Heidelberg ist Sitz der Springer Nature Gruppe, zu der Metzler seit 2015 gehört. Rechtlich ist das Stuttgarter Unternehmen damit Teil des Berliner Wissenschaftsverlags Springer, weshalb seit der Zusammenlegung die deutsche Hauptstadt neben Stuttgart als Erscheinungsort der Publikationen gilt. „In den vergangenen fünf Jahren haben wir bereits schrittweise verschiedene Verlagsbereiche wie beispielsweise Herstellung und Verkauf nach Heidelberg verlagert, um das exzellente Metzler-Programm noch enger mit den innovativen Möglichkeiten von Springer Nature zu verzahnen“, sagt der Chef der Gruppe, Niels Peter Thomas. Die Verlegung der bislang noch in Stuttgart verbliebenen Bereiche werde einen weiteren Integrationsschub in die internationalen Abläufe und Programme fördern.
Auch Friedrich Schiller erschien bei Metzler
Im frühen 18. Jahrhundert war der Verlag stark vom württembergischen Pietismus geprägt. Hier erschienen Bibeln und theologische Schriften, später auch Autoren wie Friedrich Schiller oder Gotthold Ephraim Lessing. Nach dem Krieg wurde Metzler zu einem geisteswissenschaftlichen Fachverlag geformt, zu dem auch Schulbücher mit einem starken Schwerpunkt auf Musik, Biologie und politische Bildung gehörten.
Flaggschiffe des Hauses sind das Kindler-Literaturlexikon oder die Antiken-Enzyklopädie der „Neue Pauly“. Wer sich für Literatur interessiert, kommt um die viel genutzten Autorenhandbücher nicht herum, ein Gebiet, in dem sich Metzler die Marktführerschaft erobert hat. Gerade erscheinen die überarbeiteten Auflagen zu den Jubilaren dieses Jahres, Max Weber und Friedrich Hölderlin. In einem ehrgeizigen Editionsprojekt werden erstmals sämtliche Reisetagebücher Alexander von Humboldts publiziert. Maßstäbe hat auch die in den letzten Jahren herausgegebene siebenbändige „Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur“ gesetzt. Zahlreiche neue Fachbuchreihen wurden ins Leben gerufen.
Die Inhaber wechseln immer wieder
Es ist mithin kein allein von der Vergangenheit zehrender Sanierungsfall, der nun die Stadt verlässt, eher etwas, was mit lebendiger Tradition treffend umschrieben wäre. Die Verlagsleiterin, Dorothee Fetzer, sieht vor allem die positiven Seiten des neuen Standorts: „Die traditionsreiche Kultur geht in dem innovativen Heidelberger Verlagshaus auf. Das ist eine gegenseitige Bereicherung, für die Firmenkultur ist es sinnvoller, dass unsere Mitarbeiter eine engere Anbindung an alle Abteilungen an einem Ort haben.“ Seit Jahresbeginn leitet Fetzer das Unternehmen, dann kam Corona, nun der Umzug. Gerade während der Pandemie habe sich gezeigt, wie wichtig es sei, dass Bücher nicht nur gedruckt, sondern auch in elektronischer Form verbreitet würden. „Wir werden immer digitaler, dafür sind die Anknüpfungspunkte an unseren Mutterkonzern in Heidelberg essenziell.“
Immer wieder haben die Eigentümer gewechselt, vor allem im späten 19. und im 20. Jahrhundert. Bis 1991 war der Verlag unabhängig, dann wurde er von Holtzbrinck übernommen. Dadurch wurden viele Dinge möglich. In Koproduktion mit dem Bärenreiterverlag konnte ein ehrgeiziges Musikprogramm aufgebaut werden, Metzler beteiligte sich etwa an der einschlägigen Enzyklopädie „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“. Der Verlag ist fest in der Wissenschaft verankert. Und genau hier entstand Handlungsbedarf. Als einziger wissenschaftlicher Fachverlag der Holtzbrinck-Gruppe war man für die digitalen Veränderungen im Feld von Hochschule und Forschung schlecht gerüstet. Deshalb wurde Metzler 2016 mit der Fachbuchgruppe Springer Nature zusammengelegt, an der Holtzbrinck die Anteilsmehrheit besitzt. Damit war der Anschluss an eine moderne technische Infrastruktur geschaffen, die es erlaubt, digital und gedruckt weltweit zu publizieren.
Produziert wird schon jetzt in Heidelberg
Schon jetzt ist der Produktionsort das große Springer-Nature-Gebäude in Heidelberg. In Stuttgart verblieb vor allem das Lektorat, gewissermaßen der Kopf. Nun folgt auch der. „Es stellte sich die Frage, ob es sinnvoll wäre, die Leute in der Stadt zu halten oder nicht die neue Verbindung zu nutzen, alles in Heidelberg unter einem Dach zu haben“, sagt Dorothee Fetzer. Diese Frage ist beantwortet.
Stuttgart hat in den vergangenen beiden Jahren Rang drei unter den deutschen Verlagsstädten eingebüßt und liegt nun hinter Hamburg, Berlin und München. Nach DVA, Theiss, Lucius & Lucius verliert die Stadt ihre älteste Adresse. Doch ein Trost bleibt. Das Verlagsarchiv der Jahre 1682 bis 1945 geht an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach – zumindest der Teil, der in den Bombennächten des Zweiten Weltkrieges nicht verbrannt ist.