Jazztage Theaterhaus Feurig, wild, anspruchsvoll – so war der Festivalauftakt
Der Start der 36. Jazztage im Theaterhaus hat es in sich: Joachim Kühn & The Young Lions sowie das Duo Wollny & Parisien begeistern das Publikum.
Der Start der 36. Jazztage im Theaterhaus hat es in sich: Joachim Kühn & The Young Lions sowie das Duo Wollny & Parisien begeistern das Publikum.
Was für ein Auftakt der 36. Jazztage im Theaterhaus! Mit einem sensationellen Konzert eröffnen der 82 Jahre alte Joachim Kühn und vier junge Jazzer das Osterfestival. Was tun, wenn man was gegen das Altwerden hat? Joachim Kühn macht’s vor: Er lebt intensiv im Moment, und er hasst Stillstand. Täglich spielt er in der Wahlheimat Ibiza viele Stunden auf seinem Steinway-Flügel. Musik ist sein Leben. Und das darf man wörtlich nehmen. Nicht von ungefähr tritt er auf der aktuellen Tour mit vier jugendlichen Jazzern auf. Er sieht natürlich älter aus als seine Young Lions, aber hören tut man das kein bisschen. Der Name ist Programm: Die Band überwältigt das Publikum mit wilder, rhythmisch anspruchsvoller Improvisationsmusik und einem tollen Kollektiv-Sound.
Den musikalischen Herausforderungen Kühns begegnen die Junglöwen souverän und auf hörenswerte Weise. Der 23-jährige Jakob Bänsch, den Kühn als „einen unter tausend Trompetern“ ausgewählt hat, besticht mit kristallklarer Intonation und tollen Improvisationen. Eine neue europäische Trompetenstimme aus Baden-Württemberg strahlt hier cool und selbstbewusst in die Zukunft. Die Vibrafonklänge des tänzerisch klöppelnden Ibizenkers Andrés Coll wirken wie Farbtupfer, die mit den Klaviertönen Kühns zu einem großen tachistischen Klangbild verschmelzen.
Die Rhythmusgruppe des federnd spielenden Kontrabassisten Nils Kugelmann und des quecksilbrigen Sebastian Wolfgruber am Schlagzeug bildet das elastische Fundament dieses feurigen Quintett-Jazz. Die beiden passen zusammen wie Nut und Feder. Kühns überbordende Fantasie, sein tiefes musikalisches Empfinden und eine stupende Fingerfertigkeit erstaunen Mitspieler wie Publikum. Sein Jazz strömt rasant wie ein Gebirgsbach nach der Schneeschmelze. Dazwischen geht eine warme, weiche Ballade zu Herzen. Als der letzte Akkord verklingt, stehen die Menschen auf, allen voran Siggi Loch, der Chef des Jazz-Labels ACT. Die Musiker spielen eine Zugabe, die es in sich hat.
Im zweiten Teil des Konzerts werden die Klangfarben neu gemischt. Der wundervolle Pianist Michael Wollny, 47, und der Saxofonist Émile Parisien, 43, haben beide schon mit Kühn gespielt. Parisien nennt ihn gar „unseren Mentor“. Parisien spielt in der französischen Tradition von Sidney Bechet das helle Sopran. Mit vollem runden Ton begleitet er wie ein Waldvogel im Frühling das fantasievoll-virtuose Klavierspiel Wollnys. Die Improvisationsmusik im intimen Rahmen des Duos speist sich aus verschiedenen Quellen. Von Ferne scheint Schuberts Nachtstück zu grüßen, und sind das Anklänge an Debussy? Man spürt einen Hauch von Blues, wird von ekstatischen Ausbrüchen fortgerissen, in unbekannte Gefilde geführt, wo wilde Blumen blühen und ein weiter Horizont sich öffnet. Ist das Jazz? Wer weiß . . .
Internet
Infos unter www.theaterhaus.com/de/jazztage