Jazztage im Theaterhaus Bei solcher Musik besteht noch Hoffnung
Vier Konzerte in zwei Sälen: Bei den Jazztagen im Theaterhaus hat das Osterwochenende mit viel Wohlklang begonnen – und mit zwei Entdeckungen.
Vier Konzerte in zwei Sälen: Bei den Jazztagen im Theaterhaus hat das Osterwochenende mit viel Wohlklang begonnen – und mit zwei Entdeckungen.
Man fühlt die Sekunden verklingen, wenn die Stuttgarter Pianistin Olivia Trummer den Tasten Töne entlockt wie flüchtige Gedanken. „Wie die Zeit vergeht“, singt sie mit heller Stimme, und ein schwärmerischer Funke bringt die Melancholie zum Leuchten.
Die virtuose Instrumentalistin und Romantikerin mit engelsgleichem Scat präsentiert am Gründonnerstag im Saal T1 ausschließlich Eigenkompositionen, und vieles in Trummers Oeuvre weckt die Sehnsucht nach einem Damals, in dem sich alles richtiger anfühlte. Solange solche Musik gespielt wird, besteht noch Hoffnung.
Im Saal T2 schüttet derweil die junge Engländerin Tara Lily ihr Herz aus. Mit leichter Hand spielt sie gut ausgesuchte Synthesizer-Sounds und singt sich das Vibrieren der Jugend von der Seele. Im Londoner Studio tut sie dies mit Band und Beats, im Theaterhaus praktisch nackt, nur sehr frei begleitet von der Sitaristin Veena Sathiendran.
Mal haucht Tara Lily zerbrechlich, dann wieder lässt sie ihre Stimme in strahlende Höhen ausgreifen. Und es gelingt ihr, Miles Davis’ legendären Quintett-Song „Blue in Green“ in eine sauber intonierte Version für Gesang, Keyboard und Sitar herunterzubrechen – fürs Stuttgarter Publikum eine echte Entdeckung.
Zurück in T1 entert der Pianist Bernhard Schüler die Bühne. Er scheint einen Plan gehabt zu haben, als er Triosence gründete: ein Piano-Trio, das die harmonischen Klippen des Jazz mit Wohlklang umschifft. Längst füllt die Band Hallen und begeistert Menschen – mit lebensfroh sprudelnden Pianokaskaden, die das Nicht-anecken-wollen als Markenzeichen ausstellen.
Schüler erzählt auch gern amüsante Anekdoten. Eine handelt von seinem Onkel, einem geschäftsuntüchtigen Kunstmaler, dessen Gemälde die Covers von Triosence zieren. Schüler zeigt sie und sagt, man könne sie sich dann ja nachher am Tonträgerstand „aus der Nähe anschauen“. Sekt oder Selters? Für eindeutig Sekt.
Die berührendste Darbietung des Abends bietet dann in T2 die gebürtige Mongolin und Wahl-Münchnerin Enji. In der Sprache ihrer Eltern singt sie von universellen menschliche Empfindungen: die Liebe der Mutter in Weltumarmung übersetzen, lieber doch nicht auf Englisch singen, „obwohl der Wind des Frühlings schnell vergeht“.
Betörend fädelt Enji Töne zu Melodien auf, und wenn sich ihrer Kehle der Sturm zusammenbraut, entfernt sie sich vom Mikrofon, damit Lautsprecher und Trommelfelle nicht zerspringen. Verschränkte Muster des Gitarristen Paul Brändle und des Kontrabassisten River Adomeit bieten die perfekte Grundierung für die Stimmgewaltige, von der sicher noch zu hören sein wird.