Jazz Open: Meshell Ndegeocello und Al Di Meola Der Gitarrenmaestro feiert Geburtstag unter den Arkaden

Zaubert fantastische Melodien: Jazzgitarrist Al Di Meola. Foto: Jazu OpenR/Reiner Pfisterer

Bei Meshell Ndegeocello treffen am Sonntagabend Jazz, Funk, Neo-Soul und Hiphop aufeinander. Anschließend tritt im Innenhof des Alten Schlosses ein Meister der Jazzgitarre auf: Al Di Meola.

Während am Vorabend im Alten Schloss mit Angélique Kidjo und Lizz Wright Afrika auf Amerika folgte, ruhen in Meshell Ndegeocellos Brust zwei Seelen: Die Tochter eines in Deutschland stationierten US-Soldaten und Saxofonisten trägt stolz einen Nachnamen, der auf Suaheli „frei wie ein Vogel“ bedeutet. Auch sie hat ihre Jazz-Open-Karriere vor neun Jahren im Bix gestartet. „Frei wie ein Vogel“ ist auch ihr Programm, in dessen Kraftfeld Elemente von Jazz, Funk, Neo-Soul und HipHop aufeinandertreffen und Funken schlagen. Schubladendenken ade!

 

Mit gedrungener Gestalt, heller Hose, schwarzem Hemd und dunkler Brille sitzt sie am Sonntagabend am Mikro, in Händen den viersaitigen E-Bass. Ihre Stimme, die mitunter an Grace Jones erinnert, erklingt als melodiöser Sprechgesang inmitten knallharter Beats des Drummers, des Sounds einer elektrischen Gitarre, dem Pumpen von zwei E-Bässen und schwebenden Synthie-Klängen.

Ndegeocello ist die Tochter eines in Deutschland stationierten US-Soldaten. /REINER PFISTERER

Ndegeocellos Songtexte spiegeln ihr politisches Engagement als Feministin wider. Hitze und Coolness, Verwundbarkeit und Härte begegnen sich in diesen Songs, die pausenlos aneinandergereiht werden. Bei einem Gedicht von Sun Ra dreht sich alles um Chaos. In der Vertonung von Meshell Ndegeocello trifft Leerlauf auf Kompression, Soul auf Rave, Rap auf Indie - Avantgarde im Alten Schloss.

Meshell Ndegeocello mischt Jazz mit Hiphop mit Funk. Foto: Jazz Open/REINER PFISTERER

Während im ausverkauften Innenhof alles auf den Auftritt von Al Di Meola wartet, verbreitet sich die Nachricht von Joe Bidens US-Rückzug wie ein Lauffeuer. Vermutlich wurde Al Di Meola in der Konzentrationsphase vor dem Auftritt damit nicht behelligt. Kaum auf der Bühne, entfacht er ein Funken sprühendes spanisches Feuerwerk mit seiner schwarzen Gibson und einer bärenstarken Combo. Dieser Formel-1-Gitarrero spielt derart flüssig und schnell, dass man es kaum fassen kann. Ein Amateurgitarrist im Publikum, ganz offenbar ein Fan von Lucky Luke, kommentiert: „Der Mann ist schneller als sein Schatten!“

Al Di Miola spielt schneller als sein Schatten. Foto: Jazz Open/REINER PFISTERER

Auf dem Album „Twentyfour“, das am Tag des Stuttgarter Konzerts erscheint, spielt Al Di Meola nicht die elektrische Gibson, sondern akustische Gitarren. Damit lässt er Melodien aufblühen wie Sommerblumen. Seine Kompositionen hat er während Corona geschrieben. „Der Samen, der in dunklen Zeiten gesät wurde, ist zu einem beschwingten Bukett geworden“, sagt er und fügt ohne falsche Bescheidenheit hinzu: „Es ist größer und schöner geworden, als ich es mir je hätte vorstellen können.“

Das Publikum im Alten Schloss ist stark beeindruckt von der Intensität der Musik, von der Band, die mit Schlagzeuger Luis Alicea und Perkussionist Gumbi Ortiz druckvolle Latin-Rhythmen als Rampe für Al Di Meolas Höhenflüge bereitstellt. Mit Philippe Saisse am Keyboard inszeniert der Band-Leader faszinierende Frage-Antwort-Spiele, während E-Bassist Mike Pope den Ruhepol im brodelnden Rhythmusgebräu bildet. Al Di Meola scheint mit diesem Auftritt negative Gedanken an seine persönliche Krise hinwegzufegen, so als habe sie nie stattgefunden. So als wolle er mit unbändiger Spielfreude zeigen, wie lebendig er ist und welche überbordende Energie ihn antreibt.

Mal lässt er seine Gitarrentöne jubeln, mal zerschneiden sie rasiermesserscharf die Luft, mal schweben sie federleicht dahin. Dann zieht Al Di Meola das Tempo wieder an wie ein Rennfahrer nach der Kurve und steuert triumphierend auf die Zielgerade, auf den Höhepunkt zu. Mit einer Nummer verbeugt er sich vor Chick Corea, der vor drei Jahren gestorben ist. Der hatte auch „My Spanish Heart“ als Jazznummer schlagen lassen. Corea hatte Al Di Meola als Neunzehnjährigen entdeckt und in seine Band geholt: der Start einer Weltkarriere.

Al Di Miola feiert in Stuttgart seinen 70. Geburtstag. Foto: Jazz Open/REINER PFISTERER

Eines der schönsten Stücke des Abends heißt „Ava’s Dance in the Moonlight“, das nach der Rasanz der High-Speed-Nummern, nach den extremen Verdichtungen des Klangraums mit tänzerischem Sechsachteltakt Ohren und Seele guttut.

Nach einem großen Finale und dem letzten Akkord greift Al Di Meola zum Mikrofon und erzählt dem Publikum von dem Herzinfarkt, der ihn im letzten September auf offener Bühne in Bukarest schlagartig getroffen hat. Er spricht davon, dass es ihm gut gehe und wie schön das Leben nun für ihn sei. Da betritt ein kleines Mädchen die Bühne und gibt Al Di Meola einen Kuss. Es ist die neunjährige Ava, sein Töchterchen, die ihm zu seinem 70. Geburtstag am Montag gratuliert. Die Frau Mama macht ein Video mit dem Handy. Die Band gratuliert natürlich auch, und das Publikum singt aus vollem Herzen „Happy Birthday“.

Al Di Meola verabschiedet sich: „Vielen Dank, Stuttgart! Das war heute ein ganz besonderes Konzert für mich.“ Für uns auch, Al Di Meola.

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