondere Produktion entstehen – im Jahr 2024, in dem das Orchester seinen 100. Geburtstag feiert. „Dass obendrein das Bochum-Album von Grönemeyer 40 Jahre wird, wusste ich damals noch nicht“, sagt Lorenz. Für das Projekt jedenfalls habe er rasch Feuer gefangen.
Der Arrangeur ist ein Star der Branche
„Zuerst mussten wir das Management des Sängers überzeugen“, erinnert er sich. Er saß dabei, als Jürgen Schlensog mit den Leuten von Grönemeyer telefonierte. Offensichtlich hat der Promoter, der Grönemeyer schon lange zu den Jazz Open nach Stuttgart holen wollte, gute Argumente vorgebracht. Es hat dann aber noch eine Weile gedauert, bis der experimentierfreudige Popstar zusagte, aber dafür umso leidenschaftlicher. „Nun galt es, einen gemeinsamen Auftrittstermin zu finden“, sagt Lorenz, „was nicht leicht war, weil wir wie auch der Sänger einen vollen Terminplan haben.“ Als schließlich ein Termin feststand, kam’s zum Streit um den Schlossplatz mit den EM-Veranstaltern – die Jazz Open verlegten das Festival. Die Suche begann von neuem. Zum Glück fand sich ein zweiter Termin.
Als Arrangeur schlug Grönemeyer den 76-jährigen Nick Ingman vor, einen Star der Branche, der schon mit Mick Jagger und Paul McCartney zusammengearbeitet hat. Vier Wochen vor dem Konzert schickte der Brite die Notenblätter. Die 45 Musikerinnen und Musiker der Philharmoniker studierten die Stücke ein. Geplant war, dass das Orchester bei zwei Dritteln der Setliste mitspielt.
Am vergangenen Montag rückten zwei riesige Lastwagen mit dem gesamten Equipment vor dem Gustav-Siegle-Haus an. „Vereinbart war, dass wir nur einen Tag mit Herbert Grönemeyer proben“, erzählt Lorenz. Doch der Sänger reiste überraschend schon am Montag an und hat das gesamte Orchester mit seiner Spielfreude und Lebenslust mitgerissen. „Wir hatten viel Spaß bei den Proben“, sagt der Intendant. Es war wohl Musikerliebe auf den ersten Ton.
Das Konzert, das es in dieser Form nur einmal gibt, war aufwendig und sehr teuer. Proben, Hotels, Technik, Bühne – alles Zusatzkosten zur Gage. „Aber wir wollten das Orchesterprojekt unbedingt machen“, unterstreicht Jürgen Schlensog.
Ein Stück vom Himmel
Ist es nicht schade, dass nach so viel Aufwand nach zweieinhalb Stunden alles schon wieder vorbei ist? „Gerade in der Flüchtigkeit der Musik liegt ihr Reiz, der uns zu begeistertem Zuhören animiert“, sagt der Orchesterintendant. Aber ganz so flüchtig war’s aber auch wieder nicht. Sehr viele Fans haben das Konzert mitgefilmt und in den sozialen Medien gepostet. Früher sei das undenkbar gewesen, sagt Lorenz, dass man das Handy nach oben hält, während man einem Orchester lauscht. Zum 100. Geburtstag beweisen die Philharmoniker, wie jung sie sind. „Alle Musikerinnen und Musiker waren total geflasht, wir haben gerade einen guten Flow“, sagt der Intendant. Bis Sonntag wird es weitere Konzerte geben, unter anderem in Heidenheim. Dann beginnt der Urlaub.
Und alle, ob auf der Bühne oder im Publikum, haben das gespürt, was Herbert Grönemeyer so schön singt: „Ein Stück vom Himmel, ein Platz von Gott, ein Stuhl im Orbit, wir sitzen alle in einem Boot.“