Jazzfestival in Esslingen Schillernde Tonbilder und furiose Soli

Die Band von Chief Adjuah (Mitte) begeisterte das Publikum in der WLB mit ungewöhnlichen Tonbildern. Foto: Rainer Kellmayer

Das Jazzfestival Esslingen brachte bei den Konzerten von Chief Xian aTunde Adjuah und dem Bill-Frisell-Quartett in der Württembergischen Landesbühne unterschiedliche Jazzstile auf die Bühne. Zu hören war auch die Workshop-Band des Festivals.

Am Wochenende nahm das Jazzfestival Esslingen richtig Fahrt auf: Nachdem am Freitag die koreanische Sängerin Youn Sun Nah im Duo mit dem Pianisten Eric Legnini in der Stadtkirche Lieder von Frauen präsentiert hatte, zogen tags darauf die ungewöhnlichen Klangexperimente und instrumentalen Exkurse von Chief Xian aTunde Adjuah und Band das Publikum in der Württembergischen Landesbühne (WLB) in Bann. Nicht weniger aufregend war am Sonntag der Auftritt des Gitarren-Altmeisters William Richard „Bill“ Frisell am gleichen Ort. Er entführte mit seinem Quartett die Hörer in eine innovative Tonwelt voller Überraschungen.

 

Festivalchef setzt auf hohe musikalische Qualität

„Ich möchte unseren Besuchern besondere Klangerlebnisse aus dem weiten Feld des Jazz bieten. Entscheidend ist dabei, dass es gute, qualitativ hochstehende Musik ist“, sagte Festivalchef Maximilian Merkle. Diesem hohen Anspruch des Festivalgründers wurden die Akteure an allen Abenden voll gerecht.

Chief Adjuah und seine Band sorgten für einen Jazzabend der besonderen Art. Adjuah, der einst als Christian Scott bekannt wurde, sucht im unendlichen Klangkosmos ständig nach neuen Horizonten. Er schafft dies durch spezielle instrumentale Techniken und durch die Erfindung neuer Instrumente, welche die Moderne mit den Wurzeln der Tradition verbinden. So setzte er beispielsweise beim Eröffnungstitel „Barkout thunder roar out lightning“ eine Art Harfe ein, die nicht nur spektakulär anzuschauen war, sondern auch für interessante Töne sorgte. Und als der Keyboarder und Saxofonist Morgan Guerin in „Adrenaline“ ein elektronisch verstärktes Blasinstrument einsetzte, das zwar exotisch anmutete, jedoch ähnlich einem Saxofon klang, ergaben sich völlig neue Klangmuster.

Überhaupt lassen sich Adjuah und seine Mannschaft schwer in eine Schablone pressen. Da peitschte der Drive von Drummer Ele Howell den Groove gnadenlos vorwärts und der Bassist Maks Mucha entlockte seinem gewaltigen Instrument vehement gezupfte Tongänge: Das wirkte ebenso faszinierend wie der ausdrucksstarke Gesang von Adjuah und die verfremdeten Gitarrentöne von Ceol Alexander, der mit flinken Fingern über die Saiten eilte.

Zumeist ging es an diesem Konzertabend ordentlich zur Sache, doch bei der Ballade „Songs she never heard“ kehrte dann doch etwas Ruhe ein. Hier beeindruckten die weichen Gesangspuren von Adjuah, denen er mit geschmeidigen Trompeten-Kantilenen noch die Krone aufsetzte. Doch schon im nächsten Titel war wieder energetisches Vorwärtsdrängen Trumpf. Adjuah jubelte sich mit der Trompete in höchste Lagen hinauf, der Bassist bearbeitete seinen Viersaiter mit Inbrunst, während Gitarre und Schlagzeug für ordentlich Dampf sorgten. Doch nach einer guten Stunde war das Spektakel bereits vorbei. Obwohl es noch eine Zugabe gab, hätte das Publikum gerne mehr von Adjuah und Konsorten gehört.

Mit völlig anders gefärbten Klangbildern begeisterten am Sonntagabend Bill Frisell und sein Quartett die Zuhörer an der WLB. Die Musik wurde zur Rede: Mannigfache Dialoge der Instrumente bestimmten die Szene und das kollektive Miteinander nahm breiten Raum ein. Mit der Erfahrung seiner 73 Jahre kennt sich Frisell in allen Genres aus, lässt Einflüsse aus dem Pop-Bereich ebenso in seine Musik einfließen wie Erinnerungen an die Folkmusic und Bluegrass: Es entwickelten sich Tonbilder, die so bunt wie ein Mosaik schillerten.

Am Ende gibt es Bravorufe und Standing Ovations

Trefflich unterstützt wurde die Gitarrenlegende von famosen Kollegen, allen voran der Saxofonist und Klarinettist Greg Tardy. Wenn er seinen Atem in das Instrument fließen ließ, entstanden Momente berückender Schönheit. Ob er im Duett mit Frisells meisterhaft gespielter Gitarre bestach oder die Klappen seiner Instrumente in den virtuosen Chorussen heiß laufen ließ – stets war bläserische Delikatesse angesagt. Dem stand der Drummer Jonathan Blake in nichts nach. Er ist kein wilder „Hau drauf“, sondern ein Musiker, der unendlich viele perkussive Farben aus seinem Schlagzeug zauberte.

Ideal ergänzt wurde das Quartett von Gerald Clayton. Der Pianist legte das harmonische Gerüst, doch wenn er bei den Soli virtuos in die Tasten griff, merkte man: Hier ist ein Meister seines Fachs am Werk. In Zusammenspiel und Balance bestens abgestimmt ließ Bill Frisells Band die dynamisch fein konturierten Klangflächen wogen und sorgte für ständig changierende Farben. Nach einem furiosen Finale gab es in der Württembergischen Landesbühne Esslingen Bravos und Standing Ovations.

Workshop-Band des Festivals

Band
Als das Jazzfestival vor zehn Jahren startete, erhielten Nachwuchsjazzer die Gelegenheit, in einer Workshop-Band neben den arrivierten Größen der Szene aufzutreten. Diese Nachwuchsförderung wurde über alle Festivals hinweg beibehalten. Diesmal trat die Workshop-Band als Vorgruppe des Konzerts von Bill Frisell auf. Über drei Tage hatten Studierende des Studiengangs Jazz der Stuttgarter Musikhochschule, die noch am Anfang des Studiums stehen, anspruchsvolle Titel erarbeitet.

Programm
Alle Vorträge waren Eigenkompositionen der Bandmitglieder, die durch ihr kreatives Potenzial überzeugten. Clara de Farias sang ihren balladenhaften Titel „Soaked“, und der Pianist Noah Diemer brillierte in „The Dreamer“. Von Raphaela Okle (Gitarre) wurde „Sweet Roses“ gespielt, und der Bassist Nils Becker steuerte „Insomniak“ zum Programm bei. Zum Schluss gab es „He kindly stopped for me“, geschrieben vom Drummer Marco Sickinger.

Bandleader
Bei den bisherigen Festivals wurden die Workshop Bands stets vom renommierten Esslinger Jazzmusiker Wolfgang Fuhr trainiert. Fuhr hat an den Musikhochschulen in Graz und Köln studiert und sich in der Jazzszene einen Namen gemacht. Neben Festivalauftritten und Radioproduktionen hat er eine Reihe von CDs veröffentlicht. Zudem ist der Musiker an mehreren Theatern freischaffend tätig. Auch an der Württembergischen Landesbühne wird er für musikalische Produktionen engagiert.

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