Jazz Open – Van Morrison auf dem Schlossplatz Eine wunderbare Nacht für einen Mondtanz

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Von „Moondance“ über „Brown Eyed Girl“ bis „Gloria“: Der Sänger und Songwriter Van Morrison hat bei bei den Jazz Open auf dem Schlossplatz den Griesgram mit Herz gespielt.

Der Ire Van Morrison (70) am Mittwoch bei den Jazz Open auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Foto: Reiner Pfisterer
Der Ire Van Morrison (70) am Mittwoch bei den Jazz Open auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Foto: Reiner Pfisterer

Stuttgart - Ein herzliches Aufseufzen von Paul Morans Hammondorgel eröffnet die Liebesbeichte. Während Dave Kearys Gitarre und Paul Moores aufgeregt herumhüpfen und Mez Cloughs Snare ungeduldig pocht, verkleidet sich die Orgel in einen Bläserensemble und stimmt einen enthusiasmiert auf eine vom Soul und vom Rhythm & Blues beseelte Liebesgeschichte ein. Eine Geschichte, die der Mann am Mikrofon damit fortsetzt, dass er verrät, dass es nun auch ihn erwischt hat, das er rettungslos verknallt ist: „Real real gone/ I got hit by a bow and arrow/ Got me down to the very marrow/ And I‘m real real gone!“

Als Van Morrison am Mittwochabend das Lied „Real Real Gone“ spielt, schimmert sogar mal kurz die Sonne zwischen den Wolken über dem Stuttgarter Schlossplatz hindurch, und die nach Veranstalterangaben 4500 Jazz-Open-Besucher bekommen eine Ahnung davon, wie die unerträgliche Leichtigkeit des Seins klingen könnte. Denn es fällt nicht schwer, „Real Real Gone“ mit einem ganz gewöhnlichen Liebeslied zu verwechseln, hat das Lied, das 1990 das Van-Morrison-Album „Enlightenment“ eröffnete, doch genau die Zutaten, die die romantische Poesie seit dem Minnegesang ausmacht: ein schwärmerisch veranlagtes lyrisches Ich, das sich flehend an ein Du wendet und bittet, erhört zu werden.

Van Morrison ist kein Mann für einfache Romanzen

Doch mit einfachen Romanzen gibt sich dieser großartige Songschreiber aus Belfast nicht wirklich ab. Lieber macht er den Liebesdiskurs selbst zum Thema. Erst bringt er Sam Cooke als Zeugen ins Spiel („And Sam Cooke is on the radio/ And the night is filled with space/ And your fingertips touch my face“), dann arbeitet er sich quer durch den Katalog des Soul, holt sich Rat bei Wilson Picketts „In The Midnight Hour“, bei Solomon Burkes „If You Need Me“, bei James Browns „Try Me“ und Gene Chandlers „Rainbow“. „Real Real Gone“ ist nicht irgendein Liebeslied, sondern ein Liebeslied über Liebeslieder – und beschert den Jazz-Open-Besuchern am Mittwochabend einen Gänsehautmoment.

Zwar versteht es Van Morrison sein Werk an diesem Mittwochabend in Stuttgart immer wieder mit den unterschiedlichsten Gefühlsschattierungen einzufärben. Er gibt sich in der Impression „In The Garden“ zärtlich-sanft und rastet im Delta-Blues-Klassiker „Baby Please Don’t Go“ langsam aus. Er verwandelt sich im gospelhaften „By His Grace“ in einen spirituellen Schwärmer oder vertont in der rumpelnden Garagenrocknummer „Gloria“, die er vor über 50 Jahren für seine erste Band Them geschrieben hat und nun als letzte Zugabe spielt, Obsessionen. Doch der 70-jährige Songwriter und Sänger aus Belfast inszeniert sich an diesem Abend am liebsten als romantischen Enthusiasten.

Griesgram mit Herz

Und das nicht nur in „Real Real Gone“, bei dem das Schlagzeug und die Gitarre ausgelassen herumtoben dürfen, während Van Morrison die Rolle des hingerissenen Rhythm-&-Blues-Sängers übernimmt. Auch das mit jazzigen Schnörkeln verzierte „Moondance“, mit dem Von Morrison seinen anderthalbstündigen Auftritt beginnt, und das wunderbar leichtgewichtige „Brown Eyed Girl“ sind von glückseliger Verzückung durchdrungen. Es gibt Platz für in knuffige Klaviergrooves verpackte Erweckungsmomente („Whenever God Shines His Light“) und grandiose Schnulzen („I Can’t Stop Loving You“).

Doch so sehr Van Morrison es liebt, in den Liedern den romantischen Narr zu spielen, so zurückhaltend, verschlossen gibt er sich. Abgesehen von den zwei, drei „Dankeschöns“, die er am Ende ins Mikrofon murmelt, bevorzugt er es wieder einmal, nicht mit dem Publikum zu sprechen. Er versteckt sich den ganzen Abend unter seinem Hut und hinter seiner dunklen Sonnenbrille, scheint eher für die Rolle des Griesgrams als die des Liebestollen in Frage zu kommen. Doch wenn Van Morrison singt, wenn er Saxofon oder Mundharmonika spielt, wenn er von wilden Nächten, magischen Zeiten, Tänzen im Mondschein und vom Himmel erzählt, der sich durch ein Lächeln auftun kann, lässt er keinen Zweifel daran zu, dass dieser mürrische Mann in Wirklichkeit einer der größten Romantiker des Pop ist.