Glücksfall: Gee Hye Lees zum Quintett erweiterte Jazzcombo im Bix Foto: Thomas Staiber
Die Pianistin und Wahl-Stuttgarterin Gee Hye Lee hat mit ihrem Quintett dem Jazzjahr in Stuttgart einen ersten Höhepunkt beschert: Beim Release-Konzert für ihr neues Album „Encounters“ fließt viel warme und positive Energie.
Thomas Staiber
10.01.2025 - 11:28 Uhr
Mit diesen Worten pflegte einst der Komiker Karl Valentin seine Kapelle zum Musizieren aufzufordern: „Lasst die Klänge klingen!“ Deren Klänge brachen jedoch alsbald in einer Kakofonie in sich zusammen. Unter weit geschwungenen Bögen dagegen fließt beim Konzert von Gee Hye Lee und ihrem zum Quintett erweiterten Klaviertrio warme und positive Energie.
Wunderschöne „moments musicaux“
Was macht die Anziehungskraft dieser Improvisationsmusik aus? Ist es die zu Herzen gehende Zartheit, die sich zu expressiver Wildheit steigern kann? Oder die Faszination mitzuerleben, wie man nach wilder solistischer Jagd am Sammelpunkt wieder zusammenfindet? Oder ist es die selbstverständliche Leichtigkeit, mit der die Komplexität des modernen Jazz vorgeführt, wie auf die Widerstände des musikalischen Materials spielerisch reagiert wird? Sind es vielleicht die schönen „moments musicaux“, wenn eine harmonische Klanglandschaft sich öffnet, der Horizont sich weitet?
Jakob Bänsch benutzt seine Trompete als Percussioninstrument, während Kollege Sandi Kuhn ein Saxofon-Solo spielt. Foto: Staiber
Über der knackig-pulsierenden Rhythmusarbeit der dynamisch wirbelnden Mareike Wiening am Schlagzeug und Joel Lochers erzählerischem Spiel am Kontrabass mit seinem schönen, tiefen und Orientierung bietenden Ton blühen melodische Parts auf; sie münden in mitreißende Solos und finden zurück zum gemeinsam intonierten Thema. Der junge Trompeter Jakob Bänsch, der vor Kurzem den Deutschen Jazzpreis für sein Debütalbum „Opening“ erhalten hat, glänzt mit angriffslustigem, strahlendem und erstaunlich reifem Spiel. Trompeter geben ja gerne den Ton an. Alexander „Sandi“ Kuhn, Landesjazzpreisträger wie Gee Hye Lee, fasziniert mit melancholisch angehauchtem, aber auch kraftvoll zupackenden Tenorsaxofonspiel.
Das Quintett strahlt Kraft und Vitalität aus
Die fantasievoll solierende und sehr einfühlsam begleitende Pianistin lebt seit fast dreißig Jahren in Stuttgart. Gee Hye Lee ist Kraftzentrum, Brückenbauerin und Seele dieser Jazzcombo. Die präsentiert beim ersten Release-Konzert der aktuellen Tour das Album „Encounters“, das im März auf Vinyl erscheinen wird. „Encounters“, also Begegnungen, etwa bei Konzertreisen, langjährige Freundschaften oder auch Briefe der Mutter prägen das Leben und inspirieren die Musik von Gee Hye Lee: ein trefflicher Titel des Albums, das mit seinen temperamentvollen Rhythmen und der Klangfülle des Quintetts Kraft und Vitalität ausstrahlt. Aufgenommen wurde das Album - wie stets mit tadellosem Sound – im Ludwigsburger Tonstudio Bauer als Livekonzert.
Die Kompositionen stammen allesamt von Gee Hye Lee – mit einer Ausnahme. Sandi Kuhn hat einen Titel geschrieben, der die symbiotische musikalische Beziehung von ihm und ihr thematisiert: die schöne Ballade „Sangee“ mit ihrem raffinierten Wechselspiel von Dur und Moll, Konsonanz und Spannung.
Gee Hye Lee, eine technisch brillante Pianistin, hat längst zur eigenen Spielweise gefunden, fernab von Be-Bop-Klischees. Wie willensstark sie ist, hat sie einmal als Jugendliche unter Beweis gestellt. Nach Jahren intensiven Klavierunterrichts schloss sie den Flügel zuhause ab und warf den Schlüssel fort. „Ab jetzt übe ich nicht mehr Klassik, ich spiele Jazz“, verkündete die 18-Jährige und flog mutterseelenallein nach Stuttgart, um an der Hochschule bei Paul Schwarz Jazz zu studieren.
Das Publikum geht begeistert mit
So entwickelte sich die charmante Musikerin zu einem Glücksfall für die Jazz-Community weit über die Region hinaus. Um das begeistert mitgehende Publikum im gut gefüllten Bix – darunter Ministerin Petra Olschowski und Autor Wolfgang Schorlau – auch mit vertrauten Klängen von Jazzstandards aus dem Real Book zu erfreuen, kam das Trostlied „My Favorite Things“ auf die Setliste und „How High The Moon“, der Song über eine Liebe in weiter Ferne.
Am Ende spielen Gee Hye Lee und ihre vier Freunde ein anrührendes Kinderlied: „Cottage On An Isle“, mit dem die Mutter einst die kleine Gee in den Schlaf gesungen hat. Die große Gee hat die Weihnachtsferien zuhause verbracht und ist gerade aus „Seoul my Soul“, wie eine ihrer Kompositionen heißt, in ihre zweite Heimat Stuttgart zurückgekehrt. Hier hat sie beim Heimspiel im Bix für einen frühen Höhepunkt des noch jungen Jazzjahres gesorgt.