Jazz Open Stuttgart So gut war die Show von Ezra Collective im Alten Schloss

Das Ezra Collective am Mittwochabend im Innenhof des Alten Schlosses Foto: Reiner Pfisterer

Ezra Collective sind beim Jazz-Open-Auftakt in Stuttgart aufgetreten. Und das Konzert im Alten Schloss beweist, dass der Hype um die Band aus London unbedingt gerechtfertigt ist.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Von der Empore herab pusten die Trompete und das Saxofon den Menschen im Innenhof des Alten Schlosses einen zackigen Groove in die Ohren. Dann übernehmen Bass und Schlagzeug, spielen einen schwindelig, verheddern einen herrlich in einem Knäuel aus Rhythmen. Und dazwischen zuckt immer wieder ein Fender Rhodes Piano auf, das fast so klingt, als ob da gerade jemand eine E-Gitarre durch ein Wah-Wah-Pedal jagt. Das Ezra Collective aus London hat bei der Eröffnung der Jazz Open am Mittwochabend dem Jazz wieder das Tanzen beigebracht.

 

Erst Jesus Molina, dann Ezra Collective

Es ist fast so, als ob da im Innenhof des Alten Schosses, die Zukunft und die Vergangenheit des Jazz aufeinandertreffen. Denn bevor das grandiose, bereits mit dem Mercury Prize und einem Brit Award ausgezeichnete Fusion-Quintett auf die Bühne kommt, spielt dort der Kolumbianer Jesus Molina. Und da geht es vor allem um das Zurschaustellen der Virtuosität der Bandmitglieder. Das kann ganz schön anstrengend sein.

Ganz anders das Ezra Collective um die Brüder Femi Koleoso (Schlagzeug) und TJ Koleoso (Bass), das den Begriff Kollektiv auch musikalisch ernst nimmt. Hier geht es nie darum, dass sich jemand in den Vordergrund spielt, sondern immer darum, sich gemeinsam auf einen Groove, eine Harmoniefolge, eine Melodie zu stürzen – und das Publikum zum Tanzen zu bringen – etwa bei der Coverversion von Angie Stones „Wish I Didn’t Miss You“: Ife Ogunjobi (Trompete) und James Millison (Tenorsaxofon) variieren die Hookline wieder und wieder, während Joe Armon-Jones (Keyboard) mit den Koleoso-Brüdern den Song immer wilder zappeln lässt.

Der Auftritt hat etwas Rauschhaftes

Bei dem Auftritt vermisst man kein bisschen, dass hier – anders als auf den bisher drei Alben von Ezra Collective – keine Gäste singen oder rappen. Die mit störrischem Bebop, sich heftig schüttelndem Funk und entfesselter Afrobeat-Polyrhythmik aufgemischten Jazz-Instrumentaljams kommen auch gut ohne solche Verzierungen zurecht.

Die eineinhalbstündige Show der Briten hat etwas Rauschhaftes, erweist sich als großartiges Jazzkonzert für alle, die eigentlich gar keinen Jazz mögen. Und die Aufforderung zum Tanz, die im Titel des aktuellen Albums des Ezra Collective steckt, wird an diesem Abend sehr ernst genommen: „Dance, No One’s Watching!“

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