Ausverkauft ist das Konzert von Herbert Grönemeyer auf dem Schlossplatz. Foto: ubo
„Klasse, klasse, klasse“, bejubelt Herbert Grönemeyer sein Publikum. Drinnen flippen 7500 Fans aus, draußen sind etwa 3000 Zaungäste ebenso begeistert. Die Jazz Open feiern das Miteinander. Auf der Bühne ertönt der Ruf: „Zusammen für Stuttgart!“
Die Jazz Open, die sich bis Montag im Alten Schloss etwas versteckt in traumhafter Kulisse vor allem am Jazz in verschiedener Ausprägung erfreut haben, sind am Mittwochabend fulminant auf den Schlossplatz gewechselt, um das „Open“ zu feiern. Das Festival ist immer mehr als Jazz – jetzt ist es mit voller Wucht auf dem schönsten Platz der Stadt angekommen.
Herbert Grönemeyer mag Musik nur, „wenn sie laut ist“. Und seine Fans mögen, ja lieben nicht nur seine laute Musik, sondern auch die Mega-Power, mit der er samt Band und den Stuttgarter Philharmonikern nicht viel weniger als einfach alles gibt. Man spürt, wie der 68-Jährige dabei Riesenspaß hat. Auf der Business-Tribüne oben hat der ganz in Schwarz gekleidete Aufpasser in dieser wunderschönen Sommernacht wenig zu tun. Sein Job ist es, darauf zu achten, dass Logengäste beim Anstoßen nicht zu laut sind. Mit den Logen wird das Festival finanziert – allein mit Eintrittskarten wär’ das nicht möglich.
Blick aus einer der Logen. Foto: ubo
In dicken Lettern ist auf der Rückwand gleich hinter der VIP-Theke ein Zitat von Quincy Jones zu lesen: „Shut up and listen“. Zu deutsch heißt das: Klappe halten und zuhören. Die Musikfans vorne sollen mit dem Gemurmel von oben nicht gestört werden. Grönemeyer aber ist so laut und so faszinierend, dass sich kaum einer aus dem Konzerterlebnis reißen lässt. Das gesamte Publikum taucht tief ein, ob stehend vor der Bühne oder oben in den Logen.
Unvergessen ist: Als Frank Sinatra vor dem Neuen Schloss im Juni 1993 eines seiner letzten Konzerte gab, war seine Stimme dank der Kessellage bis auf den Killesberg zu hören. Die Jazz Open sind deshalb ein Fest für die gesamte Stadt. Die Zaungäste auf dem Schlossplatz werden ganz bewusst als Teil des großen Ganzen gesehen. Gleichzeitig steigt die Zahl der kostenlosen Konzerten immer weiter an.
Auf den Bodenplatten, die Teil der EM-Fanzone waren und die sich nun hinter dem Zaun befinden, weil die Absperrungen der Jazz Open nicht so umfassend sind wie für den Fußball, machen es sich in dieser Nacht immer mehr Menschen bequem. Die einen breiten Picknickdecken aus, lassen ihre Weinflaschen kreisen, ein anderer hat ein Gummiluftboot aufgepumpt, auf dem er nun flach liegt und dabei „Männer haben’s schwer, nehmen’s leicht, außen hart und innen ganz weich“ mitsingt. Die Treppe beim Kunstmuseum ist voll besetzt. An der Alten Kanzlei ballt sich eine Menschenansammlung, weil man von dort einen Blick auf die Bühne erhaschen kann und der Sound sowieso glasklar ist.
Auch draußen hinter dem Zaun ist viel los. Foto: ubo
Mindestens 3000 Menschen erleben ohne Eintrittskarte ein ganz besonderes Konzert, das einmalig ist, weil der Mann mit den Flugzeugen im Bauch auf der Tour sonst nie die Stuttgarter Philharmoniker dabei hat – es ist ein Konzert, von dem die Stadt noch sehr lange reden wird. Auffallend ist, wie textsicher das Publikum ist, die Boomer sind stark vertreten.
„Das Programm ist sensationell“, lobt VfB-Vorstandsmitglied Rouven Kasper
Beim Soundcheck hat es der Moderatorin Stefanie Anhalt schon gefallen, wie der coole Herbie Erdnüsse und Heidelbeeren geknabbert hat. Bevor dem Star des Abends die Bühne gehört, bittet die SWR-Frau den Promoter Jürgen Schlensong und das VfB-Marketingvorstandsmitglied Rouven Kasper dorthin. Der VfB lädt jeden Abend Gäste in seine Loge der Jazz Open. Kasper lobt, das Programm sei „sensationell“.
Rouven Kasper (rechts), Vorstandsmitglied des VfB, schenkt dem Promoter Jürgen Schlensog das neue VfB-Trikot mit der Rückennummer 30. /Reiner Pfisterer
Für den VfB gelte nun, was für das Festival schon lange gilt, sagt der VfB-Mann: „Stuttgart international!“ Rouven Kasper hat ein Geschenk mitgebracht: Ein Exemplar des neuen VfB-Trikots, auf dem als Rückennummer „30“ steht – so alt sind die Jazz Open. Jürgen Schlensog bedankt sich und ruft als Devise aus: „Zusammen für Stuttgart!“ Zusammen werde man sich dafür einsetzen, Stuttgart immer noch weiter nach vorne zu bringen. Die Verbindung von Kultur und Sport soll ausgebaut werden, sagt der Promoter: „Gesellschaftlicher Zusammenhalt zählt in diesen schwierigen Zeiten.“ Das Wort „Zusammen“ greift später Herbert Grönemeyer auf: Es gelte, zusammen dafür zu sorgen, dass rechtsextreme Kräfte zurückgedrängt werden.
Sechs Jahre lang hat er an Grönemeyer „gebaggert“
Sein Album „4630 Bochum“ ist 40 Jahre alt, die Stuttgarter Philharmoniker feiern den 100. und die Jazz Open den 30. Geburtstag. Ein dreifaches Jubiläum wird also gefeiert. Sechs Jahre lang, sagt Jürgen Schlensog, hat er an Herbert Grönemeyer „gebaggert“, damit er kommt. Bei einem TV-Talk habe er den Sänger so überzeugend erlebt, dass er aufs Sofa stieg und applaudierte. Er schrieb ihm einen persönlichen Brief.
Was daraus wurde, ist am Mittwochabend zu bewundern. „Die Philharmoniker sind extrem gut“, lobt Grönemeyer, „wir hatten zwei tierische Tage.“ Am Montag war er nach Stuttgart gekommen, um mit dem Orchester im Gustav-Siege-Haus zu proben. In Stuttgart hatte er einst sein Glück mit der damals hier ansässigen Plattenfirma Intercord versucht – ohne Erfolg. „Man sagte mir, man versteht dich nicht“ erzähl der 68-Jährige.
Unter den Gästen Bonita Grupp von Trigema
Restlos ausverkauft ist das Konzert – wen man auch fragt, alle sind hellauf begeistert. Man hört „Wows“ und „der Hammer“. Unter den Begeisterten sind Bonita Grupp von Trigema, Katharina Stihl vom gleichnamigen Familienunternehmen, Rainer Scharr, Chef des Energiehandelsunternehmens, Franz Eppli, Seniorchef des Auktionshauses, Sparda-Bank-Chef Martin Buch, Festwirtin Sonja Merz mit ihrem Mann, dem Schulleiter Konstantin Merz, der frühere Südwestbank-Chef Wolfgang Kuhn, Kulturamtsleiter Marc Gegenfurtner, Künstler Tim Bengel.
Wieder einmal zeigt sich: Die wunderschön illuminierte Schlosskulisse ist ein Traum! Stuttgart präsentiert sich in dieser Nacht in Bestform. Noch fünf weitere Konzerte folgen auf dem Schlossplatz, der schönsten Konzertstätte der Stadt. Die Vorfreude ist groß.