Die engelsgleiche Statue, die sich am Freitag übergroß quer auf der Bühne räkelt und den 7200 Fans auf dem Schlossplatz kokett den Hintern entgegenstreckt, hat schon mal bessere Zeiten erlebt. Das Gold ist verblasst, der üppige Körper mit Graffiti bemalt. Kein Wunder: Seit eineinhalb Jahren begleitet diese monströse Puttenskulptur schon Sam Smith auf Tour, liegt Abend für Abend auf der Bühne, wenn der britische Superstar Lieder über unerfüllte Liebe, Selbstbehauptung und frivole Fantasien singt, sich ständig neue kuriose Kostüme anzieht und sich auf eine Reise vom Himmel durch die Welt zur Hölle begibt.
Anderthalb Jahre mit dem Arsch gewackelt
„Ich habe in den letzten anderthalb Jahren sozusagen vor jedem und jeder überall auf der Welt mit dem Arsch gewackelt“, sagt Sam Smith, als die Show gerade begonnen hat. Smith trägt da zwar eine schwarze Glitzer-Polizeiuniform. Die ist aber weit weniger schrill als einige andere Outfits, die man von diesem Menschen gewohnt ist, der sich gegen Geschlechterzuschreibungen wehrt und weder „er“ noch „sie“ sein möchte.
Liebe, wenn du willst, singe und sei, was du willst
Nicht nur die Musik, sondern auch die Absicht, die diese beseelt, wird an diesem Abend vom Stuttgarter Publikum auf dem Ehrenhof vor dem Neuen Schloss frenetisch gefeiert. „Die wichtigste Botschaft dieses Abends ist Freiheit“, sagt Sam Smith, „es geht darum, zu sein, was du willst, zu lieben, wen du willst, zu singen, was du willst.“ Das Konzert in Stuttgart ist eine große Feier der Sex- und Body-Positivity, bei der Geschlechterrollen verschwimmen und infrage gestellt werden.
Mit dem keck nach oben zeigenden rotem Schnurrbart gibt sich Sam Smith mal betont maskulin und sieht dann im engen T-Shirt und Ballonmütze wie Marlon Brando in „The Wild One“ aus, mal wird Smith zur Diva in einem spektakulären Abendkleid mit aufgeplusterten Puschelärmelchen und fragt fast verlegen „Ihr mögt mein Outfit?“, als der Jubel gar nicht aufhören will. Auf dem Programm steht dann „Good Thing“, ein Song von Smiths Debütalbum „In The Lonely Hour“, das vor zehn Jahren erschien und mit dem diese grandiose Karriere begann. Nur von Ruth O’Mahonny Brady am Flügel begleitet, singt Smith dieses herzergreifende Lied von enttäuschter Liebe.
Als der Song damals veröffentlicht wurde, wirkte Smith noch wie ein braver, eher unscheinbarer Schmusesänger. Inzwischen ist Smith eine Ikone der queeren Community, versteht sich selbst als divers, als non-binäre Person, hat zwar immer noch ein Faible für Herz-Schmerz-Balladen liebt aber mindestens genauso sehr opulent-freizügige Inszenierungen.
Eine Tag- und eine Nachtshow
Und diese Tour kann das beweisen. Wer im Mai letzten Jahres, als Smith schon einmal mit dieser Show in Deutschland unterwegs war, einen der Auftritte in Berlin oder Köln besucht hat, bemerkt Veränderungen. Damals bestand die Show aus drei Kapiteln: „Love“, „Beauty“ und „Sex“. Am Freitag in Stuttgart hat man den Eindruck, es gibt nur noch zwei Abschnitte: ein Tag- und ein Nachtprogramm. Im ersten Teil, als die Sonne noch nicht untergegangen ist, stehen ruhige Stücke wie „Stay With Me“, „Like I Can“, „How Do You Sleep“ im Mittelpunkt. Weniger Show, mehr Song – wie zum Beispiel auch in der überwältigenden Ballade „Lay Me Down“, in der Smiths großartige Stimme mit ihrem betörendem Vibrato voll zur Geltung kommt, aber auch die Backgroundsängerin LaDonna Young einen großen Auftritt hat.
Die Verwandlung des Sam Smith
Danach darf man aber die Verwandlung des Sam Smith beobachten. Auf dem Programm stehen in diesem NSFW-Teil etwa der unwiderstehliche Discochant „I’m Not Here To Make Friends“ und erotisch aufgeladene Dancetracks, in denen es um sexuelle Selbstbestimmung und um Body Positivity geht. Nach den Songs „Gimme“ „Loose You“ und „Latch“ zieht Smith das T-Shirt aus, und nach einem verruchten Tanz-Intermezzo mit Donna Summers Discoklassiker „I Feel Love“ und dem dezent-obszön mit christlicher Symbolik und Gregorianik spielenden „Gloria“, das perfide in einen Choral verpackt von Dämonen, Monstern und der Lust auf Selbstverwirklichung erzählt, geht das Konzert schließlich nach anderthalb Stunden um 22 Uhr mit einer wunderbar selbstironischen Sado-Maso-Stripshow-Einlage zu dem Clubhit „Unholy“, für den Smith 2023 zusammen mit der deutschen Transfrau Kim Petras mit einem Grammy ausgezeichnet wurde, zu Ende.
Sam Smith spielt da auf der Bühne einen höhnisch grinsenden Lack-und-Leder-Luzifer mit Zylinder, der Tänzerinnen und Tänzer in einer dunkelrot glitzernden Bühnenhölle mit einem Dreizack zu immer neuen lustvollen Verrenkungen anstachelt – und sich feixend über die eigene Verwandlung vom Engel zum Teufel freut.
Sam Smith: Setlist vom Konzert in Stuttgart
Diese Songs hat Sam Smith am Freitagabend in Stuttgart beim Konzert auf dem Schlossplatz gespielt.
- Stay With Me
- I’m Not the Only One
- Like I Can
- Too Good at Goodbyes
- Diamonds
- How Do You Sleep?
- Dancing With a Stranger
- Good Thing
- Lay Me Down
- Gimme
- Lose You
- Promises
- I’m Not Here to Make Friends
- Desire
- Latch
- I Feel Love
- Gloria
- Unholy
Weitere Konzerte auf dem Schlossplatz
Im Rahmen der Jazz Open finden noch folgende Konzerte auf dem Schlossplatz in Stuttgart statt: Veronica Swift/Jamie Cullum (Samstag, 27. Juli), Sting (Sonntag, 28. Juli), Parov Stellar/Meute (Montag, 29. Juli).